Bamberger gründet Schule in Afrika

16.12.2010   Ort: Bamberg/Abidjan  Von: Natalie Schalk  Fränkischer Tag

Hilfsprojekt Weil Riccardo Schreck so ungeduldig ist, ließ er das Studium an der Elfenbeinküste sausen. An der Universität dauerte ihm alles zu lange, also gründete er ein Hilfsprojekt. Im Oktober wurde mit Geld aus Franken eine Schule in Abidjan eröffnet.


Kinder in Abidjan freuen sich, wenn sie einem Europäer begegnen. "Sobald ich mit der Kamera unterwegs war, kamen immer Kinder", sagt Riccardo Schreck. Der gebürtige Tauberbischofsheimer begegnete an der Elfenbeinküste freundlichen Leuten und Armut. Und er fand enge Freunde.
Riccardo Schreck kann nicht warten. Als ihm einfiel, dass er unbedingt mal nach Afrika will, nutzte er die erste Gelegenheit, diese Idee in die Tat umzusetzen: Die Universität Bamberg hat eine Partnerschaft mit der Université de Cocody in der Elfenbeinküste. Dort bewarb sich der Pädagogikstudent um ein Auslandssemester, bekam die Zusage - und hatte die Koffer schon gepackt. Wann die Kurse losgehen, könne man ihm zwar nicht genau sagen, aber er solle halt mal kommen. "Wir fangen dann schon an", schrieb die Université. Riccardo Schreck flog im Januar nach Abidjan, kam tatendurstig an, aber die Kurse begannen nicht. Er musste warten.
Einige Wochen später hatte er die Kurse aufgegeben. Statt zu studieren, war der 23-Jährige damit beschäftigt, in Abidjan eine Schule zu gründen. "Eigentlich wollte ich ja nur ein Praktikum machen. Um die Zeit zu überbrücken." Dadurch lernte er Yaya Touré kennen. Der 35-Jährige arbeitete in der studentischen Verwaltung und sollte dem Deutschen erklären, wie soziale Ausbildung an der Elfenbeinküste funktioniert. Die beiden wurden Freunde.
Papierkram auf zwei Kontinenten
"Wir sprachen viel über Bildung", sagt Schreck. "Wir haben das gleiche Verständnis: Es geht darum, dass die Leute merken, dass sie fähig sind, etwas zu verändern." Gemeinsam entwickelten der Ivorer und der Franke ein Schulkonzept nach ihren Vorstellungen. Schreck rutscht beim Erzählen auf dem Stuhl hin und her, ein ungeduldiger 23-Jähriger. Er hat blaue Augen und lächelt viel. "Eine weiterführende Schule", setzt er an, und ein Wortschwall bricht aus ihm heraus: "international vernetzt, für Jugendliche, die nicht aus den reichen Eliten stammen. Sie sollen Schlüsselkompetenzen fürs Wirtschaftsleben lernen und helfen, die Probleme der Gesellschaft zu lösen." Mindestens 40 Prozent der Schüler sollen Mädchen sein. Für die Elfenbeinküste sind das sehr idealistische Vorstellungen. "Ja", sagt Schreck. "Aber Yaya war schon 'mal an einer Schulgründung beteiligt, sonst hätte ich ihm nicht getraut."
Schreck hatte den Ivorer zur ersten Besprechung zu sich nach Hause eingeladen, in ein Zimmer, das er sich mit einem anderen Studenten teilte. "Das Wasser ging immer. Luxus für 40 Euro monatlich." Sieben Euro kostet das staatliche Studentenwohnheim. "Zwei Betten teilen sich dort fünf bis sechs Leute." Schreck überlegt kurz. "Das geht schon. Ich habe auch oft zu zweit in einem Bett geschlafen, wenn jemand bei mir übernachtet hat." Er hatte eine Luftma-tratze dabei, aber darauf wollten seine Gäste nicht schlafen. "Es ist eine Art Wertschätzung, wenn ich mein Bett mit jemandem teile. Das bedeutet: Du bist mein Freund."
Gemeinsam mit Freunden gründeten Schreck und Touré die Organisation "Education - Paix - Dévelopement" (Bildung, Frieden, Entwicklung (EPD). "Die Organisation soll Leute dazu befähigen, soziale Projekte umzusetzen", erklärt Schreck. "Die Schule ist das erste Projekt." Die Mitglieder der EPD trafen sich täglich, schmiedeten Pläne, erledigten Papierkram. "Das hatte echt was von so protestantischer Arbeitsethik." Zumindest für ivorische Verhältnisse - ein bisschen lernte Schreck in Afrika das Warten: "Man verabredet sich auf neun, dann fängt man um elf an. Das ist eben so." Nach einem viertel Jahr stand das Konzept, sogar ein mögliches Schulhaus in Abidjans Armenviertel Abobo-Akeikoi war gefunden. Schreck hatte das nächste Ziel. Die Schule brauchte Geld.
