"Das Frageverbot ist eine irrsinnige These"

22.07.2010   Von: Monika Beer  inFranken.de

Porträt Der 69-jährige Regietheaterschreck Hans Neuenfels debütiert am Sonntag mit dem "Lohengrin" am Grünen Hügel. Für ihn ist die Titelfigur eher tragisch und kein Heilsbringer. Wagnerianer und die Fachwelt sind gespannt.


Hans Neuenfels bei einer "Lohengrin"-Probe Foto: Jörg Schulze
"Wo Neuenfels draufsteht, ist auch Neuenfels drin." Endlich mal ein Satz von Peter Emmerich, Pressesprecher der Bayreuther Festspiele, den man vorbehaltlos glauben darf. In künstlerischer Hinsicht könnte es spannend werden, wenn am Sonntag die 99. Bayreuther Festspiele mit dem üblichen Defilee der Politprominenz eröffnet werden. Mit seiner Neuinszenierung von Richard Wagners "Lohengrin" debütiert der 69-jährige Hans Neuenfels am Grünen Hügel.

Nicht wenige fränkische Opernfreunde haben sogar noch sein Operndebüt in lebhafter Erinnerung. Als 1973 der bisherige Schauspielregisseur Neuenfels in Nürnberg mit Giuseppe Verdis "Troubadour" erstmals eine Oper inszenierte, war das ein Skandal. Noch heftiger waren die Publikumsreaktionen, als er 1981 in Frankfurt Verdis "Aida" mit der Titelfigur als Putzfrau und Erich Wonders kongenialem Bühnenbild herausbrachte. Beim Triumphmarsch sahen die Zuschauer sich erstmals frontal auf der Bühne gespiegelt - schmeichelhaft war das nicht, trotz des stimmigen Dresscodes.

Der 1941 in Krefeld geborene Regisseur und Autor studierte am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, war ein Jahr lang Assistent von Max Ernst in Paris. Beides hatte Folgen. In Wien lernte er die Schauspielerin Elisabeth Trissenaer, seine spätere Frau, kennen, bei Max Ernst und dessen Collagekunst lernte er, wie sinnfällig und entlarvend Tierköpfe und Masken sein können. Immer wieder tauchen in seinen Inszenierungen Figuren auf, die er selbst in das Stück einbringt: Engel, Kinder, Dämonen, Doppelgänger, Tiere.

Er gehört zur Generation der Achtundsechziger und verleugnet das nicht. Neuenfels macht Theater, um nicht weniger als die Welt zu verändern - zumindest jene Welt, die wir zu kennen glauben und der er mal elegant, mal polemisch schnell den Boden unter den Füßen wegzieht. Natürlich kämpft er an gegen alle nur möglichen Machtstrukturen - und das birgt unerwarteten Konfliktstoff, wie bei seiner "Idomeneo"-Inszenierung in Berlin, deren Wiederaufnahme 2006 aus Angst vor islamistischen Protesten abgesetzt wurde und eine heftige öffentliche Kunst-Diskussion auslöste.

Die interpretatorische Freiheit, die er sich herausnimmt, betrifft, anders als bei vielen seiner jüngeren Kollegen, stets nur den Text und die handelnden Personen. An der Musik vergreift er sich nie. Im Gegenteil: Neuenfels ist ein Regisseur, der seine Inszenierungen aus der Musik heraus entwickelt. Viele Bilder stehen im Kontext der Komposition, einzelne Gesten und Bewegungen der Solisten, Choristen und Statisten sprechen nicht nur das Offensichtliche aus, sondern zeigen, was dahinter steckt.

Dass er auch ein beachtlicher Schriftsteller und Poet ist, ist beispielhaft in seinem jüngsten Buch nachzulesen. "Wie viel Musik braucht der Mensch?" heißt es und es nimmt seine Leser sehr direkt mit zu Komponisten wie Mozart, Verdi und Wagner. Neuenfels trifft sich mit ihnen, als kämen sie quicklebendig eben mal um die Ecke und becherten und rauchten mit ihm, was das Zeug hält.

Mit Wagner hat er sich vor Bayreuth erst zweimal auseinandergesetzt: mit den "Meistersingern" 2005 in Stuttgart 2005 und "Tannhäuser" 2008 in Essen, beides viel beachtete Inszenierungen. Die internationale Fachzeitschrift Opernwelt kürte ihn just in diesen Jahren zum "Regisseur des Jahres".

Natürlich gibt es derzeit in Bayreuth nur ein Thema: Mit welchem Schwan kommt Lohengrin zur Rettung Elsas an Land geschwommen? Notorische Plaudertaschen haben berichtet, dass er in einem schwarzen Sarg durch die Luft segelt. Im Internet und auf Prospekten ist dieser "Schwan" längst präsent: Das Sargboot ist das offizielle "Lohengrin"-Icon.

An "Lohengrin" interessiert Hans Neuenfels vor allem das Frageverbot. Das "Nie sollst du mich befragen", sagte er in einem dpa-Interview, sei "eine absolut irrsinnige These. Denn das Frageverbot ist so radikal, so genial, so anarchistisch, unsinnig, unmöglich, so allumfassend frech und kess. Daraus eine Oper zu machen, das ist fast schon nicht mehr deutsch."

Die Titelfigur sieht er nicht als Heilsbringer. Die Opernhandlung, in der es für ihn um die Mühen eines Mannes geht, der mit seinem Auftrag überfordert ist und dem dann auch noch die Liebe dazwischen kommt, spielt bei ihm "in einer Art Laboratorium, in einer Versuchsanordnung mit Tieren, Ratten, die sich immer wieder vermenschlichen wollen."



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