In Schlangenlinien der Gefahr nähern - Strahlenschutzübung über Bayreuth und Kulmbach

In einer gemeinsamen Aktion üben Bundespolizei und Bundesamt für Strahlenschutz in Bayreuth und Kulmbach für den nuklearen Notfall.
Piloten der Bundespolizei bringen Michael Thomas (hinten) vom Bundesamt für Strahlenschutz in den Himmel über Bayreuth und Kulmbach, damit er die radioaktive Strahlung im Boden messen kann. Damit üben die Beamten für den Notfall. Foto: Markus Klein

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Sollte wegen eines Reaktorunglücks eine radioaktive Wolke über Deutschland fliegen, wird Michael Thomas in die Luft geschickt. Thomas, technischer Angestellter beim Bundesamt für Strahlenschutz (BAfS), übt seit 25 Jahren für den nuklearen Ernstfall. Das jährliche Training findet heuer vom 20. bis zum 22. September über Bayreuth und Kulmbach statt; Thomas nimmt dafür auf der hinteren Sitzreihe eines der beiden Helikopter der Bundespolizei Platz, der vom Standort Bayreuth aus insgesamt acht Gebiete befliegen wird. Die Region eignet sich besonders gut, da es hier natürliche Uran- und Thorium-Vorkommen gibt, die die Messteams von der Luft aus im Boden nachweisen können. Auch Reste des Cäsiums, das sich nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl in Bayern ablagerte, lassen sich in dem Gebiet noch messen. "So können wir auf dem Flug auch direkt Ergebnisse sehen", sagt Thomas. Die präsentieren sich in bunten Schlangenlinien auf seinem Bildschirm; die Farbintensität gibt die jeweilige Strahlenbelastung im Boden wieder. Die Messinstrumente übertragen die Werte direkt, so dass Thomas und seine Kollegen im Ernstfall noch während des Fluges die Landesbehörden verständigen können, die dann entsprechende Maßnahmen einleitet.

Die Werte liefert ein kompliziertes Messgerät im hinteren Teil des Helikopters. Kristalle in zwei Messboxen können die Bodenstrahlung auffangen und an einen Messrechner in der Mitte weitergeben, der die Daten an den Bildschirm im Cockpit liefert.


"Man muss auch mit unwahrscheinlichen Ereignissen rechnen"


"Die Kraftwerke in Deutschland sind zwar sehr sicher", sagt Thomas, "aber der Vorfall im japanischen Fukushima hat gezeigt, dass man auch mit unwahrscheinlichen Ereignissen rechnen muss." Die Mitarbeiter des BAfS üben seitdem jährlich in verschiedenen Gebieten Deutschlands, die Ergebnisse sind auf der Website des Amtes nachzulesen. Zwar gibt es in Deutschland 1800 festinstallierte Messsonden, die Hubschraubereinsätze erlauben es aber, in sehr kurzer Zeit große Gebiete zu untersuchen.

"Weil die Helikopter dafür nahe am Boden fliegen müssen, ist es auch für die Piloten der Bundespolizei eine Herausforderung", erklärt Mathias Bissel, Pilot bei der Fliegerstaffel Blumberg (bei Berlin), der Thomas heute in den Himmel über Bayreuth und Kulmbach bringt. Zwar sei das Fliegen in Bodennähe auch Teil der Grundausbildung, doch müsse das für den Ernstfall regelmäßig geübt werden. Auch dafür sei Oberfranken gut geeignet, wegen seiner hügeligen Landschaft, an die sich die Piloten anpassen müssten.


"Radioaktivität macht vor Grenzen nicht halt"


Die Messgeräte sind mobil; dass heißt, sie können bei Bedarf schnell in die Helikopter der Bundespolizei eingebaut werden. "Innerhalb von fünf Stunden können wir an jedem Ort in Deutschland sein", sagt Bissel. Die Fliegerstaffeln sind in der Nähe von München und Berlin bereit, die Messgeräte befinden sich an mehreren Bundespolizei-Standorten in Deutschland. In der Regel würden die Messteams erst gerufen, nachdem die Wolke vorbeigezogen ist, um die Strahlung im Boden zu messen. "Denn die Wolke zieht weiter, aber am Boden misst man, was bleibt", erklärt Strahlenforscher Thomas.

Für die Untersuchung gibt es zwei mögliche Herangehensweisen: Entweder der Helikopter nähert sich in Schlangenlinien einem betroffenen Gebiet, oder - im Falle eines Reaktorunfalls im Inland - er fliegt in Schneckenlinien von Außen langsam an das Gefahrengebiet heran. "So können wir umdrehen, wenn die Belastung deutlich steigt", sagt Thomas.

Die Übungen von Bundespolizei und Bundesamt für Strahlenschutz (BAfS) finden derzeit jährlich in Deutschland statt. Immer häufiger führt das BAfS aber auch grenzüberschreitende Übungen durch, "denn die Radioaktivität macht vor Grenzen nicht halt", sagt Thomas.


Hinweis für die Region: Vorsicht vor bestimmten Pilzsorten!

In den Landkreisen Bayreuth und Kulmbach lassen sich nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl noch immer Cäsium-Werte feststellen, die als gesundheitsschädlich eingestuft werden. Zwar werden diese nicht für den Handel zugelassen, private Pilzsammler sind jedoch selbst verantwortlich und sollten bei folgenden Sorten vorsichtig sein:

- Mohrenkopfmilchlinge,
- Trompetenpfifferlinge,
- Wohlriechende Schnecklinge
- Semmelstoppelpilze

Das Fleisch von Wildschweinen ist zudem häufig deutlich höher kontaminiert als Speisepilze oder das Fleisch anderer Wildtierarten, weil die von Wildschweinen gefressenen, unterirdisch wachsenden Hirschtrüffel außergewöhnlich hoch belastet sind (die Werte liegen hier um mehr als das Zehnfache über den Werten von Speisepilzen). Hier ist besondere Vorsicht angebracht.

Zwar sei die Strahlenbelastung in den erwähnten Lebensmitteln nicht lebensbedrohlich, "aber es ist eine Belastung, die man vermeiden kann", so Anja Lutz, Pressesprecherin des BAfS.