Wenn Wotan wütet, wird's Walküren warm
30.07.2010
Von: Monika Beer ![]()
Bayreuther Festspiele "Die Walküre" feierte in Bayreuth zum letzten Mal die Premiere ihrer Wiederaufnahme. Einige Umbesetzungen spielen in Tankred Dorsts Inszenierung eine nicht unwesentliche Rolle.

Der Ring des Nibelungen - Die Walküre: Probenfoto von Juli 2010, 1. Aufzug: Linda Watson (als Brünnhilde) und Albert Dohmen (als Wotan). Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
Seine jungfräulichen Töchter schickt er auf Wal, will heißen: Sie sammeln gefallene Helden und bringen sie in Wotans Götterburg nach Walhall, für die finale Schlacht mit den Heerscharen von Wotans Widersacher Alberich. Wie sieht das nun in Tankred Dorsts "Ring"-Inszenierung aus, die in diesem Jahr zum letzten Mal auf dem Spielplan steht?
Dekorative, aber leblose Bilder
Zu Beginn des 3. Akts, zur wohl wildesten Musik, die Richard Wagner geschrieben hat, laufen geschäftig ein paar rot gekleidete, mit transparenten Waffen bestückte Walküren in der Steinbruchszenerie umher. Die praktischerweise schon daliegenden, in fast durchsichtig weiße Totengewänder gehüllten Helden stehen einer nach dem anderen auf und schreiten erhaben in eine kaum erkennbare Öffnung der Steinbruchwand. Diese Bilder sind für sich genommen gar nicht übel. Aber leider fehlt ihnen jegliches Theaterblut. Wie fast allen Szenen zuvor auch. Dieser "Ring" bleibt nur dann nicht im Dekorativen stecken, wenn Protagonisten am Werk sind, die von sich aus so viel sängerdarstellerische Präsenz haben, dass das Publikum nicht mehr nur sieht, was gemeint ist, sondern auch etwas spürt.
Brünnhilde ist leider nur ältlichLeider passiert das viel zu selten. Symptomatisch für das szenische Scheitern ist die Todesverkündigungszene im 2. Akt. Hier treffen im jetzt weißen Lichtkegel gleich zwei Hauptsolisten aufeinander, deren Ausstrahlung mehr als zu wünschen übrig lässt. Linda Watsons Brünnhilde ist wie gehabt in ihrem Gesamtauftritt leider nur noch ältlich. Zwar gelingen ihr immer noch einige schöne Stellen, aber viel zu häufig detoniert, klirrt und scheppert ihr hochdramatischer Sopran. Der wütende Wotan sollte diese Walküre nicht nur in den Feuerkreis verbannen, sondern ihr klarmachen, dass Gesangskunst anders klingt.
Johan Botha, der neue Bayreuther Siegmund, singt zwar erfreulich gut, aber sein gestisches Vokabular ist noch kleiner als das eines Verkehrspolizisten. Mimisch hat er außer Zähneblecken und Augenrollen kaum mehr drauf. Hauptsache, der Blickkontakt zum Dirigenten steht. Wie er in seiner XXXL-Weste auf der Bühne Wurzeln schlägt, öffnet er ein ungeplantes Zeitfenster ins 19. Jahrhundert, in die reine Rampensingerei, die dem Dichterkomponisten Richard Wagner bekanntlich ein Gräuel war. Fehlanzeige in Sachen LeidenschaftDas muss einem auch für die stimmstarke und stimmschöne neue Sieglinde Edith Haller leid tun, denn mit einem solchen Siegmund wird jegliche Leidenschaftlichkeit, die dem wild-verzweifelten Zwillingspaar doch zusteht, schon im Keim erstickt. Natürlich fällt dadurch auch die Dramaturgie des 1. Akts in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Warum sich diese berührende Frau dem Siegmund-Klotz an den Hals wirft, kann niemandem einleuchten. Zumal der Hunding von Kwangchul Youn in jeder Hinsicht Spitzenklasse ist.
Nicht ganz so gut, aber doch beachtlich hat sich Albert Dohmens Wotan gesteigert. Er wirkt weniger gemütlich, dafür beweglicher, viriler und fast schon herrisch, so dass er für die souveräne Fricka von Mihoko Fujimura endlich ein ernst zu nehmender Sparringspartner ist. Warum beide in der "Walküre" ganz in Schwarz gewandet sind, will nach wie vor nicht einleuchten. Sind beide in der Zwischenzeit Schwarzalben geworden? Und was hat Fricka falsch gemacht? Ist Wotan nicht schon vor Alberichs Rheingoldraub schuldig geworden, als er für seinen Speer einen Ast aus der Weltesche herausbrach? Über solche Fragen bzw. Ungereimtheiten denkt man nach, während Wotans großem Selbstgespräch im 2. Akt. Albert Dohmen gestaltete das stimmlich überzeugend: Ein trauriger Gott ist das, der sich da von seinen hoch fliegenden Weltmachtplänen verabschiedet und sein Scheitern eingesteht.
Vor allem das Orchester spricht
Anders als beim glanzlosen "Rheingold" warf sich auch das Festspielorchester unter Christian Thielemann zu einer streckenweise großartigen Leistung auf. Kein Wunder, feierte doch der Dirigent seine 100. Vorstellung im mystischen Abgrund des Bayreuther Orchestergrabens. Vor allem im 3. Akt war beispielhaft zu hören, wo die Meriten des Thielemann'schen Dirigats liegen: Er lässt das Orchester sprechen, kostet kontrolliert und doch tief empfunden aus, was die Musik an Dynamik, Klangfarben und Spannungsbogen zu bieten hat.
Schade nur, dass dieser symphonisch denkende Wagner-Dirigent kein Gespür für Sänger hat: Ihn scheinen weder die stimmlichen noch die bei Wagner ebenso schlimmen darstellerischen Defizite etlicher Solisten in seiner "Ring"-Produktion sonderlich zu stören.
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