Wie schmusen die Oberschoute?

21.02.2012   Ort: Schopfloch  Von: Michael Schulbert  

Tag der Muttersprache Im ganzen Land ist Lachoudisch ausgestorben. Im ganzen Land? Nein - nicht in einer kleinen mittelfränkischen Gemeinde namens Schopfloch.


Echte Exoten: Einige lachoudische Wörter im Überblick. Grafik: Tanja Friedrich
In der kleinen Gemeinde zwischen Feuchtwangen und Dinkelsbühl wird der Wortschatz jüdischer Händler noch gepflegt.
Der neue, junge Bürgermeister sitzt im Gasthaus "Weißes Ross". Doch er denkt, er sei auf dem Mond. Die Leute reden über ihn - eindeutig - , aber er versteht sie nicht. "Scholem alechem und horech habo, kan in der kal medine." Wo ist er da bloß hingeraten?

34 Jahre später spricht Hans-Rainer Hofmann nicht nur perfekt Lachoudisch. Er hat die Geheimsprache bis ins Detail erforscht, ein Wörterbuch herausgebracht und sogar Unterricht erteilt. "Ich begann zur rechten Zeit", sagt er. "Als ich 1978 Bürgermeister wurde, lebten noch viele der alten Schopflocher, die die jüdischen Händler persönlich gekannt haben. Sechs Jahre später wäre es zu spät gewesen." Es musste wohl einer von auswärts - Hofmann ist gebürtiger Ansbacher - kommen, der den "Wort-Schatz" hob.


Hebräische Wurzeln



Lachoudisch kommt von loschen (Sprache) und hakodesch (heilig) und hat seine Wurzeln im Hebräischen, gemischt mit Rotwelsch und eigenen Sprachschöpfungen. Es entwickelte sich aus dem Umstand, dass die Juden zwar meistens Ross- und Viehhändler waren, aber ausgerechnet am Sabbat, wenn Markt war, keinen Handel treiben durften. So entsandte man christliche Mittelsmänner, die Schmuser (von "schmusen" - sprechen, sich unterhalten), die vor Ort die Geschäfte machten und dann im Gasthaus, wo die Juden warteten, Bericht erstatteten. Damit die anderen Gäste nichts mitbekamen, tauschte man sich in der geheimen Handelssprache Lachoudisch aus. "Diese war weit verbreitet, vor allem in Weismain, im Kronacher und Kulmbacher Raum", weiß Hans-Rainer Hofmann. Und natürlich in Schopfloch, wo die Juden seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar sind und um 1925 ein Drittel der damals 1500 Einwohner ausmachten.

Während der Nazi-Zeit war Lachoudisch verboten, und mit der jüdischen Bevölkerung verschwand auf breiter Ebene auch die Erinnerung daran. Der Großteil der Schopflocher Juden hatte sich, so Hofmann, noch ins Ausland absetzen können; die beiden letzten Jüdinnen, die am Ort geblieben waren, seien 1938 deportiert worden.
Aber den Mund ließen sich die stolzen Mittelfranken, die 1904 den ersten SPD-Bürgermeister Bayerns gewählt hatten, nicht verbieten. Über die örtlichen Metzger und Maurer war Lachoudisch längst in die christlichen Familien getragen, verinnerlicht und weitervererbt worden. Die Worte flossen wie selbstverständlich in den fränkischen Dialekt ein, der in Schopfloch fast ein wenig schwäbisch klingt.


Lachoudisch in der New York Times



Mit Hans-Rainer Hofmann wurde die Geheimsprache weithin populär. Der neue Bürgermeister zog 1978 mit Stift und Papier los, begab sich auf Stoffsammlung und konnte in sein 1998 veröffentlichtes Wörterbuch etwa 1500 Ausdrücke aufnehmen. "Schätzungsweise 200 davon dürften noch heute regelmäßig in Gebrauch sein", vermutet der 66-Jährige, der sogar in Berlin Vorträge über Lachoudisch hielt und es mit seinem Engagement bis auf die Seite zwei der New York Times brachte.

Nach vier Amtsperioden kandidierte Hofmann nicht mehr für das Bürgermeisteramt und zog wieder zurück nach Ansbach. Aber wenn er sich mit seinem Kumpel Peter Seybold (70) in Schopfloch trifft, dann kramt er es wieder hervor, das Lachoudische. "Schlamassel", "Maloche", "Zocken" - immer wieder fallen Worte, die auch Ortsfremde verstehen. Doch der Sinn der meisten Ausdrücke erschließt sich nicht - vor allem bei der Geschwindigkeit, mit der "geschmust" wird.


Eine Faschingshochburg



Oft ist von "Medine - Heimat" die Rede. So nennt sich inzwischen auch die örtliche Fastnachtsgesellschaft, deren fünf "Oberschoute" (Obernarren) das Lachoudische natürlich ebenfalls in ihr musikalisches Programm einfließen lassen. Freilich so, dass es auch die Auswärtigen begreifen. Denn die Sitzungen im mittlerweile über 2800 Einwohner zählenden Schopfloch sind weithin bekannt: "Bis aus der Fränkischen Schweiz kommen die Leut' in Bussen zu uns", sagt Peter Seybold, der 40 Jahre lang auf der Bühne stand und ein richtiger Fastnachter ist. Inzwischen werden pro Saison im Saal, der 310 Gäste fassen kann, 17 Prunk- und zwei Kindersitzungen veranstaltet: "Alle ausverkauft! Wir können gar nicht alle Kartenwünsche erfüllen."

Schopfloch - Frankens geheime Faschingshochburg. Das färbt auf ganze Familien ab. Peter Seybolds Vater hat den Verein gegründet, seine Söhne kamen am 11. 11. und am Faschingsdienstag zur Welt, die Tochter wurde - ungelogen - am Aschermittwoch geboren.

Zum 75. Jubiläum hat Schirmherr Hans-Rainer Hofmann der "Medine" für ihre Festschrift einen besonderen Wunsch gewidmet: "Möge die buremm in der medine auch in den nächsten schuhnes djene anschemer mit kejn und ketofes bemasseln - Möge die Fastnacht in der Medine auch in den nächsten Jahren viele Leute mit Humor und Witz beglücken."


Auf den Spuren der Vorfahren



"Medine" - den Zauber dieses Wortes spüren auch die ausgewanderten jüdischen Mitbürger. Immer wieder kommen sie nach Schopfloch, so wie Hans Rosenfeld, dessen Urgroßvater hier eine Strickerei aufgebaut hatte. 1996 reiste Rosenfeld von New York nach Franken, um seinen 70. Geburtstag zu feiern. Auch die Schopflocher halten die Erinnerung aufrecht - in der Sprache, aber ebenso in heimatgeschichtlichen Initiativen: Zur Sanierung des 1,3 Hektar großen und ausführlich dokumentierten jüdischen Friedhofs wurde ein Patenschaftsprojekt ins Leben gerufen.



Übersetzung Das Zitat im ersten Absatz - "Scholem alechem und horech habo, kan in der kal medine" - lautet übersetzt: "Grüß Gott und willkommen in der Gemeinde Schopfloch".

Wörterbuch Das Büchlein "Lachoudisch sprechen" kann bei Hans-Rainer Hofmann, Friedrichstraße 17, 91522 Ansbach, bestellt werden. Es kostet 8,80 Euro plus 0,85 Euro Porto. Hofmann veranstaltet "alle zwei bis drei Jahre" Sprachkurse in Schopfloch.



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