Freitag, 14. Juli 2017 12:37

Die Oldschdod bleibt Kult: Neueröffnung des ersten deutschen Fußballmuseums in Bayreuth

Die SpVgg Bayreuth hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Die Fans vom "Altstadt Kult" bleiben ihr Treu, mit Herz und Humor; egal ob zweite oder sechste Liga.
Marcel Knötzsch, Präsident des Fan-Vereins "Altstadt Kult", im neuen Museum der SpVgg Bayreuth. Nach anfänglichen Bedenken ist er mit der neuen Lokalität in der Erlanger Straße in Bayreuth sehr zufrieden. Foto: Markus Klein

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - "Oldschdod" grölt es aus etwa 50 Kehlen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren an der Kreuzung Oswald-Merz-Straße und Erlanger Straße in Bayreuth. Mit dabei sind Schüler und Studenten, Elektriker, Bäcker, Landschaftsgärtner, Anwälte, ein Radiomoderator, der Chefdesigner von Adidas sowie ehemalige und aktive Fußballspieler. Auf der LED-Anzeige über ihnen stehen die Buchstaben "Aufstieg jetzt". Auf dem Schild darüber "Altstadt Kult Museum"; der Ort, dessen Eröffnung die Bayreuther Fußballfans am Donnerstagabend (13. Juli) feiern. Der Fan-Verein "Altstadt Kult" des Fußballvereins Spielvereinigung (SpVgg) Bayreuth ist umgezogen. Und mit ihm Deutschlands erstes Fan-Museum.

Bei der Neueröffnung am Donnerstagabend (13. Juli) sind die Gäste trotz der durchwachsenen vergangenen Saison optimistisch. Vereinsmitglieder, Spieler und Gäste laufen durch die großzügigen Räume und Gänge. Trikots, Fotos, Zeitungsausschnitte, Stadionpläne und-zeitschriften sowie Spielplakate erzählen die Geschichte des Traditionsvereins, von den großen Erfolgen und den harten Rückschlägen. Ihre beste Zeit hatte die Mannschaft zwischen 1971 und den 80er Jahren, darunter ein zweiter Platz in der zweiten Bundesliga im Jahr 1979 und das Achtelfinale des DFB-Pokals 1980, als die SpVgg Bayreuth den amtierenden Meister FC Bayern München bezwang.


"Gibt's da wenigstens gutes Bier?"



Trauerspiele gab es auch nicht wenige: In den 90er-Jahren stieg der Verein zweimal in die fünfte Liga ab. Ab 2001 spielten die Bayreuther wieder in der Bayernliga. Zweimal stiegen sie sportlich auf, beide Male wurde ihnen aber aufgrund der Finanzlage die Regionalliga-Lizenz entzogen. Die Tiefpunkte: Der Insolvenzantrag im Jahr 2008 und der Abstieg in die sechste Liga in der Saison 2010/11.

"Da waren wir in Orten, die keiner kennt. Und man stellt sich nur noch die Frage: Gibt's da wenigstens gutes Bier?", scherzt Marcel Knötzsch, der Präsident vom "Altstadt Kult". "Bei so einem Verein muss man sich den Humor bewahren", ergänzt er. Seit dem Jahr 1974 ist Knötzsch Fan der Spielvereinigung. Sein Vater nahm ihn mit ins Stadion, auf das Zweitliga-Spiel gegen Bayern Hof, bis heute ein Hassgegner. "Damals waren über 5000 Zuschauer im Stadion, da war Bayreuth noch bekannt auf der Fußball-Landkarte". Aber auch durch die Zeiten mit einem Zehntel der damaligen Zuschauerzahlen begleitete er den Verein.

Den "Altstadt Kult" gibt es seit 1990. Knötzsch ist Gründungsmitglied und kam auf den Namen. Das erste Museum öffnete im Jahr 2002. "Wir wollten eigentlich nur einen Ort, wo wir uns vor und nach den Spielen treffen konnten und von wo die Busse zu den Auswärtsspielen losfahren", erzählt er. Es waren dann die Spieler selbst, die mit alten Trikots und anderen Sammlerstücken auf den Fan-Verein zugingen. So entstand das Museum. Fußballbegeisterte aus ganz Deutschland seien seitdem zu Besuch gekommen. Das Fanmagazin "11 Freunde" berichtete mehrfach über die SpVgg Bayreuth und das Altstadt Kult Museum. Zum Insolvenzantrag im Jahr rief es sogar dazu auf, den "geilen Verein" zu retten. Selbst in einer britischen Zeitschrift wird das Museum in der Liste der 100 Plätze geführt, die Fußballfans einmal besuchen sollten.


