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Minne, Muse und massenhaft Mammon

Heute vor 198 Jahren wurde in Elberfeld Otto Wesendonck geboren, der einer der größten Gönner und Förderer Richard Wagners war - und dabei fast die eigene Frau verlor.
Otto und Mathilde Wesendonck Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
 

Es gibt in Richard Wagners Lebensgeschichte nicht wenige Menschen, die sich aus triftigem Grund von ihm betrogen fühlen mussten. Drei davon traf es besonders hart: seine erste Ehefrau Minna Wagner, die er immer wieder hinterging, Hans von Bülow, Wagner-Dirigent und Cosimas erster Gatte, dem Wagners Töchter gewissermaßen untergeschoben wurden, und Otto Wesendonck, der Ehemann von Wagners Tristan-Muse Mathilde. Ob die beiden letzteren tatsächlich Ehebruch begangen haben, weiß keiner genau. Otto Wesendonck, der am 16. März 1815 in Elberfeld geboren wurde, sei so oder so ein Lorbeerkranz geflochten.

"Liebster, ich habe so etwas eben noch nicht erlebt! (...) Wie mit einem Zauberschlage ist plötzlich Alles um mich her anders! Alles Schwanken hat ein Ende; ich weiß, wo ich nun hingehöre, wo ich weben und schaffen, wo Trost und Stärkung, Erholung und Labung finden soll." Nein, der Adressat dieses Briefes von Richard Wagner war mitnichten König Ludwig II., sondern Otto Wesendonck. Er bekam viele Briefe dieser Art. Zum Beispiel am 24. September 1852 aus Biebrich: "Bester! Einzigster! Heute spreche ich zu Ihnen als Räuberhauptmann: machen Sie sofort mir noch fünfhundert Gulden möglich, so rette ich die Meistersinger, an die ich mich wie mit dem Krampf der Verzweiflung anklammere."

Der Kaufmann, Kunstsammler und Kunstmäzen Otto Wesendonck stammte aus einer alten niederrheinischen Kaufmannsfamilie, wurde unter anderem in Amerika ausgebildet und stieg nach seiner Rückkehr erfolgreich in den Seidenhandel ein. Er war neun Jahre alt, als seine Mutter Sophia starb. Seine ältere Schwester Mathilde wurde bis zu ihrem frühen Tod 1838 seine Ersatzmutter. 1844 heiratete er die Tuchhändlertochter Mathilde Eckhardt, die bereits während der Hochzeitreise in Florenz dem Typhus erlag. 1847 lernte er auf einer Hochzeit Agnes Luckemeyer kennen, die nach der Verlobung im Jahr darauf auf sein Bitten hin den Namen Mathilde annahm. Am 19. Mai 1848 heirateten die beiden in Düsseldorf.

Der Umzug nach Zürich, damals ein Zentrum des europäischen Seidenhandels, erfolgte im April 1851. Sie bekamen insgesamt fünf Kinder, von denen drei immerhin das Erwachsenenalter erreichten, aber nur den in Zürich geborenen Sohn Karl (1857-1934) mussten die Eltern nicht beerdigen. In Zürich erlebten die Wesendoncks Wagner am 20. Januar 1852 erstmals als Dirigent bei einem Konzert, ab 1853 unterstützten sie ihn finanziell.
Was der Dichterkomponist unter anderem mit launigen Geburtstagsgrüßen dankte. So schrieb Wagner am 16. März 1854: "Homer schlich sich aus meiner Bibliothek fort. Ich frug: wohin? Er sagte: Otto Wesendonk zum Geburtstage zu gratuliren. Ich antwortete: thu's für mich mit!"

