Pubertärer Geniestreich mit Fragezeichen

22.07.2011   Ort: München  Von: Monika Beer  Fränkischer Tag

Premiere Musikalisch ein Ereignis, szenisch zwiespältig: Die Bayerische Staatsoper präsentiert als ihre jüngste Neuproduktion Mozarts Jugendwerk "Mitridate". Regisseur David Bösch versucht, das Stück unter anderem auch aus der Sicht eines 14-jährigen Jungen zu zeigen.


Lawrence Zazzo ist ein so mitreißender Farnace, dass nicht einmal der Kronleuchter vor ihm sicher ist. Alle Szenenfotos: Wilfried Hösl
Dass viele pubertierende Jungs Probleme mit ihrem Vater haben, sich gern mit Mord und Totschlag sowie dem weiblichen Geschlecht beschäftigen, ist keineswegs ein heutiges Phänomen. Richard Wagner schrieb mit fünfzehn das Schauerdrama "Leubald und Adelaide", Wolfgang Amadeus Mozart schon mit vierzehn die Oper "Mitridate, rè di Ponto" (Mithridates, König von Pontus), deren jüngste Lesart am Donnerstag die Bayerische Staatsoper im Prinzregententheater herausbrachte.

Musikalisch war diese zweite große Neuinszenierung der Münchner Opernfestspiele allen Premierenjubel wert. Luxuriös besetzt die Solistenriege, die fast ohne Einschränkung den durchaus großen Anforderungen dieser Opera seria gerecht wird, mit denen schon die Sänger der Mailänder Uraufführung 1770 zu kämpfen hatten. Mozarts "Mitridate" ist zwar noch ein Jugendwerk, aber die Meisterschaft des Komponisten blitzt auch schon hier nachhaltig auf.

Virtuose Koloraturen und viel Gefühl
Während die Umsetzung der vielen Da-capo-Arien szenisch nicht immer gelingt, weil sie entweder zu sehr auf der Stelle tritt oder bildlich heillos überfrachtet ist, schaffen die vier Hauptsolisten in ihrem Gesang scheinbar mühelos den Spagat zwischen äußerlicher Virtuosität und innerer Befindlichkeit, zwischen Koloratur-Künstlichkeit, Gefühlschaos und Seelentiefe.

Barry Banks ist ein Mitridate, der den Herrschergestus auch in seiner hellen, durchschlagkräftigen Tenorstimme hat, der Countertenor Lawrence Zazzo ist ein mitreißend stürmischer Farnace, dem warmer Wohlklang ebenso gelingt wie schneidende Schärfe, die Mezzosopranistin Anna Bonitatibus als Sifare und die Sopranistin Patricia Petibon als Aspasia glänzen und berühren sowohl mit einigen leidenschaftlich-düsteren Arien als auch mit ihrem elegischen Abschiedsduett. In den kleineren Partien überzeugen Lisette Oropesa als Ismene und Alexey Kudrya als Marzio. Die auch darstellerisch agilen und spielfreudigen Solisten haben mit Ivor Bolton im Graben freilich einen kompetenten Sachwalter vor sich, der mit den stilsicheren Musikern des Bayerischen Staatsorchesters hörbar eben kein Jugendwerk, sondern eine Oper aufführt, die er in jeder Note, jedem Takt, jeder Phrase ernst nimmt.

Zu viele Erzählebenen
Musikalisch wird direkt erfahrbar, was an Beweggründen und Empfindungen, an Hoffnungen und Nöten in den Figuren steckt, szenisch klappt das leider immer nur sporadisch. Was in erster Linie am Regie-Konzept liegt. David Bösch, der das Münchner Publikum vor eineinhalb Jahren mit Donizettis "Liebestrank" verzauberte, verzettelt sich diesmal in verschiedenen, auch optisch disparaten Erzählebenen.

Zum einen will der Regisseur die Handlung quasi aus der Sicht des 14-jährigen Komponisten präsentieren. Kindliche Strichzeichnungen und Comicstrip-Projektionen mit einem fleißig schreibenden Jungen und einem übermächtigen Vaters sollen suggerieren, dass es hier wie bei den Mozarts in erster Linie um den Vater-Sohn-Konflikt geht. Entsprechend sind die Figuren angelegt, das Politische bleibt weitgehend außen vor. Mitridate, jener König von Pontus, der an den Grundfesten des römischen Imperiums rüttelte, wird als ein kriegerischer Vater von heute gezeigt, der grausam mit seiner Verlobten Aspasia und seinen in sie verliebten Söhnen umgeht. Während Farnace sich schon abgenabelt hat, ist Sifare von seiner Körpersprache her noch voll in der Pubertät.

Wovon diese jungen Menschen träumen und wovor sie sich fürchten, wird vor allem durch Projektionen sichtbar, für die in unterschiedlicher Ästhetik sowohl Bühnenbildner Patrick Bannwart als auch Kostümbildner Falko Herold verantwortlich zeichnen. Mal wirken diese Bilder wunderbar poetisch und märchenhaft, dann wieder sind sie so aufdringlich und aufgebläht, dass sie die Protagonisten zu Statisten degradieren und so falsch wirken wie die vergrößerte Kollwitz-Skulptur in der Neuen Wache in Berlin.

Gleichzeitig etabliert David Bösch eine zunehmende Verdüsterung der vermeintlichen Strand-Idylle mit Sternenhimmel und unschuldsweißen Vögeln. Doch je mehr die Messer, Waffen und Bomben blitzen, je mehr Blut fließt, desto weniger glaubhaft werden die darstellerisch präzise einstudierten Aktionen auf der Bühne. Ist ja nur Theater, denkt man. Zumindest in der 16. Reihe. Schade.

Termine
Weitere Vorstellungen am 24., 26. (beide ausverkauft) und 29. Juli (Restkarten) im Prinzregententheater. Infos unter Telefon 089/2185-1920.



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