Dienstag, 25. Juli 2017 19:33

Fast wie im Märchen - Vom Roten Teppich bei den Bayreuther Festspielen 2017

Am Dienstag sind viele bekannte Gesichter im Regen über den roten Teppich vor dem Bayreuther Festspielhaus geschritten. Vom Grabenkampf drum herum.
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und König Gustaf von Schweden am Dienstag (25. Juli) vor dem Bayreuther Festspielhaus. Die Richard-Wagner-Festspiele werden im Jahr 2017 mit der Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" eröffnet. Fotos: Tobias Hase/ dpa

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Mit einer Kutsche würden sie anreisen, Königin Silvia und König Carl XVI. Gustaf von Schweden. "Am besten hat Silvia noch ein Krönchen auf. Wie im Märchen!", schwärmt eine Zuschauerin aus einer Vierergruppe, die schon seit elf Uhr am Roten Teppich vor dem Festspielhaus in Bayreuth steht, um sich einen guten Blick auf die prominenten Gäste zu sichern. Ab drei Uhr nachmittags sollen dort neben dem Königspärchen auch Angela Merkel und allerlei Politprominenz, Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl und allerlei Schauspielprominenz und eine Menge andere irgendwie Prominente (Gloria von Thurn und Taxis, Stoiber) über den Teppich schreiten. Um vier Uhr beginnt die erste Wagner-Oper der diesjährigen Festspiele, "Die Meistersinger von Nürnberg", inszeniert von Barrie Kosky.


Dauerberieselung

Fraglich, ob das die Gruppe in der ersten Reihe oder einen der anderen rund 300 Promi-Kucker interessiert, die in Regenmänteln und -schirmen der Dauerberieselungen von oben trotzen, um den Sternchen der Dauerberieselung der Medien einmal nahe zu sein. Eine etwa 60 Jahre alte Frau mit einem Autogrammbuch griffbereit unter dem Regenmantel behauptet, schon seit acht Uhr morgens hier zu stehen. "Es ist einfach eine ganz andere Atmosphäre als im Fernsehen", sagt sie. Wie die meisten ist sie vor allem wegen Schwedens Königspaar hier, aber eben auch "wegen der wunderbaren Atmosphäre, dem Spektakel". Alles wie im Märchen also an diesem verregneten Dienstag in Bayreuth?

Wenn, dann nicht wie in einem harmonischen Disney-Märchen, sondern eher wie in einem alten deutschen, in dem Daumenlutschern der Finger abgeschnitten wird. Nicht wegen dem Königspaar, das zwar ohne Kutsche, dafür aber mit Seehofers und einer Ehreneskorte von 15 Motorradfahren der bayerischen Polizei kommt.

Düster und rau ist es eher wegen Zurufen wie "Weg da! Wir stehen hier seit Stunden", "Hau da jetzt sofort ab", "Mir doch wurscht, ob ihr von der Presse seid". Von allen Seiten zu allen Seiten. Die Zuschauer gegen die Fotografen, Kameramänner und Radiomoderatoren; und die Journalisten untereinander. Auch die Kollegen haben sich schon vor Stunden Plätze gesichert, teilweise mit Klebeband am Boden markiert. Sie haben Leitern, Hocker und Schirme aufgestellt, sie Fotografieren und Filmen in drei Reihen über- und hintereinander. Es sind fast so viele wie Zuschauer. Kompromisse? Abwechseln? Nicht in diesem Märchen.

Irgendwo finde ich einen Platz zum Fotografieren, muss aber eine Stunde in der Hocke bleiben, wie auch zwei Kolleginnen neben mir. Das genügt der Dame mit dem Autogrammbuch nicht. "Wenn ihr da im Weg rumsitzt kommt keiner zu uns", sagt sie; zwanzig Mal.

Gutes Zureden ("Sie sehen doch alles"), Kompromissvorschläge ("In der Pause bin ich weg, da kommt dann der Seehofer"), Zurückrüpeln ("Glauben Sie mir macht das Spaß mit Ihnen?"), alles zwecklos. "Der grausamste Termin, den ich je hatte", kommentiert eine Kollegin, die neben mir auf dem nassen Boden kniet. Aber irgendwann wird das Beschwerde-Mantra unterhaltsam; und lenkt von den nassen Füßen und den Schmerzen in den Beinen ab.


Die Welt trifft auf Bayreuth


Ebenfalls unterhaltsam: Eine junge Radiomoderatorin aus einer Großstadt trifft auf Bayreuther. "Seid ihr schon aufgeregt?", fragt sie mit aufgeregter Stimme. "Aufgrecht jetzt ned", kommt die unaufgeregte Antwort. "Könnt ihr mal aufgeregt ins Mikro rufen?" - "Naa, eigentlich ned." Herrlich.

Dann fahren die ersten Autos vor. Den Damen wird der Schirm gehalten, der Rote Teppich beschritten, es geht los. Nicht nur das Blitzlichtgewitter, auch die lauten Schreie von allen Seiten: "Frau Merkel, einmal nach links schauen", "Jetzt noch Mal einzeln, Gloria", "Ohne Schirm, Herr Wachtveitl" - "Aber es regnet", antwortet der. Dann macht er es trotzdem.

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