Zum Lernen ist es nie zu spät
08.04.2010
Von: Irmtraud Fenn-Nebel ![]()
Franken helfen Franken Michael H. hat die Schule durchlaufen, ohne lesen und schreiben zu können. Auch im Berufsleben hat er Fuß gefasst - bis ihm wegen seiner Defizite gekündigt wurde. In Alpha-Kursen hat er alles nachgeholt.

Seit er an den Alpha-Kursen teilgenommen hat, kann Michael H. selbstständig Arbeitsblätter ausfüllen. ALF-Leiterin Tina Eleftheriou muss ihn nur noch selten unterstützen. Foto: Barbara Herbst
Familiäres Umfeld ist wichtig
Außerdem liegt die Verantwortung nicht bei der Schule und den Lehrern allein. Eine wichtige Rolle spielt auch das familiäre und soziale Umfeld. So wie bei Michael H.: Mit ihren acht Kindern war seine Mutter zu beschäftigt, sich um Schulprobleme zu kümmern. Bei 45 Kindern in einer Klasse hatte auch die Lehrerin keine Zeit für ihn - und für die sechs weiteren Schüler, die ebenfalls nicht lesen und schreiben konnten. Michael H. war sich seiner Defizite in der zweiten Klasse bewusst. Beim Diktat in der Schule hat er sich "fotografisch" eingeprägt, was der Nebenmann produzierte, die Hausaufgaben schrieb er von seiner Schwester ab. Michael H. blieb mehrmals sitzen. In den Schreibfächern hatte er Fünfer und Sechser, im Werken Einser. "Ich wurde durchgeschoben", sagt er heute. Nach der Schule fand er einen Job in einem Handwerksbetrieb. Dort konnte er sich bewähren, leitete bald eine Gruppe von 13 Mitarbeitern. Was auf den Auftragszetteln stand, konnte er zumindest buchstabieren und sich den Rest zusammenreimen. Fast 30 Jahre lang ging es gut. Dann kam ein neuer Chef. Er wollte Personalbögen ausgefüllt haben, um seine Mitarbeiter beurteilen zu können. Michael H. musste sich bei der Personalleiterin outen. "Sie hat mich verpetzt." Kurz darauf wurde er arbeitslos.Doch er gab nicht auf. Er zog einen Imbiss auf, wurde für handwerkliche Tätigkeiten in ein Altenheim vermittelt - für 1,50 Euro pro Stunde. Er arbeitet gern. Aber als ihn die Arbeitsagentur in einen Comuterkurs schicken will, platzt ihm der Kragen. "Ich kann doch nicht lesen und schreiben, das ist rausgeschmissenes Geld", sagt er zu seiner Vermittlerin. Sie sieht den Unsinn ein, erlässt ihm den PC-Kurs und schickt ihn stattdessen zu ALF. Dort soll er Lesen und Schreiben für Erwachsene lernen. Mittlerweile hat Michael H. schon zwei Alpha-Kurse absolviert, die nächste Einheit ist bereits gebucht. Die Teilnehmer werden in kleinen Gruppen über einen Zeitraum von sechs Monaten unterrichtet, Hausaufgaben inklusive. Michael H. lernt fleißig. "Seine Fortschritte sind enorm", sagt Tina Eleftheriou. Er hat sogar den Führerschein gemacht, regulär und mit schriftlicher Theorieprüfung - "eine Superleistung".Der einstige Analphabet ist selbstbewusster geworden. "Seit ich besser lesen und schreiben kann, lasse ich mir nichts mehr bieten." Er hat Glück, trotz allem. Er hat eine Familie. Sie unterstützt ihn in jeder Situation. "Oftmals zerbrechen Beziehungen, wenn einer der Partner Analphabet ist", weiß Eleftheriou. Das ständige Angewiesensein auf den anderen ist für beide Partner oft schwer auszuhalten. Es gibt viele gute Gründe, das Analphabeten-Dasein zu überwinden. Selbstbestimmte Gestaltung des Alltags, gleichberechtigte Partnerschaft, bessere Chancen im Berufsleben. Keine Scham mehr, kein ständiges Vertuschen. "Es ist nie zu spät, Lesen und Schreiben zu lernen", lautet das Motto der Alpha-Kurse. Michael H. ist der beste Beweis dafür.
*Name von der Redaktion geändertZweck Der Verein "Franken helfen Franken" der Mediengruppe Oberfranken (MGO) unterstützt Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen im sozialen, kulturellen und Sportbereich. Spenden werden zu 100 Prozent im mildtätigen Sinne eingesetzt. Alle Kosten für Organisation und Verwaltung trägt die MGO.
Spenden sind möglich auf das Konto 302 194 501, Sparkasse Bamberg (BLZ 770 500 00), Stichwort "Franken helfen Franken". Die Spenden sind abzugsfähig.
Alpha-Kurse finden regelmäßig bei ALF Bamberg statt. Infos und Anmeldung unter 0951/24666. Für die Finanzierung ist ALF auf Spenden angewiesen, Kto. 200980 Sparkasse Fürth, BLZ 76250000.
Info-Telefon Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung berät Betroffene und Angehörige anonym unter Tel. 0251/533344.
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