"Der Opferschutz steht an erster Stelle"

12.03.2010   Von: Klaus Angerstein  inFranken.de

Interview <Unterzeile>Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann räumt ein, dass die Kirche früher mit Tätern oft falsch verfuhr. Eine finanzielle Entschädigung von Missbrauchsopfern lehnt er ab, weil sie als "Schweigegeld" interpretiert werden könnte.</Unterzeile>


Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann. Foto: pow
Täter sollen nicht nur bereuen, sondern für ihr Tun auch zur Rechenschaft gezogen werden. Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann gesteht im Gespräch mit unserer Zeitung zu, dass sich die katholische Kirche bei Missbrauchsfällen in früheren Jahren nicht immer richtig verhalten hat. Heute setzen die Verantwortlichen dagegen auf Prävention, auf rasche Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen und auf eine enge Kooperation mit den staatlichen Ermittlungsbehörden.

Eine große Zahl von Missbrauchs- und Gewaltvorfällen in katholischen Einrichtungen erschüttert derzeit die Öffentlichkeit. Wie konnte es Ihrer Meinung nach ausgerechnet in kirchlichen Einrichtungen zu einem solchen Fehlverhalten kommen? Wir sollten zwischen Fällen sexuellen Missbrauchs und Misshandlung differenzieren. Nicht jede Form der Gewaltanwendung hat etwas mit sexuellen Übergriffen zu tun. Die Übergriffe in Internaten lassen sich wohl am ehesten damit erklären, dass es hier ein familienähnliches Zusammenleben gibt, das solches Fehlverhalten eher ermöglichte. Eine Kultur des Hinsehens ist nötig.

Was unternimmt die Kirche, um die jetzt bekannt gewordenen Fälle möglichst rasch aufzuarbeiten? Im Bistum Würzburg gibt es seit Inkrafttreten der Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im Jahr 2002 einen kirchlichen Ansprechpartner für Opfer sexuellen Missbrauchs durch Mitarbeiter der Kirche. In den nächsten Tagen werden wir einen unabhängigen Fachmann als neuen Ansprechpartner benennen, der nicht bei der Kirche beschäftigt ist. Neben diesem Ansprechpartner für Opfer wollen wir auch eine Frau hinzuziehen. Ein weiterer unabhängiger Jurist soll darüber hinaus diese Ansprechpartner begleiten und für eine schnelle Bearbeitung sorgen.

Gibt es eine Kooperation mit den örtlichen Ermittlungsbehörden? Selbstverständlich. Die Beschuldigungen müssen jedoch einen hinreichenden Tatverdacht ergeben. In diesen Fällen wird umgehend die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.
Sehen Sie eine Möglichkeit, solche Missbrauchsfälle durch Präventivmaßnahmen in Zukunft zu verhindern?
Wir prüfen bereits seit den 90er Jahren unsere Priesteramtskandidaten ganz genau auch im Hinblick auf ihre psychosexuelle Reife. In unseren Seminaren werden die jungen Menschen deshalb auch von psychologisch geschulten Mitarbeitern begleitet.

Können Sie sich einen runden Tisch in ihrem Bistum vorstellen, an dem bekannt gewordene Missbrauchsfälle aufgearbeitet werden? Im Bistum selbst verfügen wir ja bereits über einen Pool an Mitarbeitern, die sich dieser Thematik annehmen. Ich kann mir jedoch auf Bundesebene sehr gut einen runden Tisch vorstellen, an dem alle gesellschaftlich relevanten Gruppierungen der Kinder und Jugendarbeit zusammenkommen, um Ursachenforschung zu betreiben und um Maßnahmen zu diskutieren, die Missbrauchsfälle in der Gesellschaft verhindern helfen.

Früher wurden Pfarrer, denen Verfehlungen im sexuellen Bereich vorgeworfen wurden, oft nur in eine andere Pfarrei versetzt. Glauben Sie, dass sich diese Praxis bewährt hat?

Nein. Diese frühere Praxis ging davon aus, dass der Täter – nach Abbüßen der staatlichen Strafe – im Bußsakrament das Falsche seines Tuns eingesehen hat und danach wieder arbeiten kann und einsatzfähig ist. Das stellt keine akzeptable Lösung mehr dar. Der Opferschutz steht für die Kirche heute an erster Stelle. Dazu gehört auch, dass der Täter für sein schreckliches Tun zur Rechenschaft gezogen werden muss.

Sind Sie der Meinung ihres Bamberger Amtsbruder Schick, dass die Verjährungsfristen für alle Fälle sexuellen Missbrauchs verlängert werden sollten? Das ist auch meine Meinung. Gespräche mit den Opfern haben immer wieder gezeigt, dass die Betroffenen oft über einen sehr langen Zeitraum nicht fähig sind, über das zu sprechen, was ihnen angetan wurde. Aus diesem Grund scheint eine Verlängerung der Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch dringend angeraten.

Warum wehren Sie sich eigentlich gegen Entschädigungszahlungen an frühere Missbrauchsopfer? Ich bin gegen direkte Entschädigungszahlungen, weil man das als eine Art "Schweigegeld" für erlittenes Unrecht ansehen könnte. Wir haben selbst diese Erfahrung gemacht. Eine Unterstützung der Opfer, wenn es zum Beispiel um die Finanzierung therapeutischer Maßnahmen geht, begrüße ich ausdrücklich.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz informierte gestern in Rom Papst Benedikt XVI. über die Vorfälle in Deutschland. Wie schätzt Ihrer Meinung nach der Papst die Lage ein? Den Heiligen Vater haben bereits in der Vergangenheit ähnlich gelagerte Fälle außerordentlich betroffen gemacht. Ich gehe davon aus, dass er uns deutschen Bischöfen ein strenges Vorgehen gegen diejenigen anrät, die sich des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen schuldig gemacht haben.

Das Interview führte unsere Redaktionsmitglied Klaus Angerstein.



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Stichworte zum Thema Interview | Bischof | Friedhelm | Hofmann | Opferschutz | Missbrauch
 

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