Freitag, 15. September 2017 11:06

Millionenschaden durch Autoknacker in Oberfranken - Polizei nimmt internationale Bande hoch

Der Polizei ist ein Schlag gegen eine internationale Bande von Autodieben gelungen. Sie soll mehr als 100 Straftaten begangen haben - meist in Oberfranken.
Der Polizei ist ein Schlag gegen eine internationale Bande von Autodieben gelungen. Sie soll mehr als 100 Straftaten begangen haben - auch in Franken. Symbolfoto: dpa

von CHRISTIAN PACK
Bayreuth - Mindestens 1,2 Millionen Euro Entwendungsschaden und eine Ermittlungsakte, die bereits 5000 Seiten umfasst: Nach gut zwei Jahren intensiver Arbeit hat die Kriminalpolizei Oberfranken in Zusammenarbeit mit der Coburger Staatsanwaltschaft und den Kollegen aus Tschechien einer international agierenden Diebesbande das Handwerk gelegt. "Das Verfahren hat allen viel abverlangt. Aber es hat sich gelohnt", fasst Kriminaldirektor Alfred Kauper bei einem Pressetermin zusammen.

Die insgesamt sieben Tatverdächtigen aus Moldawien, Rumänien und Tschechien sind für über 100 Straftaten - überwiegend Kraftfahrzeugdiebstähle - verantwortlich. Ein erheblicher Teil der Delikte wurde in Oberfranken begangen. Die Männer zwischen 25 und 39 Jahren wurden inzwischen nach Deutschland ausgeliefert. Sie sitzen in bayerischen Justizvollzugsanstalten in Untersuchungshaft.


Erste Festnahme in Nürnberg

Ab Sommer 2015 hatten sich die Fahrzeugdiebstähle gehäuft. Zunächst im Raum Coburg, dann in der Region Bayreuth/Hof, waren insbesondere die Marken VW T5, Mercedes Sprinter und Skoda entwendet worden. Es dauerte bis zum Juni 2016, bis die ersten beiden Bandenmitglieder - zwei 33-Jährige mit moldawisch-rumänischer Staatsangehörigkeit - in Nürnberg gefasst werden konnten.

In Zusammenarbeit mit den tschechischen Kollegen konnte so der Kopf der Bande ausfindig gemacht werden. Der 39-jährige Tscheche hatte von Pilsen aus die Diebstähle bei einem der Verhafteten in Auftrag gegeben. Dabei ging die Bande äußerst professionell vor: Mithilfe von Internet- oder Vor-Ort-Recherche wurden die Objekte ausgewählt. Die Adressen notierten die Komplizen auf kleinen Zetteln, die in Kugelschreibern versteckt wurden. Handys wurden, wenn überhaupt, nur kurzzeitig verwendet und sofort entsorgt. Auch die Aufbruchsutensilien hatte man in den Fluchtfahrzeugen professionell verbaut. "Sie haben sich sehr viel Mühe gemacht", sagt Kauper.

Die gestohlenen Fahrzeuge bauten die Männer anschließend in Tschechien auseinander. Teilweise zerlegten sie die hochwertigen Fahrzeuge bis auf die Kabelstränge. Auch hier offenbarte sich das professionelle Vorgehen. Kauper: "Wir haben unter anderem einen ausgebauten Motorblock sichergestellt, mit dem noch drei Tage zuvor noch in Deutschland gefahren wurde."
Teile von Schrottfahrzeugen wurden mit anderen Teilen kombiniert. Die "neuen" Fahrzeuge wurden zugelassen und verkauft - selbstverständlich mit gefälschten Papieren. "Die Täter haben sogar die kleinen Autoschlüssel-Plaketten der unterschiedlichen Marken bestellt und neu aufgeklebt."


80 gefälschte Fahrzeugbriefe

Anfang März 2017 durchsuchten die deutschen Ermittler mit ihren tschechischen Kollegen neun Objekte in der Tschechischen Republik. In den Hallen, Werkstätten, Scheunen und Wohnungen wurde den Ermittlern laut Kauper erst das ganze Ausmaß bewusst. "Geplant war, dass wir nach einem Tag fertig sind. Es wurden aber zwei daraus."

Vor Ort wurden unter anderem 17 Fahrzeuge, circa 56 Fahrzeugteile, mehr als 35 Fahrzeugsitze, rund 100 Schlüssel, über 80 gefälschte Fahrzeugbriefe sowie mehr als 30 Computer sichergestellt. Darüber hinaus hatte die Bande offensichtlich auch Anhänger, Motorräder sowie Baumaschinen entwendet. Kauper: "Die Gruppe war wohl schon vor 2015 aktiv."
Das beschlagnahmte Diebesgut wurde zur Untersuchung nach Deutschland gebracht. Ob die ursprünglichen Eigentümer Anspruch darauf haben und inwiefern die neuen Pkw-Besitzer auf dem Schaden sitzenbleiben, ist Gegenstand zivilrechtlicher Fragen, die noch zu klären sind.


Lange Haftstrafen drohen

Laut Christian Pfab, Pressesprecher der Coburger Staatsanwaltschaft, drohen den Beteiligten wegen schweren Bandendiebstahls hohe Haftstrafen. Den zwei Männern, die in Nürnberg gefasst worden waren, wird im November 2017 der Prozess gemacht. Anschließend folgen die Verhandlungen gegen die anderen Straftäter.

Dass dies überhaupt möglich ist, habe man den tschechischen Behörden zu verdanken. "Eine Auslieferung ist nicht selbstverständlich", betont Pfab. Somit könne von der länderübergreifenden Ermittlungsarbeit und den bald folgenden Prozessen ein klares Zeichen ausgehen: "Man wird in Deutschland auch zur Rechenschaft gezogen, wenn man, wie der Kopf der Bande, womöglich keinen Fuß auf deutschen Boden gesetzt hat."

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