Elisabeth ist eine Borderlinerin
18.10.2009
Ort: Importartikel Von: Monika Beer ![]()
Opernpremiere In Nürnberg gibt es eine sehens- und hörenswerte Neuproduktion von Richard Wagners "Tannhäuser". Rosamund Gilmores Regiekonzept bietet vielsagende und fesselnde Details. Die Solisten sind fast durchgängig erstklassig.
Ein weitreichendes Regiekonzept
So lässt sich kurz auf einen Nenner bringen, wie Rosamund Gilmore Richard Wagners „Tannhäuser“ im Opernhaus Nürnberg auf die Bühne gebracht hat. Ihr Konzept beinhaltet aber weit mehr als das. Es ist vielsagend, vieldeutig, spannend und dabei wohltuend unaufdringlich, thematisiert nicht nur das Künstlerdrama zwischen Anpassung, Doppelmoral und Aufbegehren, sondern zeigt auf, was hinter den Gegenwelten von Venus und Elisabeth stehen könnte.
„Ritter, Bürger, Künstler“ heißt ein alter Text des Opernkenners Hans-Klaus Jungheinrich, der mir vorkommt wie ein Fahrplan für die Inszenierung und ihre signifikanten Details. Gleich zu Beginn des 2. Akts, nachdem sich das intime, von schillernden Halbweltdamen à la Toulouse-Lautrec oder Alfons Mucha bevölkerte Künstlerzimmer geweitet hat zum nach wie vor von einem Ibach-Flügel dominierten Saal (Bühne: Carl Friedrich Oberle), fragt man sich verwundert, warum die in adrettes Dunkelblau gekleidete Elisabeth Handschuhe trägt. Ist das nur ein Zeichen ihrer Vornehmheit?
Rosamund Gilmore gibt die erste Antwort, indem der Landgraf Elisabeth gewohnheitsmäßig an den Hintern fasst. Das ist – trotz der vorangegangenen Langversion des Bacchanals – die einzige obszöne Geste im Stück. Sie offenbart eine Vorgeschichte, zeigt eine Elisabeth, die sich zwar von ihrem „lieben Oheim“ nichts mehr gefallen lässt und nach außen hin den Schein wahrt, aber die sexuellen Übergriffe längst nicht verarbeitet hat. Denn im 3. Akt, wenn sie in ihrer himmelblauen Kleidung gleichzeitig zur Heiligen und zur Hure wird (Kostüme: Nicola Reichert), ist sie tatsächlich eine Borderlinerin, die gewissermaßen Dornenkränze um ihre Handgelenke trägt und sich selbst stigmatisiert: Elisabeth als die einzig wahre Pilgerin.
Worauf es hier ankommt, ist durchaus kein männerfeindlicher Standpunkt, denn selbst der Landgraf darf Gewissensbisse zeigen. Und umgekehrt emanzipiert sich Elisabeth hier ja nicht nur von ihm, sondern vom gesellschaftlichen Druck. Nach Tannhäusers erstem Zwischeneinwurf im Sängerwettstreit macht sie in Wagners Regieanweisung „eine Bewegung, ihren Beifall zu bezeugen“. In Nürnberg hält sie sich dann aber eben nicht „schüchtern zurück“, sondern applaudiert, schließlich auch ohne Handschuhe. Und hebt, nachdem es im Sängersaal hochhergegangen ist, ein Notenblatt und den rosigen Venusschal auf, den Tannhäuser im Wettstreit von sich geworfen hat.
Auch die Zeiten mischen sich
So wie man hier Vorgeschichten erfährt, so mischen sich auch die Zeiten. Dieser „Tannhäuser“ spielt im 19. Jahrhundert, im 3. Reich und in der Gegenwart gleichzeitig – und eben weil es auch um Ideologien geht, wird genau das in den Kostümen, in Haltungen und Verhalten dezent, aber präzise durchdekliniert. Man kann die Knobelbecher, in denen der Männerchor zum 2. Akt aufmarschiert, natürlich übersehen. Man kann es für Zufall halten, dass der Frauenchor wirkt wie eine verquere Mischung aus verhärmten Gouvernanten und Mutterschaftskreuzanwärterinnen. Aber spätestens, wenn man die schwarz-rot-goldenen Abzeichen beim thüringischen Volk erkennt, wird einem klar, dass das heillos verfahrene Künstlerdrama auch deshalb eines ist, weil das bürgerliche Mittelmaß nie ausstirbt.
Was die Umsetzung betrifft, so kann von Mittelmaß keine Rede sein. Sängerdarstellerisch sind alle überzeugend – von den Hauptsolisten bis hin zu den Choristen. Dass Gast-TenorRichard Decker bei der Premiere die ersten zwei Akte ausgesprochen ökonomisch sang, darf man getrost auch seinem Rollendebüt zuschreiben. Wenn er seinem Tannhäuser zunehmend das zu geben vermag, was er im 3. Akt leistete, kann er sich bald zur Spitzenklasse der Wagnerhelden zählen. Großartig in all ihren stimmlichen Feinheiten die Elisabeth von Mardi Byers, in jeder Hinsicht machtvoll ausladend und mitreißend die Venus von Alexandra Petersamer. Zurecht den größten Beifall bekam Jochen Kupfer, dessen Wolfram keine Wünsche offen ließ außer dem, dass der wunderbare Bariton derzeit nicht nur in dieser einen Rolle zu erleben sein sollte.
Ohne Pathos und Pseudoromantik
Beachtlich auch, was Chefdirigent Christof Prick und die Philharmoniker leisten. Pathos und Pseudoromantik sind dieser Interpretation fremd, klar und präzise arbeiten die Musiker nicht nur grandiosen Details der leider selten gespielten Pariser Fassung heraus. Wie rau, ja brachial die Streicher am Ende des 2. Akts unmittelbar vor Tannhäusers „Nach Rom!“-Rufen einsetzen, sagt viel aus darüber, dass diese Produktion in echter Teamarbeit entstanden sein muss.
Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg
Große romantische Oper in drei Akten (Pariser Fassung) von Richard Wagner
Musikalische Leitung: Christof Prick
Inszenierung: Rosamund Gilmore
Bühne: Carl Friedrich Oberle
Kostüme: Nicola Reichert
Choreinstudierung: Edgar Hykel
Dramaturgie: Johann Casimir Eule
Besetzung: Guido Jentjens (Hermann, Landgraf von Thüringen), Richard Decker (Tannhäuser), Jochen Kupfer (Wolfram von Eschenbach), Martin Nyvall (Walther von der Vogelweide), Rainer Zaun (Biterolf), Christopher Lincoln (Heinrich der Schreiber), Vladislav Solodyagin (Reinmar von Zweter), Mardi Byers (Elisabeth, Nichte des Landgrafen), Alexandra Petersamer (Venus), Leah Gordon/Audrey Larose Zicat/ (Ein junger Hirt)
Termine: jeweils sonntags 17 Uhr am 25. 10., 1., 8., 15. und 29. 11., 6. und 27. 12., 10. und 17.1.
Karten Telefon 0180-5231600 sowie in den bekannten Vorverkaufsstellen
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