Die Latte für den Jubiläums-"Ring" hängt hoch
31.01.2012 Ort: Frankfurt Von: Monika Beer
Opernpremiere Mit der "Götterdämmerung" schließt sich in Frankfurt die Neuinszenierung von Richard Wagners Tetralogie. Es ist ein Triumph für das Orchester unter Sebastian Weigle und Regisseurin Vera Nemirova, aber leider nicht für alle Solisten.

Da ist also endlich einer, der nicht nur das zugibt, was ohnehin jeder längst weiß. Sondern erkennen lässt, dass er schuldig geworden ist. Gunther, der jämmerlich dekadente Herrscher im Reich der Gibichungen, hat fassungslos dem langen Sterben seines hinterrücks gemordeten Schwagers Siegfried zugesehen und hört fassungslos auch über sich selbst, was Richard Wagner im Orchestergraben dazu zu sagen hat. Was sich im Gesicht und dem zusammengesunkenen Körper dieses phänomenalen Sängerdarstellers abspielt, ist ein Musterbeispiel für die kathartische Wirkung von Musiktheater.
Ein Appell direkt ans Publikum
Später, am Ende der "Götterdämmerung", wenn Regisseurin Vera Nemirova auf der leeren und jetzt geschlossenen Weltscheibenbühne von Jens Kilian nochmals alle Figuren der Tetralogie versammelt, wenn Brünnhilde den verfluchten Ring ins Publikum geworfen hat, während aus den Proszeniumslogen die greisen Götter und der nicht alt gewordene Alberich lugen, geht der Appell im grellen Schlaglicht konkret ans Publikum: Denkt nach über das, was ihr gesehen und gehört habt. Es ist zwar alles nur Theater, aber es spiegelt immer nur euch und eure Welt.
Manchmal geschieht das wie in der Nornenszene mit Bildern, die auf einen Schlag den Mythos dieses inkommensurablen Werks namens "Der Ring des Nibelungen" einfangen und Wotans düstere Prophezeiung "Und für das Ende sorgt Alberich" wahr macht. Manchmal geschieht es so banal und platt wie in der Kellerbar der Gibichungen, die - Geiz ist geil! - ihr Mobiliar vermutlich bei Who's perfect? einkaufen, manchmal mit einem Augenzwinkern, wenn Siegfried im Schlauchboot auf Rheinfahrt geht und dort erstmals auf drei Umweltaktivistinnen trifft, die unbedingt den Rhein retten wollen und Rheintöchter heißen.
Bei weitem nicht alle Regie-Ideen überzeugen - vor allem, wenn sie abgenutzt sind, wie der obligatorische Lippenstiftgebrauch, und auf Kalauerniveau, wie der behauptete Hang der weiblichen Figuren zu chicen Schuhen. Zuweilen hängt manches auch einfach durch, weil der seit Sonntag komplette Frankfurter "Ring" akustisch reflektiert, dass es sehr wohl eine Krise des Wagnergesangs gibt.
Sängerische Defizite
Was nützt ein darstellerisch rundherum überzeugender Siegfried, wenn er wie Lance Ryan keine gute Tagesform hat und in dem durchaus einleuchtenden Versuch, die Waldvogel-Zitate in seiner Schlussszene mit anderer Stimme zu singen, offenbart, dass das aktuell nicht funktioniert? Was nützt eine äußerlich nicht walkürenhafte Brünnhilde, wenn sie wie Susan Bullock ihrer überforderten und ältlich wirkenden Stimme erst im Schlussgesang doch noch etwas Wärme und Farben abzutrotzen vermag?
Dass das Premierenpublikum unter den Solisten zu Recht den schon eingangs erwähnten Bariton und Rollendebütanten Johannes Martin Kränzle am meisten feierte, gibt selbst dann zu denken, wenn die Guntherfigur wie hier szenisch deutlich aufgewertet ist und sich gewissermaßen mit in die erste Reihe schiebt. Sängerisch auf der Habenseite sind außerdem Claudia Mahnkes Waltraute, die Gutrune von Anja Fidelia Ulrich, die homogenen Rheintöchter, der von Matthias Köhler einstudierte Chor und Gregory Frank als Hagen, mit ein paar Abstrichen in der Bassesschwärze.
