Dunkel & beklemmend: Oper in Felsengängen

18.07.2010   Von: Kathrin Zeilmann, dpa  inFranken.de

Musik Beim Opern-Projekt "Orpheus@felsen.gaenge" in Nürnberg können es sich die Zuschauer nicht in den gemütlichen Sesseln des Opernhauses bequem machen - sie müssen schon mit hinabsteigen in die Unterwelt. Doch der Ausflug lohnt sich.


Blick in den unterirdischen Felsengängen in Nürnberg auf eine in Szene gesetze Austragungs-Station der Gluck-Opern-Festspiele. Foto: Daniel Karmann/dpa
Es ist dunkel, es ist eng, es ist kalt. Die Wände sind feucht. Der Weg ist holprig. Doch Orpheus treibt zur Eile. Denn er sucht seine geliebte Eurydike. Er will sie aus dem Totenreich befreien.

Beim Opern-Projekt "Orpheus@felsen.gaenge", das am Samstag im Rahmen der Internationalen-Gluck-Opern-Festspiele in Nürnberg Premiere gefeiert hat, ist der Zuschauer nicht Zuschauer. Er ist Begleiter. Er steigt mit hinab - nicht in den Hades zwar, aber in die Felsengänge unter der Altstadt.

Dort wird der mythologische Orpheus-Stoff in verschiedenen Szenen aufbereitet, die drei Regisseure Andreas Baesler, Kristian Frédic und Carlo Cerciello haben sich dabei an der Oper "Orfeo ed Euridice" von Christoph Willibald Gluck (1714-1787) orientiert. Der Namensgeber der Festspiele wurde in Erasbach nahe Nürnberg geboren.

Das Regieteam nutzt das mittelalterliche Felsenlabyrinth für beklemmende Darstellungen, die in ihrer Intensität kaum zu überbieten sind: Sänger und Schauspieler stehen auf keiner entfernten Bühne, sie stehen dicht vor ihrem Publikum, das von Station zu Station geleitet wird und durch die Felsengänge laufen muss. Es entstehen Szenen von großer Intimität, wenn etwa Orpheus - an der ersten Station wird er von Manuel Krauss verkörpert - im Publikum seine Eurydike sucht - und sie nicht findet.


Reverenz an die Felsgänge


Orpheus ist Soldat. Er trägt ein Gewehr und einen Tornister bei sich anstatt der ihm im Mythos zugeschriebenen Leier. Eurydike sucht er nun im Kriegslazarett, wo die Verwundeten sich vor Schmerzen auf ihren Pritschen winden, wo sie schreien und schluchzen. Es ist eine Reverenz an die Felsengänge, denn hierher flüchteten in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs viele Nürnberger. Viele von ihnen waren sicher ähnlich verzweifelt wie der den Tod der Frau betrauernde Sänger Orpheus.

Doch Orpheus bekommt eine Chance. Er kann sie zurückholen, indem er selbst eintaucht in die Unterwelt. Dort ist auch das Panorama der weltlichen Verfehlungen dargestellt, eine Galerie mit poppig-bunten Bühnenbildern und plakativ agierenden Schauspielern zeigt die Todsünden: Die Zornige tötet mit der Kettensäge, die Hochmütige bewundert sich in zig Spiegeln, die Völlernden futtern an einer üppig bedeckten Tafel, der Habgierige sammelt Scheine, Schecks und Münzen.

Gibt es ein Entkommen? Die Inszenierung schenkt dem Publikum, das sich tapfer durch die Gänge getastet hat, am Ende sogar die Taschenlampen abgegeben hat, um sich der totalen Finsternis auszusetzen, ein heiteres Happyend. Eurydike ist zwar kurz vor dem Erreichen des Tageslichts scheinbar endgültig zusammengebrochen, da Orpheus sich verbotenerweise nach ihr umgedreht hat.

Doch Amor hat erneut ein Einsehen und erweckt sie wieder zum Leben. Orpheus, seine Frau, Amor, ein Akkordeon-Spieler und weiß gekleidete Tänzerinnen führen das Publikum nun fröhlich jauchzend hinaus aus dem Totenreich - in den Innenhof eines Altstadtlokals. Gaukler sind nun da, Musikanten, eine Sängerin. Es wird Bier gereicht und eine kleine Brotzeit. Es ist nun wieder hell, luftig und warm.



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