Dienstag, 18. Juli 2017 09:34

Heilung für Alzheimer? Studie am Klinikum Bayreuth testet neues Medikament

Zwei Forscher am Klinikum Bayreuth wollen ein neues Medikament für Alzheimer testen. Es könnte die Krankheit dauerhaft aufhalten, vielleicht auch heilen.
Stefan Förster, Chefarzt der Nuklearmedizin (links) und Patrick Oschmann, Chefarzt für Neurologie am PET-CT in Bayreuth. Das Gerät kann verschiedene Formen von Demenz unterscheiden und betroffene Hirnregionen sichtbar machen. Das hilft bei der Studie, in der die Wirksamkeit eines neuen Alzheimer-Medikaments getestet wird. Foto: Klinikum Bayreuth

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Hartmut Bronner sitzt im Hemd auf einem Sessel in seinem Zimmer in einem Seniorenheim. "Guten Morgen Herr Bronner", begrüßt ihn die Ergotherapeutin Sabrina Seidler. Dadurch signalisiert sie ihm subtil, welche Tageszeit gerade ist. Selbst weiß er es oft nicht mehr. Auch die Jahreszeiten und -zahlen vergisst er, ebenso sein Alter. Manchmal auch den Namen seiner Angehörigen, oft den der Therapeutin, die ihn täglich sieht. Ich bin zum dritten Mal dort, zum Schachspielen. Zum dritten Mal stelle ich mich ihm vor, zum dritten Mal erzählt er mir mit leuchtenden Augen von seiner Zeit beim Schach-Club. Aber Schachspielen kann er noch, je nach Konzentration und Form besser als ich. Auch Klavierspielen mit seinem Sohn gelingt ihm meist noch sehr gut.

"Das ist typisch für eine Demenz mit Alzheimer als Ursache", klärt mich Patrick Oschmann auf. Alzheimer entsteht, wenn sich Gehirnzellen selbst vergiften, weil das vermehrt produzierte Eiweiß Beta-Amyloid nicht mehr abtransportiert wird, sich in den Zellen einlagert und dort verklumpt. Zumindest ist dies die gängigste Erklärung; ganz einig sind sich die Forscher nicht.

Laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft leiden in der Bundesrepublik etwa 1,5 Millionen Menschen an einer Demenz. Die kann zahlreiche Ursachen haben, am häufigsten liegt es an der Alzheimer-Krankheit (in etwa zwei Drittel). Andere Formen äußern sich zum Beispiel in teils aggressiven Wesensveränderungen oder wenn etwa Parkinson auftritt und die Sturzneigung zunimmt.


Das neue Medikament



Oschmann ist Chefarzt der Klinik für Neurologie in Bayreuth. Zusammen mit seinem Kollegen Stefan Förster, dem Chefarzt für Nuklearmedizin, will er ein "vielversprechendes neues Medikament" testen, wie er sagt. Dazu wird am Klinikum Bayreuth nun eine Langzeitstudie durchgeführt. Das Medikament "Aducanumab" des US-amerikanischen Pharmaunternehmens "Biogen" wird in der dritten Phase getestet.

Was Oschmann positiv gegenüber des Medikaments stimmt, sei zum Einen der Wirkmechanismus: Man hat bei Menschen, die trotz hohen Alters um die 90 Jahre keine Demenzsymptome aufweisen, Antikörper feststellen können, die das giftige Eiweiß aus dem Gehirn abtransportieren. Die Antikörper werden seitdem in Mäusen gezüchtet. In den USA gab es im Jahr 2015 eine Vorzeitstudie, bei der rund 160 Patienten den Stoff über eine monatliche Infusion verabreicht wurde. "Bei den bisherigen Medikamenten für Alzheimer-Patienten werden nur die Zellen, die noch funktionieren, gedopt", sagt Oschmann. Den Verfall könnten sie also nur so lange verzögern, wie noch ausreichend gesunde Zellen vorhanden sind. Das neue Medikament soll durch den Abtransport des giftigen Eiweißes den Verfall ganz aufhalten, teilweise sogar für die Erholung bereits erkrankter Zellen sorgen.
"Wenn die Studie erfolgreich ist, können auf dieser Basis auch Antikörper und damit Heilmittel für alle anderen neurodegenerativen Erkrankungen (etwa ALS oder Chorea Huntington) gefunden werden", sagt Oschmann. Man müsse nur entsprechend die Antikörper anpassen.

