Ein rundherum kollektives Erlebnis
05.02.2012 Ort: München Von: Monika Beer
Opernpremiere Mit dem "Rheingold" startete am Samstag die Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" in München. Das Publikum feierte ausgiebig auch das Regieteam unter Andreas Kriegenburg.

Die Statisten-Crew stellt zunächst den Rhein dar (Bild), formiert sich dann unter anderem zu einer Walhall-Burg mit Zinnen, zeigt Nibelheim als Arbeitslager-Moloch und agiert in der Erda-Szene als bleiches Erdengewürm.
Endlich einmal wieder scheint das Risiko, einen Schauspielregisseur ohne große Opernerfahrung mit dem Musiktheater-Mammutwerk des 19. Jahrhunderts zu betrauen, voll aufzugehen. Zwar werden bis Ende Juni erst noch die drei größeren Teile der Tetralogie folgen müssen. Aber schon jetzt lässt sich sagen, dass der Ansatz, das Konzept des 48-jährigen, aus Magdeburg stammenden Szenikers fesselnd, begeisternd und von Belang ist. Für uns Menschen des frühen 21. Jahrhunderts.
In erster Linie zählt die Handlung
Schon die Inhaltsangabe im Programmheft verrät, dass da einer nicht seine Interpretation, seine Sicht auf das Werk ausbreiten, sondern in erster Linie erzählen will, was Richard Wagner in seinem Libretto und der Partitur aufgeschrieben hat. Anstelle des heute üblichen visuellen Overkills steht eine einfache, abstrakte, schlackenlos scheinende Optik (Bühne: Harald B. Thor, Kostüme: Andrea Schraad, Licht: Stefan Bollinger), die doch ungemein viel zu sagen hat.
Das gilt erst recht für die Figuren der Handlung. Frei von allzu eindeutigen Zuordnungen und Klischees sind sie von vornherein so sehr auf ihren menschlichen Kern geworfen, dass jede noch so kleine Geste, jeder Blickkontakt untereinander für die Zuschauer spannend ist. Das psychologische Kammerspiel, das sämtliche Sängerdarsteller hier bis ins Wimpernzucken virtuos beherrschen, wird darüber hinaus von einer über 80 Statisten umfassenden, anonymen Menschenmenge begleitet, die eingangs fröhlich auf der leeren Shakespearebühne aus hellem Welteschenholz kampiert, noch bevor die tiefen Es-Dur-Klänge sich aufbauen.
Sinnlicher Urgrund aus bewegten Leibern
Erst hört man ein Plätschern, wie es später die Nornen in der "Götterdämmerung" beschreiben: Der Weisheit raunende Quell, mit dem diese kollektive Erzählung der Schöpfungs-, Welt- und Menschheitsgeschichte beginnt, spendet die blaue Farbe, mit denen die lebendig bewegten Leiber (Choreographie: Zenta Haerter) zum Wasser des Rheins werden, zu einem sinnlichen Urgrund, aus dem sich die drei Rheintöchter in blautürkisen Roben schälen.
Nein, das sind keine Prostituierten! Aber sie und die durch Wotan schon verletzte Natur lassen den langhaarigen Alberich (phänomenal auch als kurzfristiger Einspringer: Johannes Martin Kränzle) einfach außen vor, spielen nur mit ihm und seinen allzu menschlichen Wünschen. Wenn der Schwarzalbe die Liebe verflucht und den schon wie versteinert wirkenden Rheingoldfingerkörper raubt, fängt man bereits an, darüber nachzudenken, dass das nicht der erste verhängnisvolle Fehler war.
Assoziationsreichtum ohne Holzhammer
Die ureigene, sehr subtile und alle Sinne ansprechende Erzählweise der Inszenierung löst immer wieder Assoziationen aus, ohne sie den Zuschauern aufzupfropfen. Die Quader aus Menschenleibern, auf denen die Riesen sich in Positur werfen, verweisen unaufdringlich, aber mit Nachdruck genau darauf, was nach dem Kapitalismuskritiker Wagner treffend auch Bertolt Brecht in den "Fragen eines lesenden Arbeiters" formuliert hat.
Sogar das Riesenhafte selbst, die Vorführung, wie zwei normal große Menschen sich übermächtig groß machen wollen, führt in eine wichtige Bedeutungsebene: in die des Erzählens schlechthin und der Erzählweisen des Theaters. Während die "Rheingold"-Handlung abrollt, denkt man plötzlich auch an biblische Geschichten und an Shakespeares "Sommernachtstraum" mit den Handwerkern, die zu grob sind für die Feinheiten der gehobenen Herrschaften. So wie hier Fasolt, der ganz verdutzt ist, dass der Schmetterling, der zuvor Freia umschwebte, seinen Zugriff nicht überlebt.
Fast alles geschieht in solch spielerischer Leichtigkeit. Alberichs Verwandlung in den feurigen Riesenwurm ist eine von den Theatermitteln her feine Replik auf das Ansinnen des Feuergotts Loge (schneidend klar: Stefan Margita), seine Fesselung mit dem Speer ist nichts anderes als eine beklemmend wahrhaftige Kreuzigung. Und Wotan? Einzig die Tatsache, dass er das Hemd über seiner Anzughose trägt, verrät sofort, dass bei ihm nicht alles korrekt zugeht.
Kluge Besetzungspolitik
Alle Solisten verdienten es eigentlich, nicht nur namentlich hervorgehoben zu werden. Stattdessen seien hier zuerst die Hauptverantwortlichen dafür gelobt, dass sie ihr sängerisches "Ring"-Heil überwiegend in wechselnden Besetzungen suchen. Man braucht also keine Angst zu haben, ob Wotan (souverän im "Rheingold": Johan Reuter), Brünnhilde und Siegfried in der Folge auch durchhalten. In Hinblick auf die Grenzen heutigen Wagnergesangs und spätere Repertoirevorstellungen ist das eine kluge Entscheidung.
Apropos: Kent Nagano war und ist kein Dirigent, der die Sänger auf Händen trägt, sondern eher die musikalische Gesamtarchitektur, fließende Übergänge, Transparenz und Klangfarben im Auge bzw. im Ohr hat. Umso höher ist die Professionalität aller Solisten einzustufen, die bis auf wenige Wackler genauso ausdrucksstark, konzentriert und präzise musizierten wie das sowohl in den Streichern wie den Blechbläsern triumphierende Bayerische Staatsorchester.Wie immer es auch weitergeht: Für Bayreuth und seinen Jubiläums-"Ring" wird es zunehmend eng.
Termine und Karten
Die weiteren "Rheingold"-Vorstellungen in dieser Saison sowie die ersten beiden zyklischen "Ring"-Aufführungen im Juli 2012 sind bereits komplett ausverkauft. Die weiteren "Ring"-Premieren am 11. März ("Die Walküre"), 27. Mai ("Siegfried") und 30. Juni ("Götterdämmerung") werden live auf BR Klassik übertragen.
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