Montag, 19. Juni 2017 18:32

Interview mit einem Cyborg - Neil Harbisson kommt nach Bayreuth

Neil Harbisson kommt zum DLD Campus nach Bayreuth. Er ist ein Cyborg und kann Farben hören. Was das alles bedeutet, erklärt er im Interview.
Neil Harbisson hat vier Sensoren und eine Antenne implantiert. Mit dem Gerät kann er Farben hören. Foto: Marek Zakrzewski/ dpa

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Neil Harbisson wird auf dem DLD Campus am Mittwoch (21. Juni) in Bayreuth nicht wie die meisten anderen nur über die Zukunft reden. Neil Harbisson ist die Zukunft.


Der in Katalanien aufgewachsene Mann ist Musiker, Künstler - und ein Cyborg. Er ist im Jahr 1982 in Irland geboren; mit Achromatopsie, totaler Farbenblindheit. Seit seinem 20. Lebensjahr nutzt er eine Antenne, um Farben hören zu können. Dazu werden die Farbfrequenzen in den hörbaren Bereich übertragen. Mittlerweile hat er die Antenne fest am Körper, für ihn ist sie ein Körperteil. Das hat nach wochenlangem Streit auch die britische Passbehörde anerkannt, womit Harbisson im Jahr 2004 zum ersten anerkannten Cyborg wurde. Er hat inzwischen vier Chips implantiert und kann damit auch Ultraviolet und Infrarot spüren, sich mit dem Internet verbinden und so Farben von überall hören. Sogar aus dem Weltraum. Wie Bier und der Weltraum klingen, warum er lieber schlecht gespielte Musik hört und warum alle Menschen Cyborgs werden sollten, erklärt Harbisson im Interview.


Bayreuth inFranken: Mögen Sie den Klang von Bier?

Neil Harbisson: Das kommt auf das Bier an. Bier hat verschiedene Farben, sie klingen alle unterschiedlich. Das heißt auch, dass ich die Sorten Bier und Wein, die ich kenne, am Klang unterscheiden kann.

Ihre Wahrnehmung hat sich stark verändert, seit Sie die Antenne tragen. Zum Beispiel träumen Sie in Farbklängen. Was hat sich noch verändert in Ihrer Wahrnehmung?

Meine Antenne ist ein Körperteil, das sich stetig weiterentwickelt. Zu Beginn hörte ich nur das sichtbare Farbspektrum. Nun kann ich Infrarot und Ultraviolett spüren; Farben, die für das menschliche Auge unsichtbar sind. Außerdem hat die Antenne eine Internetverbindung. Damit kann ich Farben aus der ganzen Welt sehen. Sogar aus dem Weltraum. Und wenn man einen neuen Sinn hinzufügt, fügt der sich auch zu allen anderen Sinnen. Also ja, ich kann den Klang von Farben mit meinen anderen Sinnen in Beziehung setzen. Zum Beispiel haben Orangen den Ton Fis, und wenn ich Fis höre, denke ich an Orangen.

Harbisson's Sonochromatic Scales.png
Von Townsend87 - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link




Wie funktioniert die Internetverbindung? Könnte ich Ihnen theoretisch ein Bild der Fränkische Schweiz, einer schönen Landschaft in unserer Gegend, an Ihre Antenne schicken und Sie könnten Sie hören?

Ja, ich könnte die Fränkische Schweiz durch das Implantat in meinem Kopf spüren. Ich habe vier Implantate. Eines ist ein Chip, der im Kopf vibriert, abhängig von der Lichtfrequenz. Und wenn man Verbindungen im Kopf herstellt, wird das ein innerer Klang. Es ist also eher wie denken als wie hören. Und ich kann eben auch die Vibration spüren. Und einer der Chips hat die Internetverbindung. Fünf Menschen auf der Welt haben die Erlaubnis, mir Farben zu senden. Einer auf jedem Kontinent. Sie nutzen ihre Mobiltelefone um Bilder oder Videos zu senden.

Waren Sie schon einmal in der Region?

Ich war in Bayern, ja.

Wie klingt es hier?

Viel Gis und A. Also in der Mitte des Spektrums, das ist angenehm. In Bayern gibt es viele Farben zwischen gelb, orange und grün.

Kennen Sie deutsche Cyborgs?

Das kommt darauf an, welchen Cyborg-Typ Sie meinen. Ein Cyborg zu sein ist eine Identitätsfrage. Manche Menschen haben sich aus medizinischen Gründen mit Technologie verbunden, sich aber nicht freiwillig dazu entschlossen. Sie sehen die Technologie nicht als Teil ihres Körpers und identifizieren sich nicht damit. Es gibt auch Menschen, die keine Implantate haben, sich aber als Cyborgs identifizieren. Andere haben sich bewusst dazu entschlossen, ihre Wahrnehmung durch Technologie zu verbessern. Es gibt einen Cyborg Verein in Berlin [Anmerkung der Redaktion: Cyborgs e.V. - Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik. Einer der Mitgründer, Enno Park, hat ein Hörgerät, mit dem er auch Ultraschall hören kann]. Dort gibt es alle möglichen Arten von Cyborgs. Manche haben RFID-Chips implantiert. Das gibt Ihnen aber keinen weiteren Sinn, es ist mehr wie ein Werkzeug, etwa um Türen zu öffnen oder sich mit Maschinen zu verbinden. Also mehr Output als Input. Es gibt auch Menschen, die sich Magnete implantiert haben, um Magnetismus durch ihre Hände zu spüren.

