Freitag, 18. November 2016 09:57

"Ich lebe es" - Interview mit dem Betreiber der "Fabrik"

Seit eineinhalb Jahren betreibt Ahmad Kord Bacheh die "Fabrik". Wie er vom Tellerwäscher zum Clubbesitzer wurde, und warum er stolz auf die Bayreuther ist.
Ahmad Kord Bacheh, Betreiber der "Fabrik". Foto: Markus Klein

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - The Baraider Dream? Für Ahmad Kord Bacheh war das der Weg vom Flüchtenden zum Versicherungskaufmann zum Keller zum Clubbesitzer.

Geboren ist Ahmad Kord Bacheh im Jahr 1977 in Iran. Als Elfjähriger kam er mit seinen Eltern nach Deutschland. Die Familie bekam politisches Asyl und landete in Bayreuth, das Kordbacheh als seine Heimat betrachtet. Hier ging er zur Schule, lernte Versicherungskaufmann und vor allem das Nachtleben kennen, machte gemeinsam mit der Familie erste Erfahrungen in der Gastronomie und übernahm mit dem "Trichter" seinen ersten eigenen Laden. Nach dem Auf und Ab des "Trichters" folgte vor eineinhalb Jahren die Übernahme des ehemaligen "Dschäblins", aus dem er die "Fabrik" machte; einen Club in der Bayreuther Innenstadt, in dem Elektro und Hip Hop gespielt wird. Wie das alles kam, was ihn motiviert und was ihn stolz auf das Bayreuther Publikum sein lässt, verrät er im Interview.

Hast du etwas in Richtung Gastronomie gelernt?

Naja, eigentlich habe ich Versicherungskaufmann gelernt. Aber im Jahr 1998 haben meine Eltern und ich uns selbständig gemacht, mit dem Imbiss "Tufan". Das waren die ersten Schritte, ein kleiner Imbiss mit drei Stehtischen. Dann haben wir noch einen Lieferservice drangehängt. Später sind wir noch einmal umgezogen, bis wir dann in der Badstraße das Restaurant "Tufan" eröffnet haben. Da hat es dann richtig angefangen mit Gastronomie. Ich habe alles von der Pike an mitgenommen: Gekellnert, die Theke geschmissen, Lieferungen ausgefahren. Mit dem "Trichter" habe ich dann im Jahr 2010 meine erste Chance im Nightlife bekommen. Das war für mich auch ein persönlicher Schritt, die erste Abnabelung von den Eltern. Ich konnte den Laden genauso machen, wie ich mir das damals vorgestellt habe. Dabei habe ich dann auch gemerkt, dass es genau das ist, was ich machen will. Da habe ich mich entdeckt. Und ganz gut den Puls der Zeit getroffen. Wenn man sich überlegt, wie der "Trichter" vorher war und was wir daraus gemacht haben. Der Laden ging dann auch richtig durch die Decke. Aber es waren auch negative Erfahrungen dabei, ich musste einen Rechtsstreit führen mit dem Hotel nebenan. Das war, als das absolute Raucherschutzgesetz kam: Die Raucher vor der Tür waren zu laut. Das war keine schöne Zeit.

Aber dann ging es recht schnell mit der "Fabrik", deinem Club in Bayreuth weiter, oder?

Naja, es hat schon gedauert, aber nach der harten Zeit habe ich zum Glück meinen Partner kennengelernt, den Hausbesitzer, und dann ist die Idee für die "Fabrik" geboren. Im September 2014 haben wir den Laden übernommen, bis März 2015 umgebaut. Und dann dürfte ich genau das, machen wovon ich immer geträumt habe: Einen eigenen Club! Ich war schon immer viel im Nachtleben unterwegs, hab mir viel angeschaut. Das habe ich dann auf das Bayreuther Publikum zugeschnitten.

Was hat dir am Bayreuther Nachtleben vorher gefallen, wo warst du unterwegs?

