Reformation im Krokodilstränensound

14.03.2010   Von: Monika Beer  inFranken.de

Uraufführung Das Theater Hof hat mit "Luther" von Roland Baumgartner und Rolf Rettberg ein Musical aus der Taufe gehoben, das sich vergeblich als "neoromantische Oper" ausgibt.


Der Bariton Thomas Rettsteiner als Martin Luther in einer Ensembleszene der Uraufführungsproduktion von "Luther" am Theater Hof. Foto: SFF Fotodesign Hof, Harald Dietz
Das Positive vorab: Mit der Uraufführung von "Luther", der so bezeichneten "neoromantischen Oper" von Roland Baumgartner und Rolf Rettberg, hat das Theater Hof einmal mehr seine große Leistungsfähigkeit bewiesen.

Es ist erstaunlich, was ein kleines Dreispartenhaus auf die Beine stellen kann: mehr als 20 Solisten mit dem überragenden Thomas Rettensteiner als Martin Luther an der Spitze, dazu Chor, Extrachor, Kinderchor, Ballett und Statisterie. Das summiert sich – die Bühnenmusik und die agilen Hofer Symphoniker im Orchestergraben unter Arn Goerke noch nicht mitgezählt – auf über 80 Mitwirkende, die sich fast komplett zu einem beeindruckenden Schlussbild formieren.

Heilige, Hexen und Huren

Schon die schiere Menge an Akteuren, die Barbara Schwarzenberger in gefällig historisierende Kostüme gesteckt hat, verfehlt ihre Wirkung nicht. Rolf Rischer sorgt mit schnell wandelbaren Bühnenbauteilen und großformatigen Hintergrundprojektionen dafür, dass immer wieder andere Schauplätze für die 19 Bilder des Stücks aufscheinen. Da wechselt kirchliche und klösterliche Abgeschiedenheit mit weltlichem Prunk im päpstlichen Rom des 16. Jahrhunderts und beim Reichstag zu Worms, da treten Heilige auf, Hexen und Huren.

Das Problematische an diesem Musiktheaterabend ist, dass er gleich aus mehreren Gründen nicht hält, was er verspricht.


Es ist, als ob die von der katholischen Kirche so empfundene Hybris des Titelhelden auf die Hauptverantwortlichen abgefärbt hätte: "Luther" ist mitnichten eine "neoromantische Oper in zwei Aufzügen", sondern vom Textbuch und der Komposition her bestenfalls ein nicht unbedingt geglücktes Musical, dem der Uraufführungsregisseur leider nur in Ansätzen gerecht wird. Kein Wunder, dass sich bei der besuchten zweiten Vorstellung der Beifall in Grenzen hielt.

Einfache Sprache, einfacher Sinn

Dabei hat es das Sujet in sich. Schon Richard Wagner liebäugelte mit "Luthers Hochzeit", allein in den letzten zehn Jahren sind schon zwei Luther-Opern und ein Luther-Musical herausgekommen. Rolf Rettberg, dem das Programmheft "Idee, Buch und Liedtexte" zuschreibt, hat einen chronologischen Bilderbogen zum Leben und Wirken des Reformators verfasst – in einer Sprache, die dem Volk derart einfach aufs Maul schaut, dass einem wie von selbst der von Luther geprägte Schandfleck in den Sinn kommen könnte. Ja, es ist alles da: vom Erweckungserlebnis anno 1505 über die Romreise und den historisch nicht belegten Wittenberger Thesen-Anschlag bis hin zum Reichstag in Worms, der Bibelübersetzung und der Heirat mit Katharina von Bora. Dazu zwei "Kunstgriffe": die Lieblingsheilige Anna mutiert zu einer Luther begleitenden Doppelfigur, die dieser vor den Flammen der Inquisition rettet, und der Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" wird als zündender Gedanke beim fiktiven ersten Treffen mit Katharina einbezogen. Dass die Szene dann schwer an "Sister Act" erinnert, hat vor allem mit der Musik zu tun. Denn der aus Österreich stammende, überwiegend in Amerika tätige Komponist Roland Baumgartner hat genau das getan, was er auch sonst tut: Er hat keine durchkomponierte Oper geschrieben, sondern eine Mixtur aus illustrativer Filmmusik und Musical – mit einer schmissigen Ouvertüre und Zwischenmusiken, in denen der Komponist ein paar Pfauenräder schlägt, mit gnadenlos schnulzenhaften Songs und rhythmisch starken Tanznummern (welche die Regie aber bis auf wenige Ausnahmen ignoriert). Lauter Einzelstücke, die wenig miteinander zu tun und wenig zu sagen haben.

Klischees auf Kindergartenniveau

"Gott sei Dank", betonte im Vorfeld Uwe Drechsel, Hofer Intendant und Regisseur der Produktion, "ist diese Musik überhaupt nicht intellektuell, sondern geht an die Emotionen." Ersteres stimmt. Und was Letzteres betrifft, so tun sich hier fast durchgängig klischeehafte Gefühlswelten auf, die die holzschnittartige Inszenierung noch betont. Auf der Bühne stehen nur sehr eindimensionale Figuren, die schon jedes Kindergartenkind feinsäuberlich in gut und böse unterscheiden kann.

Und so muss der sängerisch eindrucksvolle Bariton Thomas Rettensteiner stets als unerschütterlicher Fast-Heiliger über den Wassern der Krokodilstränen schweben, die Komponist, Librettist und Inszenator aus sich herausgequetscht haben, so darf Karsten Jesgarz als Papst Leo X. richtig schön lüstern und Thilo Andersson als Teufel des 21. Jahrhunderts ein langhaariger Banker sein. Die einzige Figur, die sängerisch und darstellerisch überzeugt, ist die der Jüdin Maria. Aber auch nur deshalb, weil Marianne Lang über soviel Präsenz verfügt, dass man gerne das neoromantische Machwerk drumherum vergisst. Termine

In Hof: 27., 28. 3.; 2., 18., 19., 22. und 23.5.
Karten Tel. 09281/ 7070290

In Bayreuth
10., 11.4., Karten Tel.0921/69001



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