Sarrazins Buch verkauft sich gut

31.08.2010     inFranken.de

Integration Die Bundesbank berät am Mittwoch über Konsequenzen, die Politik fordert den Rauswurf des Vorstandsmitglieds und Thilo Sarrazin bekräftigte seine umstrittenen Auffassungen. Das umstrittene Buch "Deutschland schafft sich ab" verkauft sich unterdessen gut.


Bei der Vorstellung seines Buches "Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" sitzt der Autor Thilo Sarrazin (Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank) am Montag in der Bundespressekonferenz in Berlin auf dem Podium. Archivfoto: Rainer Jensen dpa
Thilo Sarrazins umstrittenes Buch "Deutschland schafft sich ab" verkauft sich unterdessen gut. Der Verlag bringt an diesem Mittwoch die dritte Auflage mit 30.000 Exemplaren in den Handel, die ersten beiden Auflagen umfassten insgesamt 40.000 Stück, wie der Münchner Verlag DVA auf Anfrage mitteilte. Auch eine vierte Auflage sei in Vorbereitung, sie soll am Montag mit 80.000 Exemplaren in den Buchläden liegen. Begleitet von immer massiverer Kritik an Thilo Sarrazin rückt derweil eine Entscheidung über die berufliche Zukunft des umstrittenen Bundesbank-Vorstands näher. Der 65-Jährige, der wegen seiner Äußerungen über Einwanderer und genetische Eigenheiten von Volksgruppen im Kreuzfeuer der Kritik steht, wurde am Dienstag zu einem Gespräch nach Frankfurt zitiert. Der Ethik-Beauftragte der Notenbank wollte anschließend mit dem Vorstand beraten. Eine Entscheidung wird möglicherweise schon nach der Vorstandssitzung am Mittwoch verkündet. Die Abberufung eines Vorstandsmitglieds wäre in der Geschichte der Notenbank einmalig. Experten sehen dafür hohe Hürden. Der Wirbel um Sarrazin reißt unterdessen nicht ab: Eine für Donnerstag geplante Lesung in Hildesheim wurde am Dienstag abgesagt - aus Sicherheitsgründen. Die Rufe nach Sarrazins Entlassung wurden am Dienstag lauter. Die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) hält den Ökonom für "nicht mehr tragbar", wie sie den "Ruhr Nachrichten" sagte. "Wir haben durchaus auch viele Migranten muslimischen Glaubens, die es zu sehr guten Schulergebnissen bringen." Der Zentralrat der Juden in Deutschland warf der Bundesbank ein zu nachsichtiges Vorgehen vor. "Die Meinung von Herrn Sarrazin hat nichts mit der Bundesbank zu tun. Daher sollte die Bundesbank auch besser nichts mit Herrn Sarrazin zu tun haben", sagte Vizepräsident Dieter Graumann Handelsblatt Online. In den vergangenen Tagen hatte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Bundesbank selbst Sarrazin vorgeworfen, dem Ansehen der Notenbank zu schaden. Aufgabe des Ethik-Beauftragten, des Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlers Uwe H. Schneider, ist zu prüfen, ob Vorstände gegen den Verhaltenskodex der Bundesbank verstoßen. Sollte er einen Verstoß feststellen, könnte der Notenbankvorstand mehrheitlich einen Antrag auf Abberufung beschließen. Dem Gremium gehören neben Notenbank-Präsident Axel Weber und Sarrazin vier weitere Vorstände an. Über den Antrag müsste Bundespräsident Christian Wulff entscheiden, die Regierung müsste die Entlassungsurkunde gegenzeichnen. Die FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger sagte: "Die diskriminierenden Äußerungen von Herrn Sarrazin sind nicht akzeptabel." Sarrazin verletze seine Pflicht zur politischen Zurückhaltung. Die Linke-Politikerin Katja Kipping forderte in einem Brief an Weber "schnellstmöglich ein Verfahren zur Abberufung von Herrn Sarrazin einzuleiten", berichtete die "Leipziger Volkszeitung". Aus Sicht der Grünen ist der Fall auch entscheidend für die Karriere des Bundesbank-Präsidenten Weber. Eine mögliche Berufung auf den Chefposten der Europäischen Zentralbank sei davon abhängig, wie er den Fall Sarrazin löse, sagte der finanzpolitische Sprecher der Fraktion, Gerhard Schick, Handelsblatt online. Eine Abberufung sei jedoch nicht einfach, sagte Joachim Vetter, der Chef des Bundes der Richterinnen und Richter der Arbeitsgerichtsbarkeit. Es müsse besondere Gründe geben. Ein solcher Schritt sei denkbar, wenn sich Sarrazin als Vorstandsmitglied etwas zuschulden kommen lasse, was sich direkt gegen den Arbeitgeber richte. Andernfalls müsste der Arbeitgeber belegen, dass er einen nachhaltigen Schaden habe. In Hildesheim kündigte ein örtliches Bündnis gegen Rechts eine Protestkundgebung gegen Sarrazin an, der am Donnerstag auf seiner Lesereise Station in der Stadt machen wollte. Wegen Sicherheitsbedenken wurde die Lesung abgesagt, wie Michael Jens, der Geschäftsführer der einladenden Buchhandlung Decius, sagte. Sarrazin bekräftigte in der ARD-Sendung "Beckmann" seine Thesen: "Es gibt Gene, anhand von denen man Volksgruppen voneinander unterscheiden kann. Das gilt für viele Volksgruppen, also nicht nur für die Juden." In seinem Buch kritisiert er eine angeblich mangelhafte Integration muslimischer Einwanderer und führt dies auf ihren islamischen Hintergrund zurück. Der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy sagte im RBB, die neuesten Äußerungen von Sarrazin gingen noch über das hinaus, was die SPD- Schiedskommission bereits vor einem Jahr als tendenziell parteischädigend kritisiert habe. Damals war ein Verfahren gegen Sarrazin gescheitert.  Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, sprach sich in der ARD aber gegen einen Ausschluss aus. Auch der SPD- Bundestagsabgeordnete und Sprecher des Seeheimer Kreises, Johannes Kahrs, stellte sich gegen einen Parteiausschluss. "Man darf keinen Märtyrer aus Sarrazin machen", sagte Kahrs dem "Tagesspiegel". Sarrazins Thesen in der Fakten-Analyse Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (SPD) löst mit vielen seiner Thesen Widerspruch und scharfe Kritik aus. Seine Kritiker werfen ihm Rassismus und die Nähe zu rechtsextremen Positionen vor. Nachfolgend die Kernthesen des früheren Berliner Finanzsenators.      THESE GEBURTENRATE: Etwa sechs Millionen Menschen türkischer, arabischer, bosnischer und afrikanischer Herkunft leben in Deutschland. Bleibe die Geburtenrate dieser Gruppe von Einwanderern (Sarrazin nennt sie "muslimische Migranten") dauerhaft höher als die der deutschstämmigen Bevölkerung, würden Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen.      ANALYSE: Rein statistisch und auf einen sehr langen Zeitraum berechnet ist das richtig, obwohl der Anteil der genannten Gruppe nur 7,5 Prozent beträgt. Allerdings sind Modellrechnungen wie die von Sarrazin über einen Zeitraum von drei Generationen beziehungsweise 90 Jahren sehr spekulativ, was er selbst auch schreibt. Wenn Einwandererfamilien gut integriert sind und ein bestimmtes Einkommen erreicht haben, passen sich auch ihre Geburtenraten dem niedrigen Stand deutschstämmiger Mütter an. Für Teile von Großstädten wie Berlin ist Sarrazins These allerdings beinahe Realität. Im Berliner Bezirk Mitte - mit 323 000 Einwohnern immerhin fast so groß wie Bielefeld - haben 44,5 Prozent (Stand Ende 2007) der Bevölkerung einen sogenannten Migrationsstatus. Bei den 6- bis 15- Jährigen liegt die Quote bei 72 Prozent. THESE HARTZ IV: Nur 33,9 Prozent der muslimischen Migranten in Deutschland leben laut Sarrazin überwiegend von Berufs- und Erwerbstätigkeit, bei der Bevölkerung ohne ausländische Wurzeln seien es 43 Prozent. Relativ zur Erwerbsbevölkerung bezögen bei dieser Gruppe vier Mal so viele Menschen Arbeitslosengeld I oder II wie bei der deutschen Bevölkerung. ANALYSE: Sarrazin zitiert zutreffend Zahlen aus dem Mikrozensus, einer umfassenden Datensammlung des Statistischen Bundesamts, und errechnet daraus Erwerbsquote und Transferrelation. Zum Teil fällt dabei zwar ins Gewicht, dass die Einwanderer-Familien größer sind als in der einheimischen Bevölkerung, in der Tendenz aber ist die Aussage gedeckt. Nicht erwähnt wird jedoch, dass nach dieser Formel auch einige nicht-muslimische Einwanderer-Gruppen kaum besser oder auch schlechter abschneiden, etwa die mit Wurzeln in Süd- und Südostasien oder in der Ukraine.    THESE KULTURELLE IDENTITÄT: Muslimische Migranten, also Menschen aus der Türkei, Ex-Jugoslawien und den arabischen Ländern, bildeten den Kern des Integrationsproblems. Es gebe keinen erkennbaren Grund, warum sie es schwerer haben sollten als Einwanderer aus Asien oder Spätaussiedler, die sich schnell integrierten. Schuld seien islamisch geprägte kulturelle Einstellungen.      ANALYSE: Weitgehend unstrittig ist, dass Sprachkenntnisse, Schulabschlüsse und der Anteil am Arbeitsmarkt bei diesen Gruppen unterdurchschnittlich sind. Als wichtigsten Grund dafür nennt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor in der "Süddeutschen Zeitung" die besonders hohe Zahl türkisch- oder arabischstämmiger Einwanderer. Sie ermögliche es, Parallelgesellschaften zu bilden, in denen die Menschen sich einrichten, ohne sich zu integrieren. Wohnen dagegen Deutsch-Türken als kleine Minderheit in Stadtteilen, integrieren sie sich schnell.      THESE GENE: Menschen verschiedener Herkunft hätten unterschiedliche Gene. "Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden", sagt Sarrazin in einem Interview.      ANALYSE: Genetische Untersuchungen erlauben statistische Verwandtschaftsanalysen auch zwischen Bevölkerungsgruppen. Die genetischen Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen sind allerdings in der Regel nur klein, während die Variation zwischen zwei Menschen derselben Gruppe viel größer sein kann. So kann sich etwa ein Brite genetisch stärker von seinem Nachbarn unterscheiden als von einem Chinesen. Juden gelten nicht als gemeinsames Volk, sondern als Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder zahlreichen Nationen angehören. Mit Intelligenz und Lernfähigkeit oder Charaktereigenschaften wie Moral oder sozialem Verhalten haben genetische Unterschiede ohnehin nichts zu tun. dpa


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