Dachau-Befreiung: "Es war ein Wunder"

02.05.2010   Von: Britta Schultejans, dpa  inFranken.de

Geschichte In der oberbayerischen Stadt Dachau errichteten die Nazis das erste große Konzentrationslager. Zehntausende kamen dort ums Leben - Dachau wurde der Prototyp für viele weitere KZs. Zur Gedenkfeier an die Lager-Befreiung kehrten Überlebende an den Ort ihrer Qualen zurück.


Der Präsident des Comite International de Dachau (CID), Pieter Dietz de Loos, (l) legt in Begleitung von Bundespräsident Horst Köhler am Sonntag (02.05.2010) bei der Gedenkfeier zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau am Denkmal des unbekannten Häftlings in der KZ Gedenkstätte Dachau einen Kranz nieder. Foto: Frank Leonhardt/dpa
Vor 65 Jahren befreiten US-Soldaten das Konzentrationslager Dachau. 32 000 Menschen lebten zu dem Zeitpunkt in den Baracken - zu Hunderten eingepfercht, hungrig und krank, viele dem Tod ganz nahe. "Es war ein Schock für uns, diese Leidenden zu sehen" erinnerte sich der ehemalige US-Soldat Alan Lukens am Sonntag in der KZ-Gedenkstätte Dachau bei der Feier zur Lager-Befreiung. "Doch dann haben wir gesehen, wie sie sich freuen, dass wir da sind. Das war ergreifend."

Die Freude über ihre Befreiung haben die Überlebenden bis heute ebenso in Erinnerung behalten wie die Qualen, die sie unter den Nazis durchleben mussten. "Es war ein Wunder", sagte Eugeniusz Badzynski, der mit 16 Jahren aus Polen deportiert und in Dachau eingesperrt wurde und nur knapp mit dem Leben davonkam. "Ich höre noch das Gebrüll: "Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes kommen"", erinnert sich Badzynski - und lacht. "Das ist mein schwarzer Humor", erklärt er.

Am 29. April 1945 um 21.00 Uhr sollte er erschossen werden, erzählt er. Die amerikanischen Soldaten retteten ihm das Leben - "dreieinhalb Stunden vor der geplanten Erschießung". "Das haben wir dem Heiligen Joseph zu verdanken", sagt Badzynski. Polnische Geistliche hätten wenige Tage zuvor zu ihm gebetet. "Aus Dankbarkeit habe ich meine Tochter Josephina genannt."

Menschen wie der heute 81 Jahre alte Badzynski sind es, denen Bundespräsident Horst Köhler am Sonntag seinen Dank aussprach. Er war der erste amtierende Bundespräsident, der die Gedenkstätte in Dachau besuchte. "Sie schenken mir und anderen Mut und Zuversicht, dass wir doch als Menschen in der Lage sind, uns zu versöhnen", sagte Köhler vor hunderten Überlebenden aus aller Welt, die trotz ihres hohen Alters die Reise nach Dachau angetreten hatten. "Sie haben in all den Jahren nie Rache und Vergeltung das Wort geredet, sondern immer Zeichen der Versöhnung gesetzt." Die Zeitzeugen hätten das, was sie erlebt haben, weitergegeben und damit gegen das Vergessen gekämpft.

Auch Max Mannheimer, der Vorsitzender der Dachauer Lagergemeinschaft, betonte, wie wichtig es sei, die Erinnerungen an die Nazi-Gräueltaten lebendig zu halten und sich "gegen die braune Brut" zu wehren. "Das Vermächtnis der ehemaligen Häftlinge und die Hoffnung, dieses düstere Kapitel der zwölfjährigen Diktatur stets in Erinnerung zu behalten, kann eine Wiederholung der Diktatur in Deutschland möglicherweise verhindern", sagte er. Auch heute noch gebe es "Hass, Gewalt, Terror und Vernichtung", warnte er. "Wir können und dürfen uns daran nie gewöhnen."

Leicht sei es ihm nicht gefallen, an den Ort zurückzukehren, an dem er die Hölle auf Erden erlebte, sagte Badzynski. Vor sechs Jahren kam er zum ersten Mal wieder nach Dachau. "Ich konnte nicht atmen, nicht essen und habe in zwei Wochen zehn Kilo abgenommen." Heute aber sei es leichter. "Ich verdränge das", sagte er und blickte auf den Appellplatz hinaus, auf dem er vor 65 Jahren erschossen werden sollte. "Ich möchte nicht daran denken, dass ich selbst hier eingesperrt war. Ich stelle mir einfach vor, es ist eine Geschichte - die eines anderen."



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