Mittwoch, 12. Oktober 2016 12:39

"Das gärt erstmal im Hinterkopf" - Interview mit Steffen Krafft

Der Bayreuther Pianist und Sänger Steffen Krafft über seine Musik, den Unterschied zwischen deutschen und englischen Texten, Prostitutionsjobs und mehr.
Steffen Krafft am Klavier im Zentrum Bayreuth. Foto: Markus Klein

von MARKUS KLEIN
Bayreuth - Noch nicht mal in der Grundschule, lernte Steffen Krafft mit fünf Jahren in Hamburger Kaufhäusern das Keyboardspielen kennen. Im Jahr 1999 kam er nach Bayreuth, aus einer Schülerband des Graf-Münster-Gymnasiums wurde im Jahr 2004 die Rockband "Waste", die unter anderem das Deutschlandfinale des Emergenza-Bandwettbewerbs gewann. Seit seiner Schulzeit ist der 28 Jahre alte Ex-Student auch solo unterwegs, vergangenen Winter brachte er seine Solo-EP "Heimweg" heraus. Er will nur von Musik leben. Dass das auch manchmal "Prostitution" bedeutet, wo er schon gespielt hat, was er an Auftritten am meisten schätzt und Vieles mehr verrät er im Interview.


Wie kamst du zur Musik?

Das war als Kind in Hamburg. Meine Oma und meine Mama haben damals für meine Tante genäht, die hatte ein kleines Modegeschäft. Für das mussten sie immer in die Stadt, was Einkaufen; und die haben dann gemerkt, dass sie mich in der Keyboard-Abteilung vom Kaufhaus stehen lassen konnten und ich mich da stundenlang selbst beschäftigen konnte. Zum fünften Geburtstag habe ich dann ein kleines Keyboard geschenkt bekommen. Im Klassenzimmer hatten wir später ein Klavier stehen. Meine Grundschullehrerin hat bemerkt, wie ich da ab und zu gespielt habe und mir gesagt, ich soll auch Klavierunterricht nehmen. Mit sieben Jahren habe ich dann damit angefangen. Irgendwann habe ich dann auch dazu gesungen. Gesangsunterricht habe ich aber erst viel später genommen, wo es die Band dann gab und ich besser werden wollte.

Wie kam es zur Gründung von "Waste"?

Die Band gibt es seit 2004. Das kam über die Schule, in der achten Klasse am GMG (Graf-Münster-Gymnasium) war das glaube ich. Mit unserem Schlagzeuger musste ich damals in Musik was vorstellen und danach haben wir gesagt "Lass uns doch ne Band gründen". Über die Schule haben wir dann auch einen Bassisten und einen Gitarristen gefunden.

Wie kam es zu eurem ersten Auftritt?

Das erste Mal haben war im Theaterkeller auf einem Schulfest am GMG. Wir waren in verschiedenen Klassen und jeder hat seine Klassenkameraden motiviert, hinzugehen. So war da richtig was los. Und dann haben wir mal in der Schoko-Fabrik was organisiert und da auch gespielt und so ging das weiter. Bei "Rock in Bayreuth" haben wir uns beworben, deshalb waren wir öfter auch im Zentrum (Jugend-Kulturzentrum) und im Komm (kommunales Jugendzentrum). Es gab damals wahrscheinlich auch mehr Möglichkeiten als heute. Weil es einfach mehr Leute gab, denen es wichtig war, dass es eine junge Musikszene in Bayreuth gibt. Bei "Rock in Oberfranken" (jährlicher Bandwettbewerb) zum Beispiel gab es damals für den Bezirk Bayreuth 35 Bewerbungen. Dann war ich irgendwann Jahre später nochmal da, und da gab es nur noch fünf.

Seit wann spielst du solo?

Schon lange. Wir hatten so eine Schulgruppe, KiK - Kultur im Keller. Meine Musiklehrerin vom Unterstufenchor hat gesagt, da müsste ich hin. Da habe ich dann Solo-Auftritte gemacht - schon bevor es die Band gab und auch parallel. In meiner Jugend hatte ich außerdem ein kleines Hip Hop Projekt, "Neuland" hieß das - auch mit Band. Da hatten wir einige Auftritte in Bayreuth. Mittlerweile gibt es das aber nicht mehr. Wir haben auch nie irgendwas rausgebracht. Ein Album war geplant, das war schon fast soweit: Wir hatten ein Cover und viele Tracks, aber das... Naja, das war dann meine Schuld, ich war einfach zu faul. Schade eigentlich, hätte schön werden können.



Wo kommst du so rum? Spielst du hauptsächlich in Bayreuth?

Schon. Aber gerade mit der Band auch wo anders. 2010 waren wir beim Emergenza Band Wettbewerb. Das ging vom Regio-Finale in Nürnberg, zum Bayern-Finale in München bis zum Deutschland-Finale; die haben wir alle gewonnen. Als Preis dafür waren wir dann zum Beispiel auf dem Sziget-Festival in Budapest; das war schon eine coole Erfahrung. Dieses Jahr waren wir mal in Karlsbad. In Zürich und Wien waren wir schon auch mal, nach oben sind wir mal bis Hamburg gekommen; aber es ist schon so, dass sich das vor allem auf Süddeutschland konzentriert.

