Missbrauchsfälle auch in Österreich

11.03.2010     inFranken.de

Sängerknaben Nach Deutschland gibt es auch in Österreich immer mehr Enthüllungen über zum Teil Jahrzehnte zurückliegende Missbrauchsfälle. Sogar bei den weltberühmten Wiener Sängerknaben soll es sexuellen Missbrauch gegeben haben.


Der Kardinal und Wiener Erzbischof Christoph Schönborn Foto: dpa
Zwei ehemalige Chormitglieder berichteten der Zeitung "Der Standard" (Freitagausgabe) von sexuellen Übergriffen und übertriebenen Disziplinarmaßnahmen in den 60er und 80er Jahren. Es habe eine "Terror- und Angstatmosphäre geherrscht", sagten die heute 33 und 51 Jahre alten Betroffenen.

Einer der Männer, der als Orthopäde und Chirurg in Berlin arbeitet, erzählte von Duschritualen unter Anwesenheit der "Präfekten" genannten Erzieher. Diese hätten nackten Schülern Tipps gegeben, wie sie sich die Genitalien waschen sollten. Zudem wurde er selbst als Neunjähriger von einem älteren Schüler zu oralem Sex gezwungen. Der andere ehemalige Sängerknabe, der als Psychologe in München tätig ist, wurde bei einer US-Tournee unter anderem Zeuge, wie ein Präfekt einem Schüler, der nicht essen wollte, den Mund aufriss und Essen hineinstopfte.

Gleichzeitig wurden weitere Fälle innerhalb der katholischen Kirche des Alpenlandes bekannt. Neben den Missbrauchsfällen in Salzburg - wo ein Erzabt zurücktrat - und in Vorarlberg gab es am Mittwoch und Donnerstag auch Vorwürfe gegen kirchliche Einrichtungen in Oberösterreich und der Steiermark. Im Stift Kremsmünster bei Linz werfen frühere Klosterschüler mehreren Geistlichen vor, sie in den 1980er Jahren vor anderen gedemütigt, geschlagen und sich an ihnen vergriffen zu haben. Das Stift entschuldigte sich am Mittwoch bei den Betroffenen, drei beschuldigte Geistliche hätten die Vorwürfe bestätigt und seien ihres Amtes enthoben worden.

Bei den Beratungsstellen für Opfer sexuellen Missbrauchs meldeten sich deutlich mehr Menschen als sonst, berichteten österreichische Medien. Der Kardinal und Wiener Erzbischof Christoph Schönborn forderte eine genaue Ursachenforschung für sexuellen Missbrauch und erwähnte in diesem Zusammenhang erstmals auch den Zölibat.

In der Oststeiermark soll ein Pfarrer in den 1970er und 1980er Jahren bis zu 20 Jungen und Mädchen bei Firm- und Nachhilfestunden sexuell missbraucht haben. Der im Burgenland als Priester tätige Mann legte am Mittwoch sein Amt nieder. Er gab die Vorwürfe in einem Interview mit der Wochenzeitung "Falter" zu: "Ja, es war Missbrauch. Es tut mit furchtbar leid, aber ich bin seit 25 Jahren clean.

Die Kirche in Österreich kratzt sogar am Tabu-Thema Zölibat: Man müsse die Opfer vor die Täter stellen und Schuld beim Namen nennen, schrieb Schönborn in einem Kommentar für ein Mitarbeitermagazin der Kirche. Es sei notwendig, nach den Ursachen sexuellen Missbrauchs zu fragen: "Dazu gehört die Frage der Priestererziehung genauso wie die Frage nach dem, was in der 68er-Generation mit der sexuellen Revolution geschehen ist. Dazu gehört das Thema Zölibat genauso wie das Thema Persönlichkeitsentwicklung."

Schönborn stelle mit dieser Aussage aber in keiner Weise "den Zölibat in der katholischen Kirche des lateinischen Ritus in Frage", betonte die Erzdiözese Wien in einer Reaktion nach der Veröffentlichung des Textes.

Innerhalb von zwei Tagen habe es bei den Beratungsstellen für die Opfer sexuellen Missbrauchs mehr Anfragen gegeben als in den acht Jahre davor, hieß es. Nach einer Umfrage der österreichischen Nachrichtenagentur APA gibt es diesen Trend fast im ganzen Land - zugleich steigt die Zahl der Kirchenaustritte. Rund 75 Prozent der etwa acht Millionen Österreicher sind katholisch. dpa



Drucken Artikel Versenden Abo bestellen
Stichworte zum Thema Österreich | Missbrauch | Knabenchor
 

Weitere Artikel zum Thema suchen



Alternative Suche im Zeitungsarchiv
Hinweis: für Epaper-Abonnenten kostenlos


Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Kommentieren


Titel:
Text:
 
(noch Zeichen)

Unregistrierte Nutzer
 
 

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:  *
gewünschtes Passwort:  *
Wiederholung Passwort:  *
E-Mail:  *
Kundennummer:
Anrede:
Frau Herr  
Vorname:
Nachname:
Zusatz (z.B. Firma):
Straße/Hausnr.:
PLZ/Ort:  *
Ich bin mit den AGB und der Netiquette einverstanden.:  *


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Dividieren Sie 18 durch 3: 




Nachrichten aus Ihrer Umgebung
Bad Kissingen Schweinfurt Kitzingen Haßberge Bamberg Erlangen-Höchstadt Forchheim Bayreuth Kulmbach Lichtenfels Coburg Kronach
25.05. 26.05. 27.05. mehr Wetter
Tagsüber heiter sonnig wolkig
Abend heiter sonnig heiter
Nacht sonnig heiter sonnig
Ihre Meinung zählt
Haben sie Fragen, Anregungen oder Tipps zu inFranken.de? Dann schreiben Sie uns bitte. Denn ihre Meinung zählt!
Hier geht es zum Formular