Donnerstag, 18. Mai 2017 16:47

"Die Realität ist der neue Bildschirm" - Mixed Reality auf dem Ökonomiekongress in Bayreuth

Am Donnerstag hat Michael Zawrel von Microsoft beim Bayreuther Ökonomiekongress über Mixed Reality, die Anwendungsmöglichkeiten und die Zukunft gesprochen.
Michael Zawrel (rechts) verändert mit seinen Fingern und der "Holo Lens" einen Zuschauer - zumindest in seiner Realität. Zawrel ist Sprecher für Mixed Reality bei Microsoft Deutschland und hielt seinen Vortrag am Donnerstag (18. Mai) auf dem 9. Bayreuther Ökonomiekongress. Foto: Markus Klein

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Der runde blaue Roboter R2D2 piept, Luke und Obi-Wan Kenobi schauen gebannt auf eine bläuliche Figur auf dem Tisch. "Help me Obi-Wan Kenobi! You are my only hope" fleht das Hologramm von Prinzessin Leia.



Die berühmte Szene aus dem im Jahr 1977 erschienenen Film "Star Wars" ist knapp 40 Jahre später Realität geworden. Etwa mit der Ende 2016 erschienenen Brille "Holo Lens" der Firma "Microsoft" oder vergleichbaren Produkten lassen sich Hologramme ins reale Sichtfeld holen; ganz ohne R2D2. "Mixed Reality" nennt sich das (im Unterschied ist "Virtual Reality" ein eigenständiger, virtueller Raum, ohne Bezug zum realen).

Michael Zawrel, bei Microsoft Deutschland für die Mixed Reality Entwicklung und Promotion zuständig, führte die "Holo Lens" beim 9. Bayreuther Ökonomiekongress am Donnerstag (18. Mai) vor. Auf drei großen Bildschirmen sehen die Zuhörer, was Zawrel mit der Brille sieht. Das ist einerseits das, was er auch ohne sehen würde: das Publikum. Darüber hinaus steuert er mit den Fingern die Benutzer-Oberfläche des Computers in der Brille, öffnet ein Programm, und platziert einen Zombie auf der Bühne. Dann einen Astronauten im Raum. Später ein schlagendes, menschliches Herz. Alles wirkt recht scharf und real. Und gäbe es keinen Life-Stream, wäre die Qualität doppelt so hoch, sagt Zawrel.


Derzeit noch hauptsächlich in der Industrie genutzt



Die Technologie ist also da. Aber was macht man damit? Zawrels Anwendungsbeispiele sind vor allem aus der Industrie. Die Nasa steuert damit ihren "Mars Rover": Durch die Brille können die Weltraumforscher sehen, was das Fahrzeug sieht, und so besser Steinen oder Kratern ausweichen. Die Firma ThyssenKrupp nutzt die Brillen, um beim Kunden die Treppen in Echtzeit zu vermessen, und ihm dann das entsprechende individuelle Treppenlifter-Modell zu zeigen. Vor der Nutzung habe die Zeit vom ersten Termin zur Installation des Liftes vier mal so lange gedauert, sagt Zawrel. Audi, VW und Airbus setzen die Technologie für Hologramme von Maschinen ein. Mehrere Universitäten nutzen die Technik für die Lehre. So kann der Medizinstudent beispielsweise in das Innere des Menschen hineinschauen und Geologen können Gesteinsschichten untersuchen. In einem schweizer Klinikum nutzen Chirurgen die Brille, um Operationen vorzubereiten.

"Liegt es nur am Ökonomiekongress, bei dem Industrievertreter das Publikum darstellen, oder warum kommen keine Nutzungsbeispiele aus dem Alltag?", frage ich Zawrel nach dem Vortrag. "Auf dem Stand, wie wir die Brille heute haben, richten wir uns vor allem an Entwickler und kommerzielle Endkunden", antwortet er. Das liege nicht zuletzt am Preis: Über 3000 Euro kostet alleine die Rohversion für Entwickler. Mit Software kostet die "Holo Lens" derzeit etwa 5500 Euro.