Die Musik wird zum Ereignis
Ein paar Hornkieksern zum Trotz darf das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sich jetzt auch unter Sebastian Weigle zu jenen Klangkörpern zählen, die eine "Ring"-Interpretation realisieren, die es in sich hat. Wie klug und virtuos sich immer wieder Einzelstimmen aus dem verästelten Kosmos herausschälen und kommentierend sprechen, wie einfühlend, mitfühlend, enthüllend und entlarvend diese Musik sein kann, wird hier zum Ereignis.
Gut möglich, dass auch Vera Nemirovas Inszenierung diesen Rang erreicht, wenn im Juni und Juli alle vier Teile zyklisch aufgeführt werden und die glücklichen Zuschauer, die Karten bekommen haben, ohne große Unterbrechungen erleben können, dass hier sehr ernsthaft der schwierige Versuch unternommen wurde, einen "Ring" aus einem Guss zu schmieden. Die Latte fürs Wagner-Jubiläumsjahr 2013 hängt jetzt ziemlich hoch, Bayreuth muss sich in Acht nehmen.
Termine und Karten
Die weiteren Vorstellungen der "Götterdämmerung" am 5., 10., 18., 26. Februar und 3. März sowie die beiden zyklischen "Ring"-Aufführungen zu Saisonende sind bereits komplett ausverkauft.
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Kommentare
Fachsprache bei Spezialthemen
Katharsis schrieb:
"Da durfte also ein Schauspieler seine ganz persönliche Katharsis erleben. ... Es soll doch nicht der Schauspieler eine reinigende Wirkung verspüren, sondern der Zuschauer."
Die Rezensentin hat den Auftritt des Darstellers ganz genau beschrieben UND gleichzeitig natürlich auch die entsprechende Wirkung auf den Zuschauer gemeint.
Zitat:
"Was möchte eine Autorin beweisen, die mir Begriffe wie „kathartisch“, „Proszeniumslogen“, „inkommensurabel“ oder „Bassesschwärze“ vor die Augen wirft?"
Das Opernpublikum hat im allgemeinen umfangreiche Lesegewohnheiten, die über das Sprachvermögen der Bildzeitung hinausgehen.
Wer ein gebräuchliches Fremdwort nicht versteht, kann mit Hilfe der google-Suchmaschine leicht die Bedeutung herausfinden.
Zitat:
"Ich fühle mich von oben herab behandelt, das stößt mich ab."
Wer ein klassisches Instrument spielen will, muss auch Noten lesen können. Wer Englisch sprechen will, muss Vokabeln pauken. Ohne die Bereitschaft zu lernen und Neues zu erkennen, geht gar nichts.
Die Rezensentin benutzt lediglich einen Wortschatz, der in professionellen Opernrezensionen allgemein üblich ist. Der "Spiegel", die "Süddeutsche Zeitung" und andere schreiben genauso.
Zitat von "Dr. Pflichtfeld":
"Wie kann es sein, daß eine Inszenierung, deren Rezension zum ganz überwiegenden Teil ein ständiges Heruimkritteln an fast allen Protagonisten bzw. deren (Un-) Fähigkeiten besteht, im Faizt als hoch liegende Meßlatte resümiert wird?"
Der Aufführungsbericht beschreibt überwiegend positive Eindrücke und verschweigt gerechterweise die Schattenseiten nicht.
Das ist professionelle Musikkritik.
Zitat:
"Die Aussagekraft hinsichtlich der Qualität des Gesehenen und Gehörten geht gegen Null. Ebenso wie der Informationswert."
Das ist sachlich falsch.
Ich habe die Frankfurter Aufführung noch nicht gesehen, aber jetzt schon einen plastischen und klaren Eindruck davon.
Fachausdrücke in Spezialthemen
Katharsis schrieb:
"Da durfte also ein Schauspieler seine ganz persönliche Katharsis erleben. ... Es soll doch nicht der Schauspieler eine reinigende Wirkung verspüren, sondern der Zuschauer."
Die Rezensentin hat den Auftritt des Darstellers ganz genau beschrieben UND gleichzeitig natürlich auch die entsprechende Wirkung auf den Zuschauer gemeint.
