"Slamily-Duell": Die Bayreuther Poetry-Slam -Saison beginnt

Am Dienstag, 13. September, startet die Poetry-Slam-Saison im Bayreuther "Zentrum". Trotz des Wettbewerbes sehen sich die Slammer als große Familie.
Der Bayreuther Biologie-Student Dominic Hopp wird am 13. September zum ersten Mal eine Poetry Slam Bühne betreten. Foto: Markus Klein

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Lena Hackers erster Auftritt vor Publikum löste eine ganze Bandbreite von Gefühlen in ihr aus: "Ein Adrenalinkick, irgendwo zwischen 'es ist schrecklich, alle kucken, ich will hier weg' und 'es ist geil, es macht Spaß, ich bekomme endlich direktes Feedback für meine Texte'", erzählt die 22 Jahre alte Bayreutherin. Ein Freund, der wusste, dass sie literarische Texte schreibt, habe sie ihn Erlangen auf ihren ersten Poetry-Slam mitgenommen. Damals fand der Poeten-Wettstreit noch nicht so häufig wie heute auf großen Bühnen statt, sondern "unter einer Zugbrücke, total atmosphärisch", beschreibt Hacker. Etwa 40 Leute waren da. Hacker ging davon aus, als Gast gekommen zu sein, genoss die Stimmung - und wurde dann bei der Begrüßung für die Bühne angekündigt. "Sieben Minuten, keine Verkleidung", seien ihr noch kurz die Regeln erklärt worden, und dann ging es los: Sie präsentierte einen ihrer Texte vor Publikum. Mit dessen Applaus kam sie ins Finale - und siegte.


Bewegende Slams


Das war im Jahr 2012. Seitdem hat sie rund 40 Auftritte hinter sich. "Ums Gewinnen geht es eigentlich nicht", sagt sie, "aber den ersten Sieg werde ich wahrscheinlich ewig in Erinnerung behalten. Als Rookie zu gewinnen ist schon was Besonderes." Außerdem erinnere sie sich noch gut an den Bayernslam im Jahr 2013 in Augsburg, bei dem sie Bayreuth vertreten hatte. "Wir haben dort in der Bücherei auf einer total spartanischen, improvisierten Bühne unsere Texte gelesen und danach zusammen getrunken und gefeiert. Abends gab es natürlich eine riesen Party", erinnert sie sich. Besonders berührt habe sie ein Slam in Schwabach, "in einem urigen Kellergewölbe, das mit 40 Gästen schon proppenvoll ist. Ich kam mit meinem Text 'Sarah' ins Finale und nach dem Auftritt kam ein älterer Herr zu mir und hat sich bei mir bedankt, weil ihn der Text über ein kleines Mädchen im Scheidungskrieg seiner Eltern so sehr berührt hat. Da macht es dann auch nichts wenn man nicht gewinnt."




Sie könne den Start der Poetry-Slam-Saison im Bayreuther Zentrum am 13. September kaum erwarten, denn wegen ihres Auslandsstudiums war sie seit einem Jahr nicht mehr auf einer Bühne gestanden. Außerdem freue sie sich auf die "Slamily", wie sie die Slammer-Gemeinde nennt: "Trotz des Wettbewerbs sind wir alle gut befreundet, man fühlt sich gleich wohl unter den anderen. Für gute Texte gibt es Anerkennung, wir trinken danach oft noch ein Bier zusammen und quatschen zusammen, die Slammer sind wie eine große Familie."

Zum Saison-Auftakt bekommt die "Slamily" Nachwuchs : Dominic Hopp aus Marktretdwitz (Landkreis Wunsiedel) studiert in Bayreuth und wird zum ersten mal die große Slammer-Bühne betreten. Seit etwa einem Jahr schreibt er Texte. Als Gast war er schon einmal da, er kennt ein paar Youtube-Videos von Slammern und hatte ein mal im "Glashaus" (Kultur- und Partyraum auf dem Campus) einen Text auf der Open Stage vorgetragen. Vor größerem Publikum und im Wettbewerb ist er noch nie aufgetreten.


