Fürs Sprechen brauchen wir Puste

14.11.2010   Von: Isabelle Epplé  

Kinder-Uni Rund 200 Jungen und Mädchen haben am Samstag im Bamberger Marcushaus erforscht, warum wir Menschen singen, sprechen und schimpfen können. Da ging es richtig laut zu.


Lorena und Charlotte (rechts) haben an der Kinder-Uni einiges darüber erfahren, warum wir Menschen sprechen können. Fotos: Ronald Rinklef
Samstagvormittag, 11 Uhr: Im Vorraum des großen Vorlesungssaals herrscht Gedränge. Jungen und Mädchen stehen um einen Tisch herum, hinter dem zwei Frauen sitzen und rote Studentenausweise austeilen. Auch Lorena Dorn und Charlotte Chlistalla stehen an. Die beiden Neunjährigen sind extra aus Strullendorf angereist: "Wir wollen zur Kinder-Uni, weil wir wissen wollen, wie das mit dem Sprechen bei uns Menschen geht", erklärt Lorena, und Charlotte nickt zustimmend. Jetzt ist sie an der Reihe, sagt ihren Namen und bekommt dafür einen Studentenausweis. "Cool! Da steht mein Name drauf." Auch Lorena holt ihren ab. "Man muss sich vorher anmelden, sonst bekommt man keinen", erklärt sie. "Meine Mama hat mich übers Internet angemeldet." Aha, das ist ja wie bei erwachsenen Studenten. Die müssen sich nämlich auch anmelden, wenn sie an der Uni etwas lernen wollen.

Tierische Gespräche


Erwachsene müssen heute allerdings draußen bleiben. Naja, ein paar dürfen schon rein in den Vorlesungssaal: Patrizia Noel zum Beispiel. Die junge Frau mit den schwarzen Haaren ist Sprachwissenschaftlerin und will heute mit den jungen Studenten klären, wie das mit dem Sprechen funktioniert. Sie fängt auch gleich damit an, biegt zwei langstielige Mikrofone zurecht und fragt: "Wer hat schon mal mit einem Tier gesprochen?" Viele Finger sausen nach oben. "Ich habe schon mit meinem Hund gesprochen", sagt ein Mädchen. "Hat er dir geantwortet?" möchte die Wissenschaftlerin wissen. "Ja, er hat mit dem Schwanz gewedelt." "Gut.
Aber warum sprechen Tiere nicht wie wir Menschen?" Fragende Gesichter.

Nun, vielleicht verstehen Tiere einfach nicht, was wir Menschen sagen?

Patrizia Noel startet einen Film. In dem geht's um den Hund Rico. Der versteht 200 deutsche Wörter. Als sein Frauchen befiehlt, "Rico, such den Schimpansen", rennt er los und kommt mit einem Kuscheltier-Schimpansen im Maul zurück. "Er versteht also das Wort ,Schimpanse' und weiß, was damit gemeint ist", sagt die Wissenschaftlerin.
Nächster Versuch: Vielleicht liegt es am unterschiedlichen Körperbau von Tieren und uns Menschen, dass wir uns nicht richtig unterhalten können?

Patrizia Noel zeigt mit einer Zeichnung, dass bei uns Menschen der Abstand zwischen dem Gaumensegel und dem Kehlkopfdeckel viel größer ist als beim Schimpansen.

"Euer Gaumensegel spürt ihr, wenn ihr hinten im Rachen ein R sprecht", erklärt die Professorin. Alle fangen an zu knurren und zu gurgeln. Tatsächlich! Wenn man sich dabei vorne an den Hals fasst, spürt man etwas vibrieren. "Je größer der Abstand zwischen Gaumensegel und Kehlkopfdeckel ist, desto besser kann man Laute machen.
Deshalb können wir sprechen und der Schimpanse nicht." Also Treffer!
Aber halt: Wissenschaftler sind ja bekannt dafür, dass sie ganz viele Theorien haben: "Manche Forscher sagen, dass man ein bestimmtes Gen braucht, um sprechen zu können. Ganz genau weiß man das aber nicht."

Schnalzen, klicken, schmatzen

Ganz sicher ist aber, dass wir als Baby gelernt haben, Laute zu erkennen und selbst welche zu machen: "Macht mal den Mund zu und atmet durch die Nase aus", fordert Patrizia Noel alle auf. Ein lautes "Mmmmm" raunt durch den Saal. Weiter: "Jetzt den Mund weit aufmachen und durch den Mund ausatmen!" Jetzt füllt ein "Aaaaaa" den Raum. Aha! Wenn das Baby beide Laute wiederholt, kommt "Mama" dabei raus! "Darüber freut sich die Mama natürlich", erklärt die Wissenschaftlerin. "In unserer Sprache werden die Laute beim Ausatmen gebildet. Babys probieren aber auch Laute aus, die es in unserer Sprache gar nicht gibt." Zum Beispiel Klicklaute, die in afrikanischen Sprachen drinstecken. Um die zu machen, muss man einatmen.

Alle im Saal klicken, schnalzen und schmatzen.

Bei ein paar Kindern klingt es so, als würden sie auf einem Pferd sitzen und wollen, dass es schneller läuft. "Diese Laute gibt es in unserer Sprache nicht", erklärt Patrizia Noel. "Die Mutter lobt ihr Baby nicht dafür. Deshalb spricht das Baby irgendwann nur noch bestimmte Laute aus." So lernen wir also die Sprache unserer Mutter -- die Muttersprache eben.
Lorena und Charlotte hat die Kinder-Uni-Vorlesung gefallen: "Das war ein spannendes Thema", sagt Lorena. "Und alles ist gut erklärt worden." Auch Charlotte hat viel Neues erfahren: "Ich hätte nicht gedacht, dass Babys alle möglichen Laute ausprobieren." Ganz selten hat sie den Wunsch, es gäbe keine Sprache: "Nämlich wenn meine Mutter mit mir schimpft oder sagt, ich soll aufräumen." Charlotte grinst: "Dann wünsche ich mir, ich würde sie gar nichts verstehen!"



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