Zitat:
"Was möchte eine Autorin beweisen, die mir Begriffe wie „kathartisch“, „Proszeniumslogen“, „inkommensurabel“ oder „Bassesschwärze“ vor die Augen wirft?"
Das Opernpublikum hat im allgemeinen umfangreiche Lesegewohnheiten, die über das Sprachvermögen der Bildzeitung hinausgehen.
Wer ein gebräuchliches Fremdwort nicht versteht, kann mit Hilfe der google-Suchmaschine leicht die Bedeutung herausfinden.
Zitat:
"Ich fühle mich von oben herab behandelt, das stößt mich ab."
Wer ein klassisches Instrument spielen will, muss auch Noten lesen können. Ohne die Bereitschaft zu lernen und Neues zu erkennen, geht gar nichts.
Die Rezensentin benutzt lediglich einen Wortschatz, der in professionellen Opernrezensionen allgemein üblich ist. Der "Spiegel", die "Süddeutsche Zeitung" und andere schreiben genauso.
Zitat von "Dr. Pflichtfeld":
"Wie kann es sein, daß eine Inszenierung, deren Rezension zum ganz überwiegenden Teil ein ständiges Heruimkritteln an fast allen Protagonisten bzw. deren (Un-) Fähigkeiten besteht, im Faizt als hoch liegende Meßlatte resümiert wird?"
Der Aufführungsbericht beschreibt überwiegend positive Eindrücke und verschweigt gerechterweise die Schattenseiten nicht.
Das ist professionelle Musikkritik.
Zitat:
"Die Aussagekraft hinsichtlich der Qualität des Gesehenen und Gehörten geht gegen Null. Ebenso wie der Informationswert."
Das ist sachlich falsch.
Ich habe die Frankfurter Aufführung noch nicht gesehen, aber jetzt schon einen plastischen und klaren Eindruck davon.
Katharsis
„Was sich im Gesicht und dem zusammengesunkenen Körper dieses phänomenalen Sängerdarstellers abspielt, ist ein Musterbeispiel für die kathartische Wirkung von Musiktheater.“ Da durfte also ein Schauspieler seine ganz persönliche Katharsis erleben. War das so? Oder hat die Rezensentin Aristoteles nicht verstanden? Es soll doch nicht der Schauspieler eine reinigende Wirkung verspüren, sondern der Zuschauer. Wieso sollte ich überhaupt einem Schauspieler in den Körper sehen wollen? Konnte vielleicht, dritte Möglichkeit, die Formulierkunst dem offenkundig eigenen Anspruch nicht genügen?
Was möchte eine Autorin beweisen, die mir Begriffe wie „kathartisch“, „Proszeniumslogen“, „inkommensurabel“ oder „Bassesschwärze“ vor die Augen wirft? Möchte sie mich für die Oper begeistern oder mir demonstrieren, wie gebildet und elitär sie selbst ist – wohl im Gegensatz zu mir? Mag ich weiterlesen, wenn ich nicht zu den Eingeweihten gehöre, die wissen, was „der obligatorische Lippenstiftgebrauch“ ist? Oder wenn ich leider 1976 und 1980 in Bayreuth nicht dabei war und deshalb den Grad der aktuellen Ergriffenheit nicht kompetent nachvollziehen kann? Ich fühle mich von oben herab behandelt, das stößt mich ab. Da schäme ich mich nicht meiner Schadenfreude, wenn ich lese, wie der Autorin ihre eigenen Sätze entglitten, „mit Bildern, die ... einfangen und ... wahr macht“. Wenn sich in meiner Zeitung „die Neuinszenierung ... schließt“, schließe ich lieber die Zeitung.
Und überhaupt, ....
... wie kann es sein, daß eine Inszenierung, deren Rezension zum ganz überwiegenden Teil ein ständiges Heruimkritteln an fast allen Protagonisten bzw. deren (Un-) Fähigkeiten besteht, im Faizt als hoch liegende Meßlatte resümiert wird? Sie haben schon recht: Das ist ein ziemlich selbstreferenzielles Geschwurbel um des Geschwurbels willen. Die Aussagekraft hinsichtlich der Qualität des Gesehenen und Gehörten geht gegen Null. Ebenso wie der Informationswert.
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