Ästhetische Philosophie

Sein erster Text sei "gesellschaftskritische Prosa", sagt Hopp. "Ein Rundumschlag zu allen Weltbildfragen." Sollte er ins Finale kommen, müsste er einen zweiten Text lesen. "Um was der geht will ich aber noch nicht verraten." Mehr als drei, vier Texte habe Hopp gar nicht im Repertoire. "Ich brauche sehr lange zum schreiben", sagt er. Denn im Schreiben stecke immer ein Stück der Persönlichkeit. "Da muss ich entscheiden, was ich davon preisgeben möchte - und was ich dem Publikum zumuten kann", erklärt er schmunzelnd. Die zentrale Frage für ihn sei: "Würde ich zuhören, wenn ich im Publikum säße?"

Beeinflusst sei er vor allem von der Philosophie Albert Schweitzers und Erich Fromms, dem Erfahrenen möchte er aber gerne eine ästhetische Form geben. Dafür sei der Münchner Slammer und Autor Pierre Jarawan ein Vorbild. "Ich möchte ihn jetzt nicht kopieren, aber vom Feeling her rankommen", beschreibt es Hopp.

Hopp studiert Biologie in Bayreuth. Nicht der typische Studiengang, den man sich für einen Literaten vorstellt. Das ist auch bei Lena Hacker ähnlich: Sie studiert Betriebswirtschaft in Bayreuth und den Niederlanden. "Texte schreibe ich als Ausgleich", erklärt sie. Sie nutze sie als Bewältigungsstrategie für Alltagssituationen, die ihre Gefühle irgendwie in Wallung brächten, ob im Guten oder im Schlechten. Hacker arbeitet außerdem als Einkäuferin. "Da muss man schlagfertig sein. Das hilft auf der Bühne."

Ariane Puchta ist die Frau hinter der Bühne, die Hauptorganisatorin; "die Mama", wirft Hacker ein. Puchta selbst schreibt keine Texte, sei aber vom ersten Besuch eines Poetry-Slam an begeistert gewesen: "Das ist der Rock'n Roll in der Literaturszene", sagt sie.

Auch Puchta schwärmt vom familiären Umgang unter den Slammern. Sie habe früher regelmäßig die Slams besucht, dann Fotos gemacht, die Leute kennengelernt, und wurde so Teil der regelmäßige "Familientreffen", wie es Puchta nennt. Der "Franken-Slam-Papa" Michael Jakob, der sich nun hauptsächlich um die Buchungen kümmert, übergab ihr dann im Jahr 2011 die Organisationsleitung.

Mittlerweile gibt es seit zehn Jahren in Bayreuth regelmäßig Poetry-Slams. Die ersten fünf Jahre fanden sie im
Podium (ehemalige Jazz-Kneipe am Wittelsbacher-Ring) statt, danach ging es für vier Jahre ins Komm (kommunales Jugendzentrum), nun geht es zum zweiten mal ins Zentrum. Die Veranstaltungsreihe sei recht schnell gewachsen: von etwa 50 Besuchern pro Veranstaltung im Podium zu rund 200 Besuchern im Komm bis zu 400 im vergangenen Jahr im Zentrum. "Damit sind wir nach Nürnberg die Zweitgrößte Slam-Reihe", sagt Puchta. Dies gebe den Organisatoren die Möglichkeit, mehr Geld auszugeben und Slammer von weiter Weg zu buchen. Entsprechend kommen zum Start in die neue Saison auch mehrere Szenegrößen wie etwa Victoria Helene Bergemann aus Hamburg. "Trotzdem ist es mir immer wichtig, bei jedem Slam einen Local (Ortsansässigen), einen Rookie (Anfänger) und mehrere Frauen dabei zu haben."

Wie sich Rookie-Local Dominic Hopp und Local-Frau Lena Hacker unter den Szenegrößen behaupten, wird sich dann am Dienstag zeigen.


Informationen zum Poetry-Slam-Saisonstart am 13. September im Zentrum Bayreuth

Beginn: 19.30 Uhr (Einlass ab 18.45 Uhr)

Slammer:
Neben Lena Hacker und Dominic Hopp kommen Victoria Helene Bergemann (Hamburg), Baden-Würtemberg-Vizemeister Marvin Suckut (Konstanz), Andreas Rebholz (Sigmaringen), der Highlander-Finalist Sven Hensel (Bochum) sowie Hank Flemming (Tübingen).

Eintritt: 7 Euro (ermäßigt: 6 Euro)