Dienstag, 22. November 2016 20:55

Hartgeld - Ein Besuch in der "Spielo"

Ein Besuch einer Spielothek in Kulmbach an einem Montagmittag und ein Porträt der Aufsicht.
Symbolfoto: Ralph Peters

von MARKUS KLEIN
Kulmbach - Dsst. So schnell verschwindet ein weichgesessener Zehner. Dafür kommen die harten Münzen mit verheißungsvollen Schlägen unten im Wechselgeldautomaten an. Dong, Dong, auf dich wartet ein Abenteuer! Dong, Dong, einfach mal das Glück herausfordern.

Die Aufsicht raucht E-Zigarette, irgendetwas dezent Süßliches, vielleicht Apfelflavour? Hustet aber, als würde sie Zigarre rauchen, bevor sie rät: "Nehmen Sie Zwei-Euro-Stücke, sonst lohnt sich's nicht!" - "Sind die großen Münzen nicht gleich wieder weg?" - "Ach, das Geld ist so oder so gleich weg", sagt sie mit erfahrener, sachlicher Stimme, aus der zu hören ist, wie viele Scheine sie schon hat verschwinden sehen; kleingepresst in Münzen, die danach in einem der blinkenden Automaten stecken, die verheißungsvolle Geräusche machen. Sie sitzt da mit ausgestreckten Beinen, in der wohl tiefsten Einstellung des Bürostuhls, der neben statt hinter der Theke steht. Mutmaßlich Ende 50, unauffälliger Strickpulli, unauffälliger Strickschal, weite Hosen. Typ viel gesehen, viel durchlebt, zumindest den Denk- und Augenfalten nach. Auf dem kleinen Fernseher läuft eine pseudoreale Anwaltsserie, gerade wird ein Mann mit Glatze, Unterhemd und Trainingsanzug in Adiletten von zwei Polizisten unsanft an die Wand gedrückt und in Handschellen gelegt.

Nur kurz blickt die Aufsicht auf, von unten durch ihre rahmenlose Brille, zwischen zwei Strickbewegungen. Nach ihrer weisen Aussage widmet sie sich wieder ihrem weißen Topflappen, oder Vorhang oder Pulli, macht weiter wie bisher, während für mich die Welt nun eine andere ist, die Münzen ganz anders unten aufschlagen. Irgendwie erbarmungslos. Dong, Dong. Du bist ein Idiot. Dong Dong, jetzt sind wir da, gleich sind wir weg. Dong, Dong.
Aber jetzt bin ich nun mal hier, einziger Kunde in der Spielothek namens "Spielo", also was soll's? So setze ich mich an einen Automaten, der ungefähr das Geräusch macht, das beim Adventure-Game "Zelda" erklingt, wenn man eine Schatztruhe öffnet. Nur dass ich keinen Schatz entnehme, sondern Münzen reinwerfe. "Bei Poker haben Sie die meisten Chancen", sagt die Aufsicht, diesmal ohne aufzublicken. Im Fernseher wird gerade laut gestritten, sie legt den Kopf schief und folgt, die Lippen zusammengedrückt, die Augen leicht zur Seite gerollt, als wäre sie gelangweilt, hoffe aber auf Abwechslung, etwas Außergewöhnliches im immergleichen Nachmittags-TV wie im immergleichen Nachmittags-Spielothekenbetrieb.

"Ist sonst mehr los?" - "Ach, das kommt drauf an. Jeder Tag ist anders", sagt sie ohne eine einzige Silbe dabei zu betonen. Nach vier Nadelbewegungen entschließt sie sich aus unbekannten Gründen, doch noch einmal aufzublicken: "Nachts am Wochenende ist es meistens voll, da warten manche in der Kneipe nebenan und schauen alle fünf Minuten rüber, ob ein Automat frei ist". Manche verspielten schon mal dreihundert Euro an einem Abend, "da schimpfen die laut, aber ausgerastet ist noch keiner", erzählt sie. Auch die Automaten mit ihren meist unerfüllten Heilsversprechen hätten außer ein paar kleinere Schubser oder Klappse noch nichts abbekommen. Ob sie keine Angst hätte, mich abzuschrecken? Sie bekomme ein Festgehalt. Was in den Automaten drin ist, wenn die Firmenkette zum Kassieren kommt, interessiere sie nicht. Das gleiche gilt scheinbar für die Anwaltsserie, die sie während des immer lauter werdenden Geschreis der Laienschauspieler kommentarlos abstellt, um sich noch mehr ihrer Strickerei widmen zu können. Sie selbst spiele auch ab und an, aber nicht zu häufig, man müsse wissen, wann Schluss sei, sie sei schließlich zum Arbeiten hier. Und überhaupt sei sie die Aufsicht, nicht die Auskunft. Währenddessen ist mein Münzkonto schon auf zwei Euro irgendwas gesunken, also den Rest in eine Pokerhand, drei Asse, nochmal tauschen, unglaublich! Tatata! Noch ein Ass, es blinkt und leuchtet, als würde sich der Automat mit mir freuen. Also auszahlen, nichts wie raus. Sieben Euro und ein paar Erfahrungen gewonnen, immerhin. "Machen Sie's gut, liebe Frau." - "Ja, ja, bis dann", sagt sie. Es klingt wie ein Befehl.