Freitag, 10. Februar 2017 14:02

Gegner im Ring, Freunde im Training - Besuch des Bayreuther Boxclubs

Ex-Profi Gerhard Schoberth beitreibt einen Boxclub in Bayreuth. Hier lernen Menschen aller Schichten, mit Aggressionen umzugehen.
Ex-Profi und Boxlehrer Gerhard Schoberth. Foto: Dominic Steinke

Bayreuth - Von Dominic Steinke

In einem Hinterhof im Bayreuther Stadtteil St. Georgen: 19 Stufen führen in den ersten Stock eines alten Gebäudes. Bereits im Treppenhaus höre ich elektrische Gitarren mit jeder Stufe lauter werden. Oben angekommen fügen sich dumpfe Schläge und quietschende Sohlen in die Kulisse ein. Die Musik wird deutlicher: Heavy Metal aus den 80er Jahren. Hinter der Tür gelange ich in einen Raum mit etwa 15 von der Decke hängenden Sandsäcken. In der Mitte steht ein mit drei Seilen umspannter Ring, hinter einer Säule ertönt Geschrei: "Aus der Hüfte raus! Mit dem ganzen Körper schlagen!" Ich befinde mich im "Boxclub Bayreuth", dem zweiten Zuhause vom ehemaligen Profi-Boxer Gerhard Schoberth.


"Bayreuther Original"


Schoberth ist ein "Bayreuther Original". Wer den 55-Jährigen nicht von seiner aktiven Boxkarriere aus den 80er und 90er Jahren kennt, hat ihn womöglich schon einmal beim Kartenspielen im "Rosa Rosa" getroffen. Dorthin verschlägt es ihn häufig nach dem Boxtraining - unverkennbar mit Zahnstocher im Mundwinkel und einem (nicht immer ernst gemeinten) offensiven Spruch auf den Lippen. "Nix drauf außer Zahnbelag!" hört man ihn etwa während des Trainings rufen, sobald er sieht, dass ein Kämpfer nicht alles gibt.

Das Training beginnt mit Aufwärmübungen, in diesem Fall bedeutet das: Reaktionstraining. Ich suche mir einen Partner und versuche, ihn mit den Händen an Schultern, Bauch oder Knien zu erwischen. Was sich in der Theorie sehr einfach anhört, erweist sich in der Praxis als schwer umsetzbar. Mehr noch, wenn der Gegner deutlich schneller ist. Instinktiv gehe ich in die Abwehrhaltung, das heißt: Fäuste hoch und ausweichen. Nach fünf Minuten Partnerwechsel und nochmal von vorne. Wovon der regelmäßig Trainierende nur leicht schwitzt, bringt den Anfänger an den Rand der Erschöpfung.


"In einem Jahr bist du Deutscher Meister!"


Bevor Schoberth zum Boxen kam, fing er Ende der 70er Jahre mit Kickboxtraining an. Von seinem damaligen Trainer angestachelt, spezialisierte er sich im Laufe der Jahre darauf, nur mit den Fäusten zu kämpfen. "Mein Trainer meinte zu mir: "Wenn du dich aufs Boxen konzentrierst, bist du in einem Jahr Deutscher Meister! 1984 hab ich dann zum ersten Mal den Titel im Mittelgewicht geholt", erzählt er. In seiner Amateur- und Profikarriere gewann er insgesamt zwölf Bayerische Meistertitel und viermal die Deutsche Meisterschaft im Mittel- und Halbschwergewicht, darunter auch Siege gegen die späteren Weltmeister Dariusz Michalczewski und Sven Ottke.

"Das Beste am Boxen ist, wir bekriegen uns im Ring, aber im Normalfall sind wir vorher und nachher Freunde. Freundschaften werden geschlossen und es wird einem nichts nachgetragen", drückt Schoberth seine Faszination für den Sport aus.


Gesellschaftlicher Auftrag des Boxsports


Seine Karriere beendete er im Jahr 1996 nach dem Verlust des Deutschen Meistertitels. Bereits acht Jahre zuvor gründete er mit sechs Freunden den "Boxclub Bayreuth e.V.", der nach vielen Umzügen seit dem Jahr 2002 in St. Georgen zu Hause ist. Hier trainiert er seither über 100 Mitglieder.

Ohne große Verschnaufpause geht es nach der Aufwärmphase auf die Matte zu den Kraftübungen - Liegestütze, Kniebeuge, Sit-Ups, 20 Minuten volles Programm. Wenn Schoberth die Übungen nicht selbst mitmacht, dirigiert er mit sichtlichem Spaß die sich quälenden Mitglieder. Bei den weniger intensiven Kraftübungen finde ich kurz Zeit, den Blick schweifen zu lassen und meine Leidensgenossen näher zu betrachten. Unter den Boxbegeisterten sind Männer und Frauen verschiedener Altersklassen und Nationalitäten vertreten, die unterschiedlichsten Lebensrealitäten trainieren hier miteinander. Auf die Frage, ob der Boxsport neben dem sportlichen auch einen gesellschaftlichen Auftrag besitzt, antwortet Schoberth: "Mehr als andere Sportarten. Beim Boxen werden kulturelle und soziale Unterschiede beiseitegelegt. Hier kommen alle Schichten zusammen, viele werden Freunde."

Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt mir vorerst nicht. Unsanft werde ich aus meinen Gedanken gerissen: "Medizinballtraining!" Ich schnappe mir eine vier Kilogramm schwere Kugel und schleudere sie abwechselnd mit der linken und der rechten Hand gegen die Wand vor mir. Nach zwei Minuten hat sich das Gewicht des Medizinballs gefühlt verfünffacht.

Neben der gezielten Verbesserung der physischen Fitness trage das Boxtraining auch zur Entwicklung der psychischen Fähigkeiten bei, so Schoberth: "Viele Jugendliche und Erwachsene, die hierher kommen, haben Aggressionsprobleme und können ihre Impulse nicht kontrollieren. Beim Boxen lernen sie, damit umzugehen und ihre Aggressionen am Sandsack auszulassen." Darüber hinaus steigere das Training das Selbstbewusstsein. Die sportliche Entwicklung des Einzelnen gehe Hand in Hand mit der persönlichen Entwicklung.

Nach anderthalb Stunden Training im "Boxclub Bayreuth" spüre auch ich nichts mehr von den im Alltag angesammelten Aggressionen. Beim abschließenden Dehnen der Muskeln nehme ich die Classic Rock-Musik, die im Laufe des Trainings den Heavy Metal unbemerkt abgelöst hat, nur noch wie durch einen akustischen Schleier wahr. Mit einem Augenzwinkern sagt Gerhard Schoberth: "Wäre Boxen einfach, würde es Fußball heißen."

Das Boxtraining im Boxclub Bayreuth findet von Montag-Donnerstag von 17-18:30 und von 18:30-20 Uhr in St. Georgen 15 statt. Freitags wird von 17-18:30 jede Woche zusätzlich ein Krafttraining angeboten.