Freitag, 21. April 2017 10:52

Gewaltige Stimme zwischen den Stühlen - Andreas Kümmert in Bayreuth

Zwischen "The Voice of Germany" und Kneipenkonzert: Andreas Kümmert ist zurück und spielte am Donnerstag im Bayreuther Zentrum.

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Sein Mund ist weit geöffnet. Die Lippen bilden einen Trichter, durch den sich der Stimmdruck aus seinem Bauch in breite Tonspektren wandelt. Damit beschallt und berührt er das voll besetzte Bayreuther "Zentrum". Sein Kinn zeigt nach oben, die Augen sind verdreht und schräg an die Decke gerichtet, wie bei einem intensiven Gospel-Gebet. Andreas Kümmert betet Pop, Soul und Blues. Der gefallene Star st zurück. Mit neuer Platte und neugewonnenem Selbstbewusstsein. Eine gewaltige Stimme, eine gewaltige Mimik, ein gewaltiger Typ. Mit Letzterem ist nicht seine Körperfülle gemeint; sondern seine Ehrlichkeit zu sich selbst.

Zur Erinnerung: Der Unterfranke aus Gemünden am Main wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als er im Jahr 2013 an der dritten Staffel der Castingshow "The Voice of Germany" teilnahm. Dort überraschte er die Juroren mit seiner außergewöhnlichen Stimme und gewann am Ende deutlich. Mit seinem Song "Simple Man", den er, wie um die Erinnerung wachzurufen, bei seinem Konzert in Bayreuth als erstes spielte.



Zwei Jahre später nahm er an "Unser Song für Österreich", dem deutschen Vorentscheid zum "Eurovision Song Contest 2015", teil. Knapp 80 Prozent der Zuschauer wählten ihn zum Sieger. Er überließ jedoch der Zweitplatzierten Ann Sophie den Titel, weil er sich nicht in der Verfassung gefühlt habe, die Wahl anzunehmen. "Ich hatte Angst. Ich litt damals unter Panikattacken, unter Depressionen", sagte Kümmert ein Jahr später im Interview mit dem "Stern".



Aber es gebe auch einen anderen Grund, warum er nicht am Eurovision Songcontest habe teilnehmen wollen: "Da kommt es ja nicht bloß auf deine Stimme an, sondern auf etwas ganz anderes: Glitter. Glamour. Show. ... Um dort zu gewinnen, muss man auch optisch Erwartungen erfüllen."

Und in der Tat scheint Andreas Kümmert aus einer anderen Ära zu stammen. Einer, in der Sänger und Sängerinnen noch nicht wie Pornodarstellerinnen oder in Frauenmagazinen angehimmelte Schauspieler aussehen mussten, um sich im Musikgeschäft zu etablieren. Ironischerweise wurde er von der Öffentlichkeit im Anschluss an seine Absage an den Songcontest auf jene Oberflächlichkeit reduziert, vor der er sich schützen wollte: "Ich hoffe, du verreckst auf der Bühne, du fettes Schwein!" sei etwa eine der vielen Beleidigungen jemand auf Kümmerts Facebook-Seite gewesen. Einmal beleidigte er auch zurück, die Bild-Zeitung schlug wie gewohnt nochmal ordentlich auf den Menschen am Pranger drauf. Kümmert wurde zum Hassobjekt der Öffentlichkeit und zog sich zurück.


Erholt und selbstbewusst



Nun ist er wieder da. Seit März ist er auf Tour, mit seinem neuen Album "Recovery Case". Erholt sieht er auch aus, so mit weniger Haaren, mehr Bart, mehr Selbstvertrauen. Seine Erfahrungen mit den Medien hat er im Lied "Lonesome but free" verarbeitet:

You raise me up in your small world/ Believe in things that you have heard
Focus on the headline there/Society is my little girl
[...]
Your view is now complete/ I'm lonesome but i'm free!


Zwischen den Liedern streut er Gags ein. Ein paar Leute lachen, eher verhalten. Der sonst so stimmgewalltige Kümmert spricht selbst nur kurz mit verhaltener Stimme, als er in einer Zwischenansprache anklingen lässt, früher gemobbt worden zu sein. Aber das ist ganz am Anfang, danach geht es weiter mit der Show.

Jedoch ohne Glitzer und Glamour. Das Bühnenbild eher das Gegenteil: Auf einer großen Leinwand hinter den Musikern (er ist mit dem Keyboarder Sebastian Bach unterwegs) ist eine Kneipentheke aufgemalt. An den Wänden ein paar schiefe, verschmierte Poster von den "Doors" und den "Beatles". In einen der Barstühle ist ein Herz eingeritzt. Auf einer kleineren Leinwand links ist ein zugeklebter und zugeschmierter Zigaretten-Automat abgebildet, auf einer ebenso großen Leinwand rechts ein Spielautomat.



So wirkt das Ganze ein wenig wie ein Konzert in einer urigen Kneipe. Da kommt Kümmert auch her, wie er dem "Stern" verriet: "Vorher habe ich auf der Straße [...] in Kneipen und in Bars gespielt, vor 10, 20, 30 Leuten." Dann stand er plötzlich in Hallen vor mehreren Tausend Besuchern. Das habe ihm damals Angst gemacht.

In Bayreuth spielt er irgendwo in der Mitte, zwischen den Stühlen, zwischen "The Voice of Germany" und Kneipenmusiker: Einerseits Barkulisse, andererseits Europasaal. Keine tausend Zuschauer, aber 400 sind doch deutlich mehr als 20. Ebenso die Songs: Die meisten sind zwar wie gesagt stimmgewaltig, aber immer noch recht typische Popsongs mit Herzschmerz-Texten. Gemacht für die großen Hallen. Auch wenn diese Lieder bei Kümmert nicht nach gefühlsleerer Fließbandproduktion klingen, wie bei so vielen anderen Popsternchen.

Zwei der etwa zwanzig Songs, die er spielt, sind echte Bluesnummern. Für die erste mit Gitarren- und Keyboard-Soli bekommt er den bis dahin lautesten Applaus. Meine subjektive Meinung: Davon könnte er sich ruhig mehr zutrauen. Das würde gut zum Bühnenbild passen. Andererseits: "Ich will, dass meine Musik lebt. Ich muss deswegen in die Öffentlichkeit.[...] Es ist ein Paradoxon für mich: Ich brauch die Öffentlichkeit - und hab Angst vor ihr." Heute scheint er seine Angst im Griff zu haben. Wo er mit seiner Musik hinwill, in die Bar oder auf die große Bühne, hat er wohl noch nicht entschieden. Vielleicht macht ihn das aber auch aus.

The only thing you know is nothing/ Nothing is the thing you know
Chasing on a train to nowhere/ Riding on and on
- Andreas Kümmert - "Train to Nowhere"

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