Zum Bruder berufen



"Seitdem schlagen immer wieder Fußballbegeisterte bei uns auf. Aus Frankfurt, Braunschweig, sogar aus Manchester war mal einer da", erzählt Knötzsch. Der Fan-Verein hat 37 feste und etwa 30 Fördermitglieder. "Man kann bei uns nicht beitreten, man wird dazu berufen", sagt er. Wie eingangs beschrieben sind die verschiedensten Berufe und Generationen im Verein, "das ist uns egal, aber menschlich muss es halt passen", so Knötzsch. Die Mitglieder beobachten, wer regelmäßig ins Stadion geht, Einsatz zeigt und sich engagiert. Dann gehen sie auf denjenigen zu. "Bei uns sind die Leute teilweise über 40 Jahre miteinander befreundet und sehen sich zu fast jedem Spiel. Das schweißt zusammen, wir sind wie Brüder", erzählt er.


Renovierungsmassaker



Das ist auch notwendig, in Anbetracht der großen Aufgabe der letzten Monate. Geschockt seien sie gewesen, als sie plötzlich die Kündigung für das alte Musem in den Markgrafenhallen bekamen. "Da hat eigentlich alles gepasst: Es war nahe am Stadion und man konnte bis in die späte Nacht laut sein". Zufällig sei man dann an das ehemalige Restaurant in der Erlanger Straße gekommen.

"Das war ein Massaker hier", sagt Knötzsch und meint die Renovierung: Die Böden klebten, Wasser tropfte die Wände hinunter, die Tapeten waren fettig und dreckig. Wichtig sei gewesen, vor dem Auftaktspiel (am 14. Juli) fertig zu sein. Laut dem Vereinspräsidenten hätte der Fanclub 120 Liter Farbe, einen fünfstelligen Betrag und über 3000 Arbeitsstunden in die neuen Räumlichkeiten gesteckt. Dazu kämen rund 10 000 Euro Miete im Jahr "Das geht nur, wenn alle anpacken und dahinter stehen", so Knötzsch.

Hinter seiner Mannschaft würde er auch stehen, wenn sie wieder in die sechste Liga absteige. "Wir reden immer wieder über die guten alten Zeiten. Das ist uns wichtig, aber die sind auch vorbei", meint Knötzsch. Noch einmal in die dritte Liga, das wäre herrlich." Zwar sei das in der eben gestarteten Saison schwierig, weil Mannschaften wie Schweinfurt oder Unterhaching den sechsfachen Etat der SpVgg Bayreuth hätten; "Aber wenn eine Chance kommt, dann werde wir die auch nutzen." Optimistisch sei er vor allem wegen des in dieser Saison besonders jungen Vereins: Der Altersdurchschnitt der Spieler liegt bei 23 Jahren. "Da denkt man bei manchen, die haben noch nicht mal einen Mofa-Führerschein", scherzt Knötzsch.


Teil eines Ganzen



23 Jahre alt ist auch Oldschdod-Fan Mario Fischer. Er kümmert sich um die Jugend. Zum Beispiel organisiert er die Busse zu den Auswärtsspielen sowie Brotzeit und Getränke. Ihm wurde die Mitgliedschaft im "Altstadt Kult" schon angeboten, allerdings will er sich noch eine Weile länger in der Jugendarbeit engagieren, bevor er die "große, ehrenvolle Aufgabe" annehme, wie er sagt.

Sein Opa hat ihn vor zehn Jahren mit ins Stadion genommen. Es war die Saison, in der die SpVgg wieder aufgestiegen ist. Er sei schon immer Fußballfan gewesen und die besondere Stimmung im Bayreuther Stadion habe ihn nicht mehr losgelassen. Er wollte zu jedem Spiel, langsam knüpfte er Kontakte zu Altstadt-Kult-Mitgliedern, fuhr mit nach Hof auf ein Auswärtsspiel. "Spätestens da hat es mich komplett erwischt", sagt Fischer. Aus Bayreuth kamen vier volle Busse nach Hof, die Stimmung sei einzigartig gewesen. "Vor allem der Zusammenhalt ist das Geile. Man ist Teil eines Ganzen, das hat mich berührt und fasziniert", erzählt er. "Ich werde immer dabeibleiben, auch wenn wir wieder ganz unten spielen."

Im alten Museum habe er schon sehr viele Nächte verbracht. Nach anfänglichen Bedenken freut er sich aber sehr über den neuen Ort: "Es ist einfach Wahnsinn, was die auf die Beine stellen. Alles aus privatem Engagement, unabhängig von Sponsoren. Alles hat eine gute Wendung genommen, das ist ein großer Schritt für die Fanszene. Ohne Anlaufpunkt für jung und alt würde es die so nicht mehr geben", meint er.

Mit zunehmendem Alter habe er sich dann selbst in der Pflicht gesehen, weshalb er sich nun um die Jugend kümmert. Die Geschichte der Oldschdod geht weiter, es bleibt spannend. "Es wäre uns nur wichtig, dass wieder mehr Leute ins Stadion kommen", sind sich Knötzsch und Fischer einig.

Die offizielle Eröffnung des Altstadt Kult Museums ist am Samstag (15. Juli). "Das wird ne richtig große Sause", verspricht Knötzsch.