Warum singst du mit "Waste" englisch und solo deutsch?

Am Anfang fand ich Englisch einfach cooler. Das war so die Beatsteaks-Zeit, die haben ja auch auf Englisch gesungen. Außerdem hört auf englische Texte niemand, das fand ich angenehm. Wenn man Texte schreibt, die einen selbst betreffen, muss man das nicht so chiffrieren wie im Deutschen. Aber irgendwann hatte ich einfach Bock auf Deutsch zu singen. Das Schreiben ist da auch ganz anders. Auf Englisch musste ich mir die Zeilen immer mühsam zusammen wurschteln. Wenn ich auf Deutsch schreibe, mache ich erstmal drei Seiten voll und versuch das dann am Schluss durch Streichen zusammen zu setzen.

Wie arbeitest du an deiner Musik? Hast du feste Zeiten und Strukturen?

Nee (lacht). Ich kann nicht konstant schreiben. Wenn ich eine Idee hab, dann spiel und singe ich einfach und speichere das mit dem Aufnahmegerät von meinem Handy. Und dann liegen die erst Mal brach, die Idee bleibt irgendwo im Hinterkopf und gärt. Und irgendwann habe ich dann ein Stimmungsbild; wobei das nie so geradlinig ist, sondern eine Stimmung mit Konnotationen könnte man sagen. Und die versuche ich dann in einem Stück zu umschreiben.

Planst du ein Solo-Album?

Ja, das wird kommen. Die Frage ist nur, wann. Ich habe schon angefangen, will aber noch eine Grundidee dahinter packen. Es nimmt schon Formen an, ist aber noch zu verschwommen, um sagen zu können, wann das passiert. Ich schätze mal in diesem Jahr schaffe ich es nicht mehr; 2017 müsste es hinhauen.

Wie läuft es bei dir? Du lebst ja nur von der Musik, oder?

Ja. Wäre ich nicht sehbehindert, würde ich mich vielleicht auch in die Gastro stellen. Einen richtig ernsthaften Job will ich mir auf jeden Fall nicht suchen, sondern immer schauen, dass es mit der Musik was wird. Aber der Druck wird nicht weniger... Und die Hoffnung teilweise auch; wenn man sich die heutige Radiomusik anschaut, was da erfolgreich ist, da denke ich mir immer: "Wie können sich die Leute immer wieder diese ganze Scheiße anhören?" Und zum Beispiel Buddy Buxbaum (von "Deichkind") hat ein Solo-Album rausgehauen, was richtig gut ist; und der sagt dann seine Tour ab, auf die ich mich voll gefreut hatte, weil der Vorverkauf nicht stimmt. Da denke ich mir "Och man ey!" Und dann gibt's die Labels, die sagen: "Hey, das war erfolgreich und das da auch, macht da mal einen Mix". Das ist wie Inzest, ey! Wie soll sich da was weiterentwickeln? Ah, es klingt immer so verbittert, wenn ich sowas sage. Aber das ist meine ehrliche Meinung: Leute, hört euch mal gute Musik an!

Naja, jedenfalls gibt es Monate, da schaue ich täglich mehrere Stunden auf meinen Kontostand... Als ich meine EP gemacht hab, war ich drei Monate richtig hart am Arbeiten und hab mein allerletztes Geld reingesteckt. Nach der Release-Party, wo man sich dann eigentlich freuen sollte, war ich voll fertig, weil ich komplett pleite war. Das sind schon Sachen, die man für die Musik in Kauf nehmen muss. Ich hab ja auch mal studiert; Deutsch und Englisch, nicht auf Lehramt sondern Freestyle. Das ist auch nichts geworden, ich darf ja wegen meiner Sehbehinderung nicht mal Taxifahren (lacht). Aber ich mache zum Beispiel auch für andere Leute was im Studio, produziere Werbemusik, trete auf Hochzeiten auf; so diese ganzen Prostitutionsjobs, die man als Musiker halt machen muss. Sonst ruft bald der Vermieter bei mir an. Aber es geht im Moment. War ja auch Hochzeitssaison.

Was man an deinen Live-Auftritten oft schätzt, sind deine Witze und Geschichten zwischendurch. Willst du das auch auf dein Album bringen?

Nee. Witze aufnehmen ist immer schwierig. Es macht mir viel Spaß, Humor ist auch sehr wichtig, um Dinge zu verarbeiten, aber man soll ja ein Album mehrmals anhören können und immer neue Sachen entdecken. Sowas kommt auch eher spontan. Bei "Waste" habe ich so Spaßlieder auch oft gemacht, wenn ich eigentlich gerade dringend was Ernstes hätte zu Ende bringen sollen. "Aus dem Leben einer Schlampe" ist so entstanden. Oder einfach so. Gestern habe ich zum Beispiel beim Kochen einfach angefangen zu singen: "Scheidi, Scheidi, deine Welt sind die Zwerge"... Das ist peinlich