Papst schweigt – und steht selbst in Kritik
14.03.2010
Von: Britta Schmeis, dpa ![]()
Kirchen Papst Benedikt XVI. schweigt weiter zu den Missbrauchsfällen an katholischen Einrichtungen in Deutschland, nachdem er nun auch persönlich ins Blickfeld gerückt ist. Am Sonntag ließ das Kirchenoberhaupt beim traditionellen Angelus-Gebet in Rom die Gelegenheit verstreichen, auf den Skandal einzugehen.

Papst Benedikt XVI. während der Dreikönigs-Messe am 6. Januar 2010 im Petersdom. Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat endgültig den deutschen Papst Benedikt XVI. erreicht. Foto: Claudio Onorati/dpa
Vatikan sieht Kampagne gegen den Papst
Der Vatikan wehrte Vorwürfe gegen Benedikt an. "In den letzten Tagen gab es einige, die mit einer gewissen Verbissenheit in Regensburg und in München nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchs-Fragen mit hineinzuziehen", kritisierte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi am Samstag in Rom. Für jeden objektiven Beobachter sei aber klar, "dass diese Versuche gescheitert sind". In Regensburg geht es um Missbrauchsfälle bei den Domspatzen, die Benedikts Bruder Georg Ratzinger von 1964 bis 1994 geleitet hatte. In dem jüngsten Münchner Fall sei deutlich, dass der damalige Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger nichts zu tun gehabt habe mit Entscheidungen, "nach denen es später dann zu den Missbräuchen kommen konnte", betonte der Papst-Sprecher. Die Reformbewegung "Wir sind Kirche " sieht dagegen weiteren Erklärungsbedarf zu Joseph Ratzingers Zeit als Münchner Erzbischof 1977 bis 1982. Ihr Sprecher Weisner widersprach der Darstellung des Münchner Erzbistums, dass der frühere Generalvikar Gerhard Gruber für diesen Fall die "volle Verantwortung" trage. Die eigentliche und letzte Verantwortung habe bei Joseph Ratzinger gelegen, betonte er. Der Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen hat nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" bis in die 90er Jahre gedauert - länger als bisher bekannt. Ein Ex-Schüler berichtete demnach, dass er in dem Internat bis 1992 sexuelle und körperliche Gewalt allgegenwärtig erlebt habe. Er sei im Internat von älteren Schülern vergewaltigt worden, auch in der Wohnung eines Präfekten sei es zu Verkehr zwischen Schülern gekommen.
Streit um Zölibat
Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, stellten am Wochenende die Pflicht zum Zölibat infrage. Hingegen sprach sich der Weihbischof des Bistums Erfurt, Reinhard Hauke, gegen die Abschaffung des Eheverbots für katholische Pfarrer aus. Auch Papst Benedikt XVI. gilt als strenger Verfechter des Zölibats. Weihbischof Jaschke plädierte im "Hamburger Abendblatt" vom Samstag dafür, katholischen Priestern die Ehe zu erlauben. Eine Koexistenz von Zölibat und verheirateten Geistlichen sollte möglich sein. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der großen Zahl von Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen und dem Zölibat sieht Jaschke zwar nicht: "Allerdings kann die zölibatäre Lebensform auch Menschen anziehen, die eine krankhafte Sexualität haben."
Versprechen auf Aufklärung
Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx versprach den Opfern Gerechtigkeit. "Unsere Linie ist: Aufklärung und Aufarbeitung! Die Täter müssen sich ihrer Verantwortung stellen", sagte er der "Bild am Sonntag". Die Kirche müsse diese schwere Stunde als geistliche Herausforderung sehen. "Wir wollen uns gemeinsam mit anderen Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen der vor uns liegenden Aufgabe zu verhindern, die Prävention zu verstärken und die Sorge um das Wohl der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen."
Politische Debatte
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) regte eine unabhängige Untersuchungskommission an. Sie sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS") mit Blick auf ähnliche Skandale in Irland und den USA, "dass auch unabhängige Experten- und Untersuchungskommissionen einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung leisten können. "Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth forderte: "Die Regierung muss (...) eine nationale unabhängige Untersuchungskommission einsetzen und mit den nötigen Mitteln ausstatten." Die Grünen-Politikerin und Moderatorin des Runden Tisches zu Misshandlungen und Missbrauch in Schulen und Heimen, Antje Vollmer, wertete das von der Regierung anberaumte Treffen am 23. April als Ausdruck von Hilflosigkeit ohne parlamentarische Legitimation. Beim Thema Heimerziehung sei eine dreijährige Debatte im Petitionsausschuss des Bundestages vorausgegangen, beim Kindesmissbrauch dagegen gehe es offenbar nur darum, schnell Ruhe in das Thema zu bringen, sagte Vollmer der "Welt am Sonntag" ("WamS").
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