Überall, vom "Saalbau" in Ramsenthal bis zur "Rosenau" und allem, was es in Bayreuth und im Umland sonst noch gibt oder gab. Aber ich war auch über die Grenzen der Stadt hinaus viel unterwegs, in Frankfurt, in München, auf Ibiza, auf vielen Partys überall. Dort habe ich DJs und Veranstalter kennengelernt. Das hat mir schon immer Spaß gemacht und es ist schön, dass ich das zum Beruf machen konnte.

Was gefällt dir am Beruf?

Grundsätzlich mag ich es, etwas zu schaffen. Der "Trichter" war eine alteingesessene Kultlocation, und der neues Leben einzuhauchen, hat mich erfüllt. Und das ist hier ähnlich, das "Dschäblins" war eine Kultlocation (so hieß der Club, der vor der "Fabrik" in dem Gebäude war). Und daraus, im Spagat zwischen verschiedenen Events, etwas Neues zu schaffen, das befriedigt mich. Ganz ehrlich, es gibt nichts Schöneres als eine Idee für eine Party zu haben und die mit einem Team - ohne geht's nicht, ganz klar - gemeinsam zu erarbeiten. Vom Booking übers Layout bis hin zur Werbung bereitet mir der ganze Weg Freude. Und wenn die Leute das dann bis hin zum Einlass-Stopp annehmen, ist es das Schönste, was es gibt. Wenn du dann in der Ecke stehst und beobachtest, wie die Gäste mit einem Lächeln kommen und vor allem mit einem Lächeln wieder gehen, das treibt mich täglich an. Ich darf mich so glücklich schätzen, dass ich das machen darf, was mich erfüllt. Das ist denke ich schwierig heutzutage.

Ohne mein Team wäre das aber nicht möglich. Wir sind so 35 Leute, in den Semesterferien etwas weniger. Ich habe einen tollen Barche, Fabian Moratinos, der mir den Rücken frei hält, was das Personal angeht. Ich lass da auch gar nichts auf mein Team kommen, die reißen sich täglich den Arsch auf und machen einen Superjob.

Das Booking im Elektrobereich mache ich mit Peter Heinz zusammen. Er ist auch unser Medienberater und die Social-Media-Sachen spreche ich immer mit ihm ab. Außerdem ist er unser Resident-DJ (Alias: "Pete Kaltenburg") für elektronische Musik, deshalb hole ich mir gerne von ihm eine Meinung oder Vorschläge. Im Hip-Hop-Bereich bin ich sehr dankbar, dass das unser Resident-DJ einer meiner ältesten Freunde "Roy Le Freak" macht. Roy ist ein alter Hase mit 25 Jahren Bühnenpräsenz, da hat er einfach Erfahrung und Kontakte. Aber ich bin da mittlerweile auch sehr breit aufgestellt und wir entscheiden gemeinsam, wo es hingeht.

Was für Musik hörst du gerne?

Musik hat zu viele Facetten, als dass ich mich da für eine Seite entscheiden könnte. Aber ich bin mit Hip Hop groß geworden, habe Breakdance getanzt und alles. Irgendwann habe ich dann die Liebe zur elektronischen Musik entdeckt. Ich habe DJs kennen gelernt, war mit denen in Frankfurt und Berlin unterwegs, auf der Loveparade und oft auf Ibiza.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem dich der Techno gepackt hat?

Ja, Ende der 90er Jahre war ich in München bei Sven Väth. Das ging so ab, da hat's mich erwischt. Zwei Freunde und ich sind dann auch ein Jahr lang überall hin, wo der aufgelegt hat. So kamen wir ins "Omen" von da aus ins "U60311" und viele andere Clubs bis zum "Cocoon" (ehemaliger Club Sven Väths in Frankfurt am Main) und nach Ibiza. Die Elektroszene ist seitdem immer weiter durch die Decke gegangen.

Du holst teilweise auch große DJ-Namen nach Bayreuth. Was war da dein persönliches Highlight?