"Otto Wesendonck", so Dietrich Mack in Wagners Frauen, dem gerade erschienenen Insel-Buch, "wird, König Ludwig II. ausgenommen, Wagners größter Mäzen, Mathilde wird wie keine andere Frau seine Minne und Muse. Sie ist vierundzwanzig, wie Jessie Laussot fünfzehn Jahre jünger als Wagner. Es entwickelt sich ein Drama in drei Akten: Im ersten Akt führen zwei Ehepaare in der Öffentlichkeit eine intensive Freundschaft. Aber sie haben ein Geheimnis. Im zweiten Akt kommt es zum öffentlichen Skandal. Der dritte Akt handelt von Trennung und Verdrängen."

Noch bevor die Wesendoncks in ihre neu erbaute hochherrschaftliche Villa einzogen, bewohnten Minna und Richard Wagner schon das Fachwerkhaus auf dem Nachbargrundstück, das sogenannte Asyl, das sie allerdings ein gutes Jahr später wegen seiner Affäre mit Mathilde wieder verlassen mussten. Wie Erich Kuby in Richard Wagner & Co. 1963 schrieb, vermietete Wesendonck diesen Besitz "gegen einen formalen Jahreszins von ungefähr 3500 Mark an Wagner bis zu dessen Lebensende. Das Haus wurde vom Keller bis zum Dach erneuert, umgebaut und komfortabel eingerichtet. Am 28. April 1857 zogen die Wagners ein. Minna wurde das Erdgeschoss zugewiesen. Der Meister bezog den ersten Stock, den zu betreten Minna, nicht aber Mathilde, besondere Erlaubnis brauchte."

Bereits zwei Jahre zuvor, 1855, musste Otto Wesendonck laut Hanjo Kestings Buch Das Pump-Genie in Zürich Schulden Wagners "von fast zehntausend Francs auslösen." Immer wieder springt er nobel mit vielen Darlehen und Geschenken ein, wenn Wagner ihn mit seiner Geldnot und seinen Forderungen peinigt. Nicht zu vergessen jene 24 000 Francs, die er ihm für den Ring des Nibelungen auszahlte, den Wagner allerdings auch noch an den Schott-Verlag und an König Ludwig II. verkaufte. Nicht zu vergessen die Großzügigkeit, mit der Wesendonck die ihm überlassenen Originalpartituren von Das Rheingold und Die Walküre an Wagner zurückgab, damit der sie wiederum dem König schenken konnte...

Dass Wagner außerdem noch alles tat - und das waren durchaus Dinge, die einem Normalsterblichen eben nicht gegeben sind -, um seinem Gönner und Wohltäter die Frau auszuspannen, sei nur nebenbei bemerkt. Die Sache ist letztlich nur für Wagner selbst gut ausgegangen, denn die Affaire mit Mathilde - ob nun platonisch oder nicht - beflügelte ihn bei seiner Arbeit an den ersten beiden Teilen der Ring-Tetralogie und insbesondere für Tristan und Isolde. Mathilde sollte auch die einzige Autorin sein, deren Texte er in einem Liederzyklus vertonte.

1872 verkaufte Otto Wesendonck seine Villa, die heute das Museum Rietberg beherbergt, und zog mit seiner Familie nach Dresden; für die Sommermonate erwarb er den Landsitz Traunblick am Traunsee im Salzkammergut. Im Herbst 1882 ließen sich die Wesendoncks in Berlin nieder, wo sie wiederum und nicht nur wegen ihrer Gemäldesammlung ein glanzvolles Haus führten. Otto Wesendonck starb dort am 18. November 1896, Mathilde überlebte ihren Mann um sechs Jahre.

Im Nachhinein darf man froh sein, dass die Sache nicht endete wie Beatrice di Tenda, die vorletzte Oper von Vincenzo Bellini, die heute vor 180 Jahren im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt wurde, und möchte den Kopf darüber schütteln, dass noch am 16. März 1902 die Buchausgabe des Schauspiels Der Reigen von Arthur Schnitzler behördlich verboten wurde. Bleibt neben Otto Wesendonck noch Geburtstagskind des Tages: der nach wie vor unglaubliche Dirigent Roger Norrington (1934*) mit seinen vielfältigen Wegen zu Wagner.

zum Thema "Mein Wagner-Jahr"

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