Mixed Reality wird Alltag - Gefahren?



"Mixed Reality Brillen werden ein Massenprodukt, die Frage ist nur wann", sagt Zawrel. "Das hängt stark von der Nachfrage ab, aber ich bin mir sicher, dass auch die Technik in wenigen Jahren in ein herkömmliches Brillengestell passt". Derzeit wiegt die Brille noch etwa 500 Gramm. Er habe gehört, das könne Nackenschmerzen verursachen, sagt ein Zuschauer. Zawrel meint, er trage die Brille rund zwei bis drei Stunden am Tag und habe noch von keinen Beschwerden gehört.

Auch auf die Frage von infranken.de, ob es medizinische Studien zu Gefahren der Brille für die Gesundheit gebe, antwortet der Microsoft-Mitarbeiter, dazu sei ihm nichts bekannt. Zwar warnt die Firma "Magic Leap" vor Schäden für die Augen und das Nervensystem durch die "Holo Lens", allerdings vertreibt "Magic Leap" ein Konkurrenzprodukt, ist also nicht besonders glaubwürdig. Eine Nachfrage beim Bayreuther Klinikum bleibt ähnlich offen: Den dortigen Neurologen ist keine Studie bekannt, die sich mit Virtual- oder Mixed-Reality Brillen und ihren Auswirkungen auf den Organismus beschäftigen.


Nicht mehr aufzuhalten

Ein Beispiel für die Anwendung im Alltagsleben zeigt er in der Zusammenarbeit mit der Firma "Skype", die durch eine Software zur Videotelefonie bekannt ist: Bald sei es möglich, sich etwa auf Geschäftsreise die Ehefrau nicht nur auf den Bildschirm zu holen, sondern als Hologramm ins Zimmer.

Oder gleich ins Bett? Hat die Pornoindustrie schon angefragt? Oder gibt es No-Go-Areas für Microsoft, was auch etwa die Zusammenarbeit mit Militärs undemokratischer Länder anbelangt?

"Die Brille ist in neun Ländern erhältlich. Bald kommt noch China dazu. Es lässt sich nicht mehr vermeiden, dass die Brille irgendwann von jedermann gekauft werden kann. Und wir können nicht kontrollieren, was die Kunden damit machen", antwortet er.

Technikskeptiker, denen eine Realität genüge, nimmt Zawrel die Kritik am Anfang seines Vortrags vornweg: "Seit Tausenden von Jahren schaffen sich Menschen eine verzerrte Realität, etwa mit Alkohol und anderen Rauschmitteln. Die Brille sei nur ein technisch fortschrittliches Mittel dazu. "Mixed Reality wird kommen, das ist nicht mehr aufzuhalten", sagt er.

Die heutige Zeit, in der die Menschen immer länger auf ihre Laptop-, Tablet- und Smartphone-Bildschirme schauen, sei laut Zawrel bald vorbei. "Denn die Realität ist der neue Bildschirm." Statt zu telefonieren sich mit seinem Brillengestell die Kontaktperson als Hologramm neben sich in den Bus setzen kann. Oder den Bus gleich in ein Raumschiff im "Krieg der Sterne" verwandeln, anstatt sich den Film anzusehen.


"Den Ausgang nicht verlieren"



Während seines Vortrags zeigt Zawrel auch ein Beispiel, wie sich Mixed Reality und Virtual Reality ergänzen. Er baut virtuelle Löcher in den Boden. In einem der Löcher sieht man eine vorprogrammierte, virtuelle Berglandschaft. Durch das Loch gelangt Zawrel in diese virtuelle Realität und kann sich dort bewegen. Die "echte Realität" sieht er nur noch durch die andere Seite des Lochs, immer kleiner werdend. Eine Weile lang bewegt er sich in der sandroten Landschaft, sieht sich um, wie selbst noch erstaunt von der rasanten technischen Entwicklung, von der Schärfe der Bilder. "Ich muss nur aufpassen, dass ich den Ausgang nicht verliere", sagt er nach einer Weile.