Ab Mai war der Student wieder in Bamberg. Hier wurde ein zweiter Verein gegründet: "Change" will soziale Projekte unterstützen. Als erstes die Schule in Abidjan. "Die meisten meiner Freunde hier sind auch angehende Pädagogen. Ich war überrascht, wie wenige mitmachen wollten", sagt Schreck kühl. Er fand andere Partner, auch in Bamberg entstand ein Netzwerk: Unternehmen unterstützten die Postkartenserie "Bamberg macht Schule", die evangelische Hochschulgemeinde kochte afrikanisch und stiftete den Erlös, es gab eine Tombola, Benefizkonzerte im Jugendzentrum. Über die Universität lernte Schreck den Filmer Christian Beyer kennen, der ein Video drehte, in dem Prominente wie die Brose Baskets oder der Kinderbuchautor Paul Maar für den Verein warben. Es wurde vor den WM-Spielen beim Public Viewing auf dem Bamberger Maxplatz gezeigt. Trotzdem war Ende Juli klar, dass nicht genug Geld zusammenkommt. "Wir hatten 10000 oder 11000 Euro - nicht einmal die Hälfte."
Die Eröffnung der Schule um ein Jahr verschieben? Warten? Schreck rutscht wieder ungeduldig hin und her. "Dann hätten wir das Gebäude nicht mehr bekommen. Es ist nicht leicht, etwas für solche Zwecke zu finden. Zu dem Preis." Er rechnet die Landeswährung um: 4,2 Millionen CFA-Francs koste die Jahresmiete. "Geteilt durch 655: Das dürften so 6000 oder 7000 Euro im Jahr sein." Hinzu kommen einmalige Investitionen: das Dach abdichten und andere Renovierungsmaßnahmen, Schülertoiletten einrichten, streichen, Tafeln anbringen.
Umbau in zwei Monaten
"Wir haben in Kauf genommen, dass wir nacharbeiten müssen. Das ist nicht schlimm, weil wir das Projekt ohnehin weiterbetreuen wollen. Und das Gebäude war eine gute Gelegenheit, die wollten wir nicht verpassen." Anfang August flog Schreck wieder nach Abidjan. Im Oktober wurde die Schule eröffnet. "Es war ein Hammerkraftakt, das in zwei Monaten hinzukriegen, aber es hat geklappt."
Zur Einweihungsfeier kam Klaus van Eickels, Dekan der Bamberger Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften, nach Abidjan. "Ein hervorragendes Projekt", sagt er über die Schule. "Was ich dort gesehen habe, ist sehr solide." Inzwischen besuchen etwa 350 Kinder und Jugendliche den Unterricht - und es werden ständig mehr.
Das Projekt wird von den Universitäten in Bamberg und Abidjan wissenschaftlich begleitet, abgeschlossen ist es aber noch nicht. Die derzeitige politische Krise macht dem Bamberger Sorgen: Nach der Präsidentschaftswahl Ende November weigerte sich der abgewählte Präsident Laurent Gbagbo, zurückzutreten und ließ sich vor laufenden Kameras erneut vereidigen. Herausforderer Alassane Outtara ließ sich wenige Tage später ebenfalls vereidigen - in einem von UN-Truppen bewachten Hotel. Am Donnerstag schossen Sicherheitskräfte auf Demonstranten. Die UN-Mission versucht, Gewalt zu verhindern. Bereits 2002 herrschte in dem Land ein Bürgerkrieg, erst 2007 wurde der Friedensvertrag unterschrieben.
Riccardo Schreck hofft, dass endlich Ruhe einkehrt. Die Schule soll dazu beitragen, die Situation im Land zu verbessern.
"Vieles fehlt noch", sagt Schreck. Er erzählt von einer Weihnachtsbaumaktion der evangelischen Hochschulgemeinde und davon, dass in dieser Woche Bamberger Gastronomen mit der Aktion "Bildungshunger stillen" Geld sammeln. Schreck kann von vielen kleinen Projekten berichten, von vielen Helfern. Aber er wird schon wieder ungeduldig. Ihn beschäftigt der leer stehende Computerraum in der Schule. Er muss noch ein paar Spendenaktionen organisieren.





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