Als wär's ein langer Sketch von Loriot

21.02.2012   Ort: Würzburg  Von: Monika Beer  

Neuinszenierung Die komische Oper "Der Wildschütz" von Albert Lortzing ist jetzt am Mainfrankentheater in einer rundherum gelungenen Produktion zu erleben. Johan F. Kirsten als Baculus sieht aus wie Vicco von Bülow.


Notfalls nimmt er die Braut auch huckepack: der brave Schulmeister Baculus (Johan F. Kirsten) und sein freches Gretchen (Anja Gutgesell). Fotos: Falk von Traubenberg
Wenn doch alle Opernabende der leichteren Art so wären: unterhaltsam, witzig, herzerfrischend und mit viel Hintersinn, regiehandwerklich erstklassig, opulent in der Ausstattung und getragen von einem Ensemble, das vom Hauptsolisten über jeden einzelnen Choristen bis hin zum letzten Statistenkind wirklich alles gibt - und zwar vom Feinsten, kurz: Albert Lortzings "Wildschütz" im Mainfrankentheater ist einfach zum Hinknien komisch.

Dass Regisseurin Deborah Epstein hier alles richtig gemacht hat, kann man schon an der Tatsache ablesen, dass das Theater Würzburg auf seiner Website nicht weniger als 62 Fotos zu dieser Inszenierung eingestellt hat. Und jedes einzelne Foto spiegelt, dass der mit Pause gut dreieinhalbstündige Abend keine Sekunde langweilig ist. Im Gegenteil: Er enthält weit mehr als 62 überzeugende Momente.

Immer wieder muss man an Loriot denken - und das hat bestimmt nicht nur damit zu tun, dass Schulmeister Baculus hier aussieht wie eine Mischung aus etlichen Loriot-Figuren, Bernhard Grzimek und Heinz Maegerlein. Womit die zeitliche Fixierung klar ist: Die Dorf- und Schlossidylle zu Eberbach des frühen 19. Jahrhunderts wurde von den Ausstattern (variable Bühne: Bernd Franke, detailverliebte Kostüme: Götz Lanzelot Fischer) in die späten 1960er-Jahre verlegt.


Ein Toast auf das Regieteam



Die im Stück viel zitierte Stimme der Natur entlädt sich während der Ouvertüre in einem tierischen Mummenschanz. Im mit Girlanden und Luftschlangen gezierten Klassenzimmer marschieren anschließend sichtlich erwachsene ABC-Schützen auf, unterstützt von quirligen Statistenkindern, deren Auftritt die erste von vielen Glanznummern an diesem Abend ist. Hat man je eine pfiffigere Visualisierung der Buchstaben VW gesehen?

Ja, es geziemt sich, in einen Toast auf die Verantwortlichen auszubrechen: Schon wie die darstellerisch sichtlich entflammten und von Markus Popp sängerisch präzise einstudierten Choristen sich individuell dem kleinen Imbiss zur Verlobungsfeier von Baculus widmen, ist bravourös. Ganz zu schweigen vom Jägerwurst-, Regenguss, Schlafmützen- und Keulengymnastikchor samt Ballettmeister, welch letzterer wie ein roter Faden durch die weiß Gott auch körpersprachlich pointenreiche Vorstellung zieht.

Apropos: Das große Können der Regisseurin zeigt sich gerade auch in der Kunst der feinen sexuellen Anspielungen. Schließlich stehen neben den ungleichen Brautleuten zwei hochwohlgeborene Geschwisterpaare im Mittelpunkt, die sich nicht nur gerne verkleiden, sondern gerne auch auf verbotenem Terrain jagen. Wie eben Baculus, dessen allerdings ungern abgegebener wildfrevlerischer Schuss librettogemäß zum Eigentor mutiert.


Mit unterfränggischer Goschn



Was für ein liebenswerter alter Esel ist doch Johan F. Kirsten! Er füllt diese Paraderolle für komödiantisch begabte Bassisten vom ersten bis zum letzten Moment sängerdarstellerisch grandios aus. Ihm ebenbürtig die weiteren Hauptsolisten: Anja Gutgesell als schnippisch-widerborstiges Gretchen, Barbara Schöller als graecumanisch-fallsüchtige Gräfin, Daniel Fiolka als klassischer Playboy, vor dem kein Rock sicher ist, Judith Kuhn als handfeste Baronin Freimann, Joshua Whitener als boygrouptauglicher Baron Kronthal und der nicht auf sei unterfränggische Goschn gefallene Herbert Brand als Pancratius.

Das Philharmonische Orchester Würzburg unter Andrea Sanguineti erreichte bei der besuchten zweiten Vorstellung der Neuproduktion zwar nicht ganz das Niveau der Künstler auf der Bühne, machte aber immer wieder hörbar, dass Lortzing mehr ist als nur der beliebte Spielopernkomponist. Noch ein Tipp: Die drei Orchestersitzplatzreihen sind öfter nicht ausverkauft, aber ein Glücksfall für die Zuschauer, wenn eine Inszenierung so beispielhaft gelingt. Wer da hautnah dran ist, könnte fast narrisch werden...


Termine und Karten
Weitere Vorstellungen (jeweils um 19.30 Uhr) 25. und 29. Februar, 4., 9., 10., 20. und 24. März, 12. und 29. April (15 Uhr), 3., 9., 18. und 27. Mai (15 Uhr) sowie 9. und 21. Juni. Karten gibt es unter Telefon 0931/3908-124.




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Kommentare

 
1  Kommentare  
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Dr_Pflichtfeld - 22.02.2012 10:56    (0)   
 

Langer Sketch von Loriot?
Da sei Inspizient Halmackenreuther vor: Die Sketche, Filem und Operninszeniereungen von Loriot hatten immer ein stimmiges Bühnenbild; nicht so was lieblos Hingekleckertes oder vom Schnürboden Gelassenes wie das, was auf den 62 Fotos zu sehen ist.

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