Montag, 12. Juni 2017 10:30

"Hier kann ich meine Sprache finden": Rap-Workshop für Geflüchtete in Bayreuth

Geflüchtete Jugendliche aus dem Condrobs-Wohnheim in Bayreuth rappen zusammen. Damit lernen sie Deutsch - und sich auszudrücken.
Seyed, Jawad, Steffen und Merwis (von links) im Studio des Cafe Babylon in Bayreuth. Steffen Rieß lehrt dort fünf geflüchteten Jugendlichen das Rappen. Foto: Markus Klein

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Gleichmäßige Bässe wummern aus dem kleinen Tonstudio im Cafe Babylon in Bayreuth. In der Kabine hinter dem Tisch mit der Aufnahmetechnik rappen abwechselnd Merwis und Sahin (Name geändert) in der Mikrofonecke. Merwis auf Dari (afghanisches Persisch), Sahin in seiner kurdischen Muttersprache, die er laut eigenen Angaben in Syrien nicht sprechen durfte. Das Lied heißt "Krieg", die beiden mischen auch deutsche Parts in ihre Strophen.

"Das hilft mir, meine Sprache zu finden und Deutsch zu lernen", sagt Sahin. Über seine Gefühle als Geflüchteter rappt er einen Part auf Deutsch:




Gemeinsam mit Seyed, Jawad und Talal besuchen Merwis und Sahin einen Rap-Workshop. Zweimal pro Woche für zwei Monate feilen sie an ihrer Sprache, ihren Reimen und Betonungen, und nehmen Tracks auf. Am Ende soll jeder mindestens ein eigenes Lied aufgenommen, sowie an einem gemeinsamen Track mitgerappt haben. Die Jugendlichen wohnen in Bayreuth in der betreuten Jugendwohngemeinschat "Condrobs". Dessen Leiter Michael "Zac" Sack, selbst Rapper, hatte die Idee für den Workshop. Der Bayreuther Rapper und Reggae-Sänger Steffen "Superphad" Rieß leitet ihn.


"Dichten und rappen hilft mir sehr beim Deutschlernen", sagt auch Jawad "Kid" Saberi. Jawad ist aus Afghanistan und hat mehrere Jahre in Iran gelebt, bevor er nach Deutschland geflohen ist. Die ersten Rapversuche macht er hier beim Workshop in Bayreuth. Zuvor habe er viel gedichtet, schon als kleiner Junge. "Ich hatte die Wahl: Den Stift oder die Waffe", sagt er.

Jawad ist 16 Jahre alt, der jüngste der fünf Jungs aus Afghanistan, Iran und Syrien, die anderen vier sind ein Jahr älter. Jawad rappt zu einem Moll-Klavierbeat mit jazzigem Saxofon sein Lied "Ausländer". Er rappt auf Deutsch und Dari. Die afghanische Sprache passt gut auf den Beat. Zwar sind die recht vielen "ch-Laute" ungewohnt, doch ist die Sprache sehr melodisch und Jawads Text über seine Flucht und wie er sich im Iran und in Deutschland fühlt, klingt wie ein weiteres Instrument im Lied.


Einfach loslegen



"Das hat echt Flow", sagt Steffen Rieß, im Takt nickend. "Ich wünschte, mein erster Track wäre so gut geworden." Rieß bringt den Jugendlichen vor allem Taktgefühl und Betonungen bei. "Zu den Lyrics (der Wort- und Reimwahl) kann ich ja nichts sagen, wenn die auf ihrer Heimatsprache rappen."

In den Kursen wird kaum über Theorie gesprochen. "Da halte ich nicht viel von", sagt Rieß. "Am meisten lernt man, wenn man einfach loslegt. Das haben wir auch gleich am ersten Tag gemacht." Einer hatte bereits einen Text dabei, die anderen grob formulierte Ideen. Den Jugendlichen gefällt die Arbeit mit Rieß: "Er ist nicht wie ein Lehrer für uns, sondern wie ein Freund", sagt Jawad.

Neben ihren schwierigen Erlebnissen rappen die Jugendlichen auch über ihre Familie. Seyed präsentiert seinen aufgenommenen, noch nicht abgemischten Track "Mutter". Der Bass läuft über einen Streicher-Loop in Dur, die Betonungen sind abwechslungsreich. "Meine Mutter war immer bei mir; als ich als Kind einen Unfall hatte und als ich weinte, weil mir schlimme Dinge passiert sind", erzählt Seyed.

Merwis sagt, er schreibe gerne über die Probleme in der Gesellschaft. Er spricht Dari und versucht sich auch an Deutsch und Englisch. "Aber mein englisch ist noch schlecht", sagt er; und rappt trotzdem mutig seinen Part. Denn, so Merwis: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg":





Dass die Jugendlichen so viele Textideen haben, sich in ihrem Wohnheim vorbereiten und Texte schreiben, kommt Steffen Rieß entgegen: "Jeder hat pro Tag nur eine dreiviertel Stunde Zeit für die Aufnahme. Da bin ich selbst erst warmgerappt", sagt Rieß. Trotzdem seien sie bereits weit fortgeschritten, jeder hätte bereits eine Aufnahme, die allerdings noch nicht abgemischt sei. Ende Juni soll alles fertig sein. Vielleicht sieht man die Workshop-Crew dann auch bei einem Auftritt im Jugendzentrum.