Ja, es war mir auch wichtig, gute DJs hierher zu holen und Bayreuth auf der "Booking-Karte" interessant zu machen. Das ist uns denke ich auch gelungen. Im September war Oliver Koletzki bei uns. Das war auch ein persönlicher Wunsch von mir, den mal im Laden zu haben. Es war eine Heidenarbeit, ihn zu überzeugen, in die Provinz zu kommen (lacht). Ich war sehr aufgeregt. Wir waren vorher Abendessen, haben uns ausgetauscht, der ist ein netter Kerl, unheimlich zugänglich. Dann war ich noch aufgeregter, weil ich umso mehr wollte, dass der Abend funktioniert. Und dann, ja, wurde es die perfekte Nacht: Erstmal war genug los. Und dann ging das Bayreuther Publikum richtig ab. Normalerweise spielt so ein Künstler von ein bis drei Uhr. Aber Koletzki hat bis fünf Uhr gespielt. Der war so überrascht und begeistert; er hat dann auch am nächsten Tag noch einen Instagram-Post gemacht und sich bei der Fabrik und dem Publikum bedankt.

Der Abend hat mir gezeigt: "Ok, wir sind auf dem richtigen Weg." Und wenn Koletzki so was postet, regnet es Anfragen von überall her. Wir werden jetzt von den Agenturen ernster genommen, die "Fabrik "ist mittlerweile ein Begriff. Wir haben eigene Anzeigen im "Faze-Magazin" (monatliche Zeitschrift über elektronische Musik) bekommen. Da konnten wir für Franken richtig Pionierarbeit leisten. Das macht mich schon stolz.

Hat das Bayreuther Publikum das gleich angenommen, oder hat es eine Weile gedauert?

Der Schlüssel war, dass wir die Leute schon während des Umbaus miteinbezogen haben. Über Facebook haben wir nachgefragt, was sich die Leute wünschen. Dadurch konnten wir gut selektieren und den Nerv der Region treffen. Wir waren dann einfach da. Im März feiern wir die zweite Jahresfeier, das ist für viele Gäste unglaublich, die sagen dann "Hä? Euch gibt"s doch schon immer!"

Klar haben ein paar Bookings auch nicht funktioniert, aber das gehört dazu. Man lernt da ja auch draus für die Zukunft und kann noch besser auf das Zielpublikum und seine Interessen eingehen.

Du warst viel unterwegs, hast dir das Nachtleben vieler Städte angeschaut. Gibt es etwas, dass das Bayreuther Publikum speziell macht?

Von den Künstlern höre ich oft: "Es ist einfach echt!" Wenn du Felix Kröcher buchst und hast um 23 Uhr eine Schlange vor der Tür, dann weißt du: Die sind genau wegen diesem Künstler da. In größeren Städten geht man teilweise nur hin, weil es ein angesagter Club ist. Hier kommen sie, weil sie den Künstler sehen wollen. Wir haben viel ausprobiert und das unser Publikum ist das meiste mitgegangen. Und war immer ehrlich: Wenn die feiern, dann richtig. Das macht mich stolz auf Bayreuth, das ich als meine Heimatstadt sehe.

Gab es auch mal einen Abend, den du besonders schrecklich fandest? Also Schlägereien oder größere Schäden?

Naja, wo gehobelt wird fallen Späne. Aber toi-toi-toi. Es gab noch keine größeren Probleme. Unser Sicherheitsteam ist gut und sorgt vor, dass es nicht zur Eskalation kommt. Aber klar gibt es Abende, da ist man froh, wenn es rum ist. Wie man auch im Büro oder an der Tanksäule oder sonst wo mal einen schlechten Tag hat.

Gab es auch einmal einen Rückschlag, nachdem du dachtest "Ich schmeiß jetzt hin und arbeite wieder als Versicherungskaufmann"?

Keine Sekunde. Auch in den schwierigsten Phasen damals im "Trichter" wusste ich ganz genau, dass es das ist was ich kann und was ich bin. Ich identifiziere mich mit meinem Job. Ich bin der erste im Laden und meist der letzte, der geht. Ich begrüße meine Gäste oft persönlich. Ich lebe es! Das kostet unfassbar viel Kraft, das Privatleben bleibt oft auf der Strecke, aber es macht mich einfach glücklich.