Zwei Walküren mit Amtsschimmel

24.07.2010   Von: Monika Beer  inFranken.de

Festspiel-Alltag Harte Zeiten für Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner: Die Festspielleiterinnen in Bayreuth kämpfen an vorderster Front vor allem mit komplizierten Abstimmungs- und Genehmigungsverfahren.


Bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiel 2009 ahnten Katharina Wagner (links) und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier noch nicht, dass sie als Festspielleiterinnen vor allem mit bürokratischen Hürden zu kämpfen haben würden.
Doch, wenn man sich darauf konzentriert und das Federvieh im Wahnfried- und im Hofgarten mal den Schnabel hält, glaubt man es zu hören: das Rumoren im Grab von Richard Wagner. Was den Meister - und natürlich seine Meisterin Cosima - umtreiben könnte, ist schnell erzählt. Im Bayreuth seiner Urenkelinnen wird 2010 ein Tabu gebrochen.

Die "Ring"-Tetralogie, das Kernstück, für dessen Aufführung Wagner seine Festspiele ja erfunden und unter größten Anstrengungen auf die Beine gestellt hat, wird heuer erstmals nicht mehr in geschlossenen Zyklen gezeigt. Bisher wurden die vier Teile nur von zwei die Sänger schonenden spielfreien Tagen oder Gewerkschaftsvorstellungen unterbrochen. Jetzt steht plötzlich nach der "Walküre" ein "Parsifal" auf dem Pro-gramm. Oder die "Meistersinger" zwischen "Siegfried" und "Götterdämmerung".

Jetzt gelten Tarifverträge

Sind Katharina Wagner (32) und ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier (65) von allen guten Geistern verlassen? Eigentlich schon. Aber die Festspielleiterinnen haben mit dieser Spielfolge auch auf die harte Realität reagiert, die ihnen der TV-L diktiert - der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder, der an subventionierten Theatern nicht nur die Gehälter für die nicht-künstlerischen Mitarbeiter regelt, sondern auch die Dienst- und Ruhezeiten. Und die haben es in sich.

Wenn Mediendarling Katharina erst jüngst in einem großen Boulevardblatt zu Protokoll gab, dass der im März im Alter von 90 Jahren verstorbene Vater Wolfgang Wagner ihr doch sehr fehle, hat das natürlich emotionale Gründe. Aber vermutlich wird sie nicht nur ihm, sondern auch jenen Zeiten nachtrauern, in denen der Festspielchef am Grünen Hügel schalten und walten konnte, wie er wollte.

Umbau in einen Staatsbetrieb

Der Handlungsspielraum der Festspielleiterinnen ist sogar begrenzter als zum Beispiel der eines Staatsopernintendanten. Im Verwaltungsrat der Festspiele haben nämlich als Gesellschafter zu gleichen Teilen der Bund, der Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth das Sagen. Es kann also dauern, bis ein Projekt - zum Beispiel die Planung, Genehmigung und Finanzierung der offenbar dringend benötigten neuen Probebühne - unter Dach und Fach ist.

Was seit Ende August 2008, der offiziellen Abdankung von Wolfgang Wagner, der die Festspiele unglaubliche 57 Jahre leitete, geschieht, ist laut Toni Schmid, dem Festspielstiftungsrats- und Verwaltungsratsvorsitzenden im bayerischen Wissenschaftsministerium, "der Umbau eines idyllischen Ein-Mann-Betriebs in einen Staatsbetrieb". Schon allein, weil bei allen Entscheidungen unter anderem zwei Finanzministerien und weitere Geldgeber beteiligt sind, ist aus dem wendigen Einhandsegler Bayreuth ein schwer manövrierbarer Tanker geworden. "Wir müssen alle noch lernen, damit umzugehen", beschreibt Schmid die schwierige Situation.

Rumor bei den mäzenatischen Freunden

Welche speziell auch bei der mäzenatischen Gesellschaft der Freunde von Bayreuth (GdF) für Rumor sorgte. Da machte ein Satz von Georg von Waldenfels die Runde, dass es einen Automatismus bei den Zuwendungen der "Freunde" an die Festspiele nicht mehr gebe. Und weil auch die dortigen Wechsel im Vorstand mitnichten reibungslos von statten gingen, versucht momentan der Vorsitzende, beunruhigte Mitglieder zu kalmieren und jedem klar zu machen - auch den Festspielleiterinnen -, dass die Zuwendungen der "Freunde" nicht mehr quasi auf Zuruf und ohne konkrete Planung fließen können.

Vermutlich auch deshalb wurde in Bayreuth ein konkurrierendes "Team der aktiven Festspielförderer" (TAff) gegründet, mit einem Unternehmer im Hintergrund, der den Internetauftritt der Festspiele technisch betreut, und Dirigent Christian Thielemann als Zugpferd. Wenn das mal kein Affront ist! Bei allem Fortissimo dürfte es trotzdem fraglich sein, ob die "neuen Freunde" es mit den derzeit jährlich 2,5 Millionen Euro aufnehmen können, die die "alten Freunde" in die Festspielkasse fließen lassen. Ganz zu schweigen von den rund 50 Millionen Euro, die über 5000 GdF-Mitglieder seit der Vereinsgründung 1949 für die Festspiele aufgebracht haben.

Bleibt noch die in Bayreuth immer wieder auftauchende Frage, wo Wolfgang Wagners Urne begraben ist. Peter Emmerich beantwortet sie zuverlässig hasenhaft mit seinem "Ich weiß es selber nicht". Ganz wie es sich für einen Pressesprecher gehört, der bekanntlich nicht nur durch viele Wagner-, sondern als IM durch Stasistürme gegangen ist.

Festspiel-Programm

Premiere Als Neuinszenierung wird "Lohengrin" unter der musikalischen Leitung von Andris Nelsons in der Regie von Hans Neuenfels (Ausstattung: Reinhard von der Thannen) gezeigt. Die Hauptsolisten sind Jonas Kaufmann (Lohengrin), Georg Zeppenfeld (König Heinrich), Annette Dasch (Elsa), Hans-Joachim Ketelsen anstelle des angekündigten Lucio Gallo (Telramund) und Evelyn Herlitzius (Ortrud).

Spielplan Von 25. Juli bis 28. August stehen folgende Werke auf dem Programm: 6 x "Lohengrin" (davon eine geschlossene Gewerkschaftsaufführung), 3 x "Der Ring des Nibelungen" mit seinen jeweils vier Teilen "Das Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung", 6 x "Parsifal" und 6 x "Die Meistersinger von Nürnberg".

Wagner für Kinder Auf dem Programm der zehn ausverkauften Vorstellungen steht heuer ein neuinszenierter "Tannhäuser". Die Produktion wird aufgezeichnet.

Im Radio BR-Klassik sendet die "Lohengrin"-Premiere live. Weitere Termine: 27.7. "Das Rheingold", 3.8. "Die Walküre", 7.8. "Parsifal", 10.8. "Siegfried", 14.8. "Meistersinger" und 17.8. "Götterdämmerung".

Public Viewing Am 21. August wird auf dem Bayreuther Volksfestplatz vormittags kostenlos der "Tannhäuser für Kinder" auf der Großleinwand gezeigt. Nachmittags folgt zeitgleich mit der Aufführung im Festspielhaus "Die Walküre" in der Inszenierung von Tankred Dorst. Der Live-Stream im Internet ist nicht umsonst.



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