Zwar war die Gruppe der Vorgängerstudie klein, "aber die Bildgebung ist auch hier aussagekräftig", meint Oschmann. An Bildern eines PET-CT-Scanners (Verbindung eines Positronen-Emissions- und eines Computertomographen) sei nachgewiesen worden, wie sich die betroffenen Zellen erholen. "Wenn wir frühzeitig mit den Infusionen beginnen, können wir die Alzheimer-Krankheit dauerhaft aufhalten", hofft der Neurologe.


Die Geräte: PET-CT und MRT



In Bayreuth steht eines der modernsten PET-CT-Geräte Deutschlands. Daran kann festgestellt werden, ob einer Demenz die Alzheimer-Krankheit zu Grunde liegt; teils bis zu 20 Jahre vor ihrem Ausbruch. Dazu wird dem Patienten radioaktive Glucose gespritzt, die sich in den gesunden Hirnarealen anreichert und sie einfärbt. Die kranken Bereiche werden dadurch sichtbar. Die Methode ist laut Oschmann kein Standard in der Demenz-Diagnostik. Das Klinikum Bayreuth nutzt das Gerät aber regelmäßig, weil sich dadurch aufwendige Folgediagnosen vermeiden ließen.

Für die Studie sind Bilder aus dem PET-CT entscheidend, um die Wirkung des neuen Medikaments nachzuweisen. Deshalb arbeitet Oschmann bei der Studie eng mit dem Nuklearmediziner Stefan Förster zusammen. Auch Bilder am MRT (Magnetresonanztomograph) werden regelmäßig von den Studienteilnehmern gemacht; um Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen.


Die Nebenwirkungen: Hirnödeme und Mikroblutungen


Bei der Vorläuferstudie sind bei einzelnen Patienten Hirnödeme und Mikroblutungen aufgetreten. "Das liegt daran, dass die Antikörper sozusagen das Eiweiß aus den Zellwänden reißen", erklärt Oschmann. Die Schädigungen würden aber heilen, sobald die Infusionen aufhörten. Auf dem MRT seien Nebenwirkungen schnell zu erkennen, weshalb Studienteilnehmer auch häufig dieses Gerät nutzen werden.


Die große Hoffnung

Oschmann habe "hohe Erwartungen" an die Studie, die bereits mit einer Teilnehmerin begonnen hat. Positiv stimme ihn einerseits der neue Ansatz des Medikaments. "Damit wird eine der letzten großen Hürden der Medizin überwunden", blickt Oschmann mit strahlenden Augen in die Zukunft.

Im Laufe seiner Karriere habe er schon häufig mit der Firma "Biogen" gut zusammengearbeitet, die die Studie in Bayreuth finanziert. Zudem habe das Klinikum Bayreuth eine hervorragende Ausstattung und mit Oberfranken ein großes Einzugsgebiet. Die Vorgängerstudie sei zudem sehr erfolgsversprechend.

Die Studienergebnisse werden voraussichtlich im Jahr 2020 veröffentlicht. In den ersten neun Wochen soll die Eignung der potentiellen Tteilnehmer getestet werden. Danach werden sie randomisiert, also zufällig in eine von drei Gruppen eingeteilt: Eine bekommt den Wirkstoff in niedriger, eine in hoher Dosierung. Die dritte Gruppe erhält ein Placebo. Nach 76 (erfolgreichen) Wochen erhält eine Hälfte der Placebo-Gruppe eine hohe, die andere eine niedrige Dosierung des Medikaments. Der Rest bleibt bei der vorherigen Dosis. Diese Phase dauert 100 Wochen. Danach wird für 18 Wochen nachbeobachtet.


