Wenn Dichter sich verknallen

15.05.2011   Ort: Bamberg  Von: Sebastian Martin  

Kinder-Uni Am Samstag haben 80 kleine Studenten einiges über E.T.A. Hoffmann und seine Märchen erfahren. Der Saal des Bamberger Theaters wurde zum Uni-Vorlesungsraum. Zum Schluss sangen die Kinder über den Herzschmerz des Dichters.


Am Ende der Kinder-Uni-Vorlesung haben die kleinen Studenten mit Konrad Haas ein Lied über den verliebten E.T.A. Hoffmann auf der Theaterbühne gesungen. Fotos: Matthias Hoch
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann war ein großer Schriftsteller. Als Musiker aber war er weniger erfolgreich. Er hat mal am Theater in Bamberg gearbeitet. Und war hier ab 1808 Musikdirektor. Aber das war total der Flop. Die Musiker haben extra falsch gespielt, und Hoffmann hatte keine Ahnung, wie man dirigiert. Das hat alles voll schräg geklungen und das Publikum hat gebuht.
Letzten Samstag hat man wieder schräge Töne im Theater gehört. Dort haben 80 kleine Studenten mit dem Musiker Konrad Haas im Kanon ein Lied über den verliebten E.T.A. Hoffmann gesungen. Das war die Überraschung der Kinder-Uni-Vorlesung, die im Theater in Bamberg stattgefunden hat.
Das Theater ist nach E.T.A. Hoffmann benannt - nicht wegen seiner Musik. Sondern vielmehr, weil er tolle Geschichten geschrieben hat.
In Bamberg hat der unglückliche Künstler viel erlebt. Was, das haben Andrea Bartel, Literaturprofessorin an der Universität Bamberg, und Anja Simon, Dramaturgin am E.T.A.-Hoffmann-Theater, den Kindern mit Videos und Bildern erzählt.
"Ein ganz verrückter Typ war der E.T.A. Hoffmann", sagt Andrea Bartel. "Kennt ihr denn Märchen?", will die Professorin dazu von den Kindern wissen. Viele Arme gehen in die Höhe: "Dornröschen" und "Rotkäppchen" rufen die Kinder. "E.T.A. Hoffmann hat auch Märchen geschrieben", sagt Bartel. "Aber die sind etwas gruselig, also erschreckt nicht."

Das Mädchen Julia


Die kleinen Studenten erfahren, dass E.T.A. Hoffmann so Figuren erfunden hat wie das Apfelweibla in "Der goldne Topf". Und auf Bildern, die Bartel den Kindern zeigt, ist ein kleiner Schmetterling abgebildet. Was es damit auf sich hat, erklärt die Professorin den Kindern: Nachdem Hoffmann nicht mehr am Theater gearbeitet hat, gab er Musikunterricht. "Und da hat er sich unsterblich verliebt in das Mädchen Julia", erzählt Bartel. Aber das Mädchen war erst 14 Jahre alt und Hoffmann 20 Jahre älter und verheiratet. Und das gab Probleme. Jedes Mal wenn E.T.A. Hoffmann bei Julia zum Gesangsunterricht war, wollte er das in sein Tagebuch schreiben. Da er Angst hatte, dass seine Frau das Tagebuch lesen könnte, "hat er für den Namen Julia einen Schmetterling gemalt".
Eine glückliche Liebe wurde das aber nicht, erzählt Andrea Bartel. Die Eltern von Julia wollten nicht, dass ihre Tochter sich weiter mit dem verkrachten Künstler trifft.
"Dann haben die Eltern sie verheiratet", erklärt die Professorin. Darüber war Hoffmann total traurig. Und das hat er in seinen Geschichten verarbeitet. Beispielsweise ist er öfters mit dem Hund von Bekannten durch den Bamberger Hain gelaufen.
Und weil er sauer auf die Eltern von Julia war, hat er sich gedacht: "Es wäre doch lustig, wenn der Hund sprechen könnte", erzählt Andrea Bartel. Also hat er den Hund Berganza erfunden, der auf die Eltern von Julia schimpft. Damit verschaffte sich E.T.A. Luft.
Die kleinen Studenten lernen, wie sehr die Fantasie bei E.T.A. Hoffmann mit der Realität verstrickt ist. "Und da ihr in einem Theater seid, sollt ihr auch etwas sehen", sagt dann Anja Simon. Sie hat den Kindern ein paar Videos mitgebracht. Die darin gezeigten Szenen und Figuren sehen immer etwas unterschiedlich aus. "Daran könnt ihr sehen, dass jeder seine eigene Fantasie hat", erklärt Simon.

Die Geschichte vom Sandmann


Vor allem das Märchen "Der Sandmann" lernen die Kinder durch die Filme kennen. "Die Märchen beginnen immer in der Realität, im Alltag, wenn alles ganz normal ist", erklärt Simon. Und dann passiert plötzlich was ganz Unvorhergesehenes. "Dann kommt die Fantasie ins Spiel."
In "Der Sandmann" will der Junge Nathanael nicht schlafen. Die Mutter erzählt deshalb die gruselige Geschichte vom Sandmann, der den Kindern dann Sand in die Augen streut, so dass sie blutend aus dem Kopf springen. "Das ist also nicht die Geschichte, die ihr vom Sandmännchen kennt", sagt Simon.
Nathanael hat dann wirklich eine gruselige Begegnung mit einem Sandmann. Das ist ein Wissenschaftler, der eine Puppe zum Leben erwecken will. Die Puppe heißt Olimpia. Und damit sie lebendig wird, braucht er noch Augen. Deshalb glaubt Nathanael, dass der Wissenschaftler der Sandmann sei - er ist es aber in Wirklichkeit nicht. Später verliebt sich Nathanael sogar in Olimpia, die inzwischen aussieht wie eine echte Frau. Für alle Außenstehenden ist die Liebe nicht nachvollziehbar. "Das ist ähnlich wie bei E.T.A. Hoffmann und seiner unglücklichen Liebe zu Julia", sagt Anja Simon. Am Ende bringt sich der wahnsinnige Nathanael sogar um.

Soweit die Fantasie. In Wirklichkeit hatten die Kinder am Ende der Vorlesung jede Menge Spaß mit dem Musiker Konrad Haas. Zusammen sangen die Kinder mit ihm: "E-E-E-T-T-T-A-A-A Hoffmann, ha-hat sich i-in die Julia verliebt."



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