Ich habe gehört, Sie sind seit dem Jahr 2014 auch mit Weltraumkameras der NASA verbunden. Wie klingt der Weltraum?

Extrem chaotisch! Der Weltraum ist nicht schwarz, er ist voller unsichtbarer Farben. Wenn ich mich also mit dem Weltraum verbinde und all das Ultraviolett spüre, verstört mich das sehr. Ich halte das höchstens zwei Stunden aus. Es ist unmöglich, das mit irgendeiner Farbsituation auf der Erde zu vergleichen. Die meisten Farben auf der Erde findet man im Supermarkt. Der Weltraum klingt am ehesten wie Abertausende Supermärkte. Total chaotisch. Ich übe, damit mein Gehirn sich daran gewöhnt. Wenn das irgendwann soweit ist, werde ich mich mit Kameras verbinden, die die Sonne beobachten, um Sonnenstürme vorhersagen zu können.

Welche Musik hat die strahlendesten Farben? Und verändert sich auch Ihre Stimmung durch die Farbklänge?

Die Verbindung zwischen Farbe und Klang ist komplett physisch, nicht subjektiv. Rot ist zum Beispiel zwischen F und Fis. Das löst aber keine Gefhle in mir aus. Farbenprächtige Musik ist welche, die viele verschiedene Noten hat, vor allem Mikrotonale Musik [Musik mit Intervallen, die kleiner als Halbtonschritte sind]. Elektronische und vor allem indische und asiatische Musik nutzen Mikrotöne. Auch Musik neben dem Ton ist sehr farbenfroh. Wenn kleine Kinder musizieren zum Beispiel. Auch ein Orchester, das falsch spielt, ist farbenreicher als eines, das perfekt abgestimmt ist. Ich mag also Musik lieber, die schlecht gespielt ist.

Planen Sie, Ihre Wahrnehmung weiter mit Technologie zu verbessern?

Ja, ich füge in diesem Jahr ein weiteres Sinnesorgan hinzu, um Zeit zu spüren. Wir haben alle ein Gefühl für Zeit, aber kein Organ dafür. Ich will herausfinden, wie es ist. Ich werde spüren können, wie die Zeit vergeht; über einen Wärmepunkt, der in meinem Schädel zirkuliert, wie ein Orbit, eine Krone zwischen Haut und Knochen. Ich werde also spüren, wie spät es ist. Nach ein paar Monaten sollte sich das Gefühl normalisiert haben. Und wenn ich den Wärmepunkt langsamer einstelle, sollte die Zeit für mich auch langsamer vergehen.Das ist Einsteins Relativitätstheorie in die Praxis übertragen, durch die Kreation eines Organs.

Bereuen Sie manchmal Ihre Entscheidung für das Implantat?

Nein. Naja, manchmal können die Reaktionen der Gesellschaft anstrengend sein. Aber das ist schon in Ordnung. Ich hoffe eben, dass es in der Zukunft normal wird, Körperorgane hinzuzufügen.

Welche Reaktionen bekommen Sie denn?

Alle möglichen. Immerhin kommt eine Antenne aus meinem Kopf. Manche lachen über mich. Oder sie fragen nur danach. Manche schreien mich an und denken, ich filme sie illegal. Manche wollen einfach ein Selfie. Das sind gesellschaftliche Reaktionen, denen ich nicht aus dem Weg gehen kann. Überall wo ich hingehe muss ich mit Fremden über mein Implantat reden.

Sollte jeder Mensch ein Cyborg werden?

Ich möchte jeden ermutigen, sich selbst zu designen. Unsere Spezies hat seit Tausenden von Jahren den Planeten mit Technologie verändert, um bequemer zu leben. Aber ich denke, das ist falsch. Wir sollten uns verändern, damit wir den Planeten in Ruhe lassen können. Anstatt zum Beispiel künstliches Licht zu schaffen, hätten wir künstliche Nachtsicht erfinden sollen. So bräuchten wir nicht all die Energie, um Licht zu erzeugen. In der Zukunft sind die Nächte hoffentlich dunkel, weil wir Nachtsicht haben.

Arbeiten Sie an dieser Technologie?

Im Jahr 2010 haben wir die Cyborg Foundation gegründet. Dort entwickeln wir verschiedene Technologien. Und ja, Nachtsicht ist eine der wichtigsten. Wir arbeiten auch an anderen Sinnen. Zum Beispiel zu spüren, was sich hinter uns befindet, oder Erdbeben zu spüren. Moon Ribas (Mitgründerin der Cyborg Foundation) hat zum Beispiel den "Seismischen Sinn". Auch ein Sinn für Klima wird entwickelt, so dass man spüren kann, wann es regnen wird.

Was können die Zuschauer von Ihrem Auftritt in Bayreuth erwarten?

Hoffentlich werden sie verstehen, dass das Verschmelzen mit Technologie etwas Positives ist, das es uns erlaubt, uns mit der Natur und anderen Spezies neu zu verbinden. Ein Cyborg zu werden heißt nicht, Maschinen ähnlicher zu werden, sondern der Natur und anderen Spezies näher zu sein.