Die Kosten


Genaue Angaben, was das Medikament nach einer erfolgreichen Studie kosten wird, könne man laut Oschmann bisher nicht machen. "Es wird sich aber im Bereich der Medikation für Multiple Sklerose bewegen, also etwa 20 000 bis 100 000 Euro im Jahr", schätzt der Neurologe. Dann müssten die Gesellschaft und die Kassen entscheiden, ob sie dafür aufkommen. Oschmann schwebt eine Doktorarbeit zu Kosten und Nutzen vor, vielleicht sogar an der künftigen Uniklink Bayreuth. "Denn bei einer erfolgreichen Behandlung spart man sehr viel Geld für die Versorgung von den vielen Alzheimer-Patienten in Deutschland", meint Oschmann. Seine Wortwahl, seine feste Stimme und seine in die Zukunft blickenden Augen zeigen seine Überzeugung und geben Hoffnung, dass eine Heilung für Alzheimer in Aussicht steht.


Die Skepsis

Vorsichtiger ist ein Kollege. "Man kann erst positiv reden, wenn die Studie vorbei ist", sagt Clemens Grupp, Chefarzt für Altersmedizin am Klinikum Bamberg. Den neuen Ansatz der Studie, den Zellverfall über Antikörper zu stoppen, finde er zwar erfolgsversprechend. "Aber es gab schon viele erfolgsversprechende Erststudien, die sich im Nachhinein als Fehlschläge entpuppt haben", so Grupp. Im Jahr 2012 zeigte beispielsweise "Bapineuzumab" von "Pfizer" und "Johnson & Johnson" eine ähnliche Wirkung wie "Aducanumab". In den späteren klinischen Studien konnten die Ablagerungen auch beseitigt werden, das Medikament konnte aber den Krankheitsverlauf von Alzheimer nicht aufhalten oder verlangsamen." Solanezumab", das Konkurrenzprodukt von "Eli Lilly", zeigte eine ähnlich vielversprechende Wirkung, konnte aber im Jahr 2016 auch nicht beweisen, dass damit der Krankheitsverlauf positiv beeinflusst werden könnte.

Weitere Forschung sei allerdings wichtig. Auch die "Alzheimer Initiative e.V." weißt immer wieder daraufhin, dass neue Alzheimer-Medikamente und entsprechende Studien dringend notwendig seien. Für die Studie am Klinikum Bayreuth werden noch Teilnehmer gesucht.




Informationen und Voraussetzungen zur Teilnahme

An der Studie teilnehmen können Menschen zwischen 50 und 85 Jahren, die Symptome einer Alzheimer-Krankheit im Frühstadium zeigen, wie etwa Gedächtnisprobleme oder Schwierigkeiten, klar zu denken. Außerdem benötigen Teilnehmer eine Begleitperson, die mit zu den Besuchen kommt und Auskunft über die Gesundheit geben kann.

Die Teilnehmer werden ein- bis zweimal im Monat ins Prüfungszentrum gebeten und nach der verabreichten Infusion, die etwa ein bis zwei Stunden dauern soll, angerufen. Zu den Infusionen und den Untersuchungen an den Tomographen kommen Blut- und Urinuntersuchungen, Elektrokardiogramme (EKG), Blutdruck-, Herzfrequenz und Körpertemperaturmessungen sowie Fragen und Gespräche zum Denkvermögen. Teilnehmer der Placebo-Gruppe bekommen im späteren Verlauf ebenfalls das Medikament. Außerdem erhalten alle Teilnehmer bei einer erfolgreichen Studie die Infusionen bis zur Zulassung konstenlos.

Patienten, die an der Studie teilnehmen möchten, können sich an das Sekretariat der Klinik für Neurologie (0921/ 400 46 02) oder an das Studienzentrum (0921/ 400 46 14) wenden.