Ein Siegfried, wie er im Buch steht

04.11.2011   Ort: Frankfurt  Von: Monika Beer  Fränkischer Tag

Premiere Die Neuinszenierung von Richard Wagners "Ring"-Tetralogie geht in Frankfurt in die dritte Runde. Vera Nemirova und ihr Team zeigen in "Siegfried" zu viel Altbekanntes, Dirigent Sebastian Weigle trägt die Solisten auf Händen.


Lance Ryan als Siegfried Szenenfotos: Monika Rittershaus
Richard Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" neu herauszubringen, ist - wo auch immer - eine der größten musiktheatralischen Herausforderungen überhaupt. Der Anspruch, die Anforderungen und die Schwierigkeiten sind riesig, die Möglichkeiten des Scheiterns ebenso. Nicht umsonst sind Zu- und Absagen von "Ring"-Regisseuren nicht nur in Bayreuth ein Politikum. Es geht eben ums Ganze. Und das lässt sich exemplarisch am aktuellen Projekt der Oper Frankfurt ablesen, das mit der "Siegfried"-Premiere am Sonntag in seine dritte Runde ging.

Lauter Déjà-vu-Erlebnisse
Nach dem durchwachsenen "Rheingold"-Auftakt und einer deutlich gelungeneren "Walküre" in 2010 kehrt spätestens jetzt Ernüchterung ein. Was Regisseurin Vera Nemirova und ihr Team erarbeitet haben, dürfte zwar auch nach der "Götterdämmerung" (Premiere im Januar 2012) ästhetisch geschlossen wirken. Das ändert aber nichts daran, dass die Inszenierung zu wenig eigene Konturen gewinnt. Es ist gewissermaßen ein Recycling-"Ring".

Dass die Déjà-vu-Erlebnisse sich bei "Siegfried" häufen, kommt nicht von ungefähr. Was kann man heute bei den szenischen Abläufen schon groß anders machen als beispielsweise Patrice Chéreau 1976 in Bayreuth und Jossi Wieler 1999 in Stuttgart? Ein Schwert schmiedet sich eben nicht von alleine. Es sei denn, man rettet sich in die Rezeptionsgeschichte - und in irgendeinen Mythos.

Die Flucht in Altbewährtes ist in Frankfurt schon rein optisch evident. Das Einheitsbühnenbild von Jens Kilian ist nichts anderes als die Weiterentwicklung der sogenannten Koch-Scheibe, die vor allem durch die Neubayreuther Inszenierungen von Wieland und Wolfgang Wagner Jahrzehnte lang bildnerischer Standard war. Technisch geht inzwischen einiges mehr, aber wenn die Scheibenkonstruktion sich dreht und die Hubpodien in Aktion sind, knarzt es.

Dramaturgische Klippen
Nach all den vorangegangenen offenen Verwandlungen ist es eine Bankrotterklärung, dass der Vorhang sich im 3. Akt nach der Wanderer-Siegfried-Szene erstmal schließt. Natürlich ist der Feuerkreis beeindruckend, der dann über dem runden Brünnhildenfelsen schwebt. Aber das schöne Bild relativiert sich schnell, weil es dramaturgische Fehler birgt. Zu spät überwindet Siegfried den Feuerkreis, der irgendwann ohne erkennbaren Grund hochgezogen wird.

Peinlich zeitnahe recycelt Kostümbildnerin Ingeborg Bernerth. Aus der Nürnberger "Ring"-Inszenierung von Stephen Lawless (2001-2003) hat sie das rote, verknotete Seil und das auch hier inflationär benutzte Wolfsfell mitgebracht. Ihr Erda-Kostüm deutet zwar manches an, ist und bleibt aber im Wortsinn haarig, was sich im übertragenen Sinn auch auf den enthäuteten Fafner anwenden lässt. Und ihr Siegfried-Kostüm beamt das Publikum zurück in jene Zeiten, als der Titelheld noch in Lederwams und -röckchen zugange war.

Und was macht die Regisseurin? Sie scheint nur lustlos auf bildnerische Gegebenheiten zu reagieren, versucht ihr Glück in filigranem Kammerspiel und sängerfreundlicher Rampenoper und schickt - das ist ein signifikantes Novum der Inszenierung - den Tänzer Alan Barnes als Waldvogel auf die Bühne, der leider mehr Aufmerksamkeit absorbiert, als den Sängern lieb sein kann.

Dass Vera Nemirova das Regiehandwerk beherrscht, steht außer Zweifel. Aber warum wird das immer nur in überzeugenden Details, in einzelnen bannenden Momenten evident, in der Spannung, die sie zwischen den Figuren aufbaut, und zuweilen auch in den genuin weiblichen Akzenten, die sie setzt? Warum sieht sie nicht, dass Bilder sich auch abnutzen? Warum lässt sie Wiederholungen und pädagogischen Fingerzeigen so viel Raum? Fast möchte man meinen, dass die bildnerische Abstraktion sie das Fürchten gelehrt hat. Da kreist eine "Ring"-Welt, die ausgerechnet die Regisseurin wirr gemacht hat. Bis hin zu irreführenden Übertiteln.

Besetzungsglück mit Lance Ryan
Dabei hat sie noch das Besetzungsglück, in Lance Ryan den Siegfried-Interpreten der Stunde zur Verfügung zu haben. Er rettet den Abend mit einer sängerdarstellerischen Überzeugungskraft, die ihresgleichen sucht. Er vermag bei den Schmiedeliedern glaubhaft aufzulachen, während das Gros der Heldentenöre da nur noch Zähne bleckt. Stimmlich scheint er kaum Grenzen zu kennen, und egal, in welches Kostüm man ihn steckt: Er schafft den Spagat zwischen jugendlichem Haudrauf und empfindsamem Waisenkind sowohl in Mimik, Gestik und Körpersprache wie in seiner Stimme.

Dem Ausnahmesänger können Peter Marsh (Mime), Terje Stensvold (Wanderer), Jochen Schmeckenbacher (Alberich) und Meredith Arwady (Erda) immerhin das Wasser reichen. Susan Bullocks angestrengte Brünnhilde schafft das leider nicht. Was bestimmt nicht am Dirigenten liegt. Sebastian Weigle pflegt eine orchestrale Feinzeichnung, die alle Lautstärkenklischees hörbar widerlegt, lässt das auch in den Solostimmen brillante Orchester nur dann voll auffahren, wenn kein Solist dadurch in Gefahr gerät.

Termine und Karten
Weitere Vorstellungen am 6., 11., 19., 27. November und 2. Dezember. Karten gibt es unter Telefon 069/21249494.




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