Dienstag, 10. Januar 2017 12:00

Die Struktur verändert sich - Rainer Sölch schließt seinen Laden und widmet sich neuer Board-Technologie

Rainer Sölch wird seinen Skate- und Snowboardladen demnächst schließen. Dafür arbeitet der Boardliebhaber an der Entwicklung neuer Technologie.
Das neuentwickelte Snowboard verbindet durch Fäden die Ober- und Unterschicht des Bretts. Dadurch ist es stabiler, und kann gleichzeitig leichter sein. Foto: Markus Klein

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Der Skate- und Snowboardladen "3D-Projekt" in der Schulstraße schließt. Nach 23 Jahren. "Die Wintersaison nehme ich noch mit", solange das Wetter mitspielt, sagt Betreiber Rainer Sölch. Denn in der Region schneit es immer seltener. Snowboards und dazugehörige Accesoires wie Brillen, Bindungen und Kleidung hätten teils 60 Prozent des Umsatzes ausgemacht. Nach drei nahezu schneelosen Jahren haperte es so am Hauptgeschäft. Der Klimawandel ist also ein Grund für die Schließung. "Das ist aber nicht der einzige Faktor. Da spielen mehrere zusammen", sagt Sölch.


Struktur des Einzelhandels im Wandel


Als ich zwischen 14 und 17 Jahre alt war - um die 15 Jahre ist das mittlerweile her - war der Laden ein Treffpunkt für Bayreuther Skater und Snowboarder. Nach der Schule saßen wir in der Sofaecke, schauten Snowboard-, Surf- oder Skate-Videos, und sahen uns im Laden um, für was wir als nächstes unser Taschengeld sparten.

"Das gibt es so nicht mehr", meint Sölch. "Videos schauen die Leute am Laptop oder auf dem Smartphone. Und das Ding (er deutet auf sein Handy) zeigt den Jugendlichen auch ständig neue Trends." Das mache die Generation unberechenbar für den Einzelhandel. Früher haben sich die Jugendlichen laut Sölch mehr mit dem Lifestyle identifiziert. Heute seien sie zwar flexibler und offen für alles, hätten aber nicht mehr die eine Leidenschaft.

"Das hat aber nichts mit der Stadt zu tun", sagt Sölch. "Es ist eine gesellschaftliche Veränderung." Und die verändere den Markt und die klassische Struktur des Einzelhandels. "Die Mietkosten in der Innenstadt sind für die heutige Situation zu hoch", meint er. Schon im Jahr 1999, als Sölch von der Sophien- in die Schulstraße umzog, kamen längst nicht so viele Menschen vorbei, wie die Stadt Bayreuth damals geschätzt habe: Um die 10 000 Passanten hätten es sein sollen, rund 2000 an guten Tagen schätzt hingegen Sölch. Die schwankende, meist nicht ausreichende Frequenz mache auch die Personalplanung schwierig. Außerdem ist der Online-Verkauf weiter auf dem Vormarsch. Zwar vertreibt auch Sölch online, doch um die Produkte herrsche im Internet ein harter Preiskampf. Häufig wechselnde Trends im Internet erschwerten zudem auch die Wahl der Ausstattung eines Geschäfts.

In der Ecke, wo früher Sofas und der Bildschirm mit den Board-Videos standen, sind heute Kletterschuhe, -jacken und Karabinerhaken untergebracht.

"Das Akute läuft immer noch am besten", meint er. Also die Möglichkeit, die Produkte auch gleich zu nutzen. Dafür ist die Region eigentlich gut: Mit rund zehn Liften im Fichtelgebirge und dem Kletterparadies Fränkische Schweiz in der Nähe.

Das Klettern entdeckte der Ladeninhaber erst vor ein paar Jahren für sich. Aus personellen Gründen habe er sich entscheiden müssen, entweder eine Filiale zu schließen, oder sich selbst mit den notwendigen Kenntnissen auszustatten. "Heute gehört das Klettern genauso zu meinem Lebensinhalt wie der Boardsport", sagt Sölch.


Neue Struktur im Brett


Seit seiner Jugend beschäftigt er sich intensiv mit Produkten, die er im Laden hat. Als 14-Jähriger entdeckte der gebürtige Schwarzenbacher (Landkreis Hof) das Surfen für sich. Mit seinem ersten Board war er unzufrieden. Er begann, daran herum zu basteln. Anderen Surfern aus der Region gefiel was er baute. Sölch macht eine Schreinerlehre, eröffnet eine Manufaktur und seinen ersten Laden in Schwarzenbach. "Das Surfen ist mein Lebenstraum", sagt Sölch. So lag es nahe, auch für den Winter etwas zu finden. Zusammen mit Gleichgesinnten arbeitete er an Brettern, die man auf Schnee fahren kann, noch bevor der Begriff "Snowboard" bekannt wird. "Damals benutzten wir noch Fahrradschläuche als Bindung", erzählt er.

Und auch weit nachdem Snowboards Mitte der achtziger Jahre in die Serienproduktion gingen, bleibt Rainer Sölch bei seiner Leidenschaft, dem Bauen von Boards. Dem will er sich in Zukunft wieder mehr widmen. Ein Freund hat eine Bauweise patentieren lassen, die sogenannte Anchor-Chore Technologie.

Sölch demonstriert sie mit zwei Flyern und einer Zeitung in der Mitte. "Snowboards sind wie ein Sandwich gebaut", beschreibt er. Bei Überbeanspruchung, etwa durch einen heftigen Sturz, können sich der obere oder untere "Gurt" vom Kern lösen. Wenn dies passiert, kommt es zum Zusammenbruch des Gefüges, und das Board bricht. Bei der Anchor Core Technologie werden "Ober- und Untergurt" durch Fäden miteinander verbunden. Dieses Gefüge ist in der Lage, wesentlich höhere Belastungen aufzunehmen. Dadurch kann auch der Holzkern wesentlich dünner sein. So sind die Boards mit der neuen Technologie gleichzeitig stabiler und leichter. Sölch hält sein Testboard gegen die Lampe im Geschäft. Das Licht leuchtet durch die Nähte hindurch.

Vor drei Jahren hat sein Freund ihm das Board gezeigt. Zunächst sei Sölch skeptisch gewesen: "Das Brett ist doch dünn wie ein Pappdeckel", habe er gesagt. "Dann mach's kaputt", antwortete der Freund. "Und mit diesem Auftrag fahre ich es seit drei Jahren. Es ist noch wie neu", sagt Sölch. Das Brett sei für Anfänger einfach zu fahren und auch von einem Profi nicht zu überfordern.

Eine Manufaktur für die neuen Bretter eröffnen die beiden Ende des Monats in der Nähe von Chemnitz. Dort werden die Bretter dann einzeln handgemacht. Für den Kern verwenden sie Eschenholz aus der Region. "Wir wollen auch sonst möglichst umweltfreundlich produzieren", sagt Sölch.

Zwar werde er künftig hauptsächlich im Vertrieb arbeiten, "das heißt aber nicht, dass ich nicht selbst mit anpacke", sagt er. Und auch im Alter von 53 Jahren fahre er noch fast täglich auf den Brettern, die seine Welt bedeuten. "Sonst könnte ich die Qualität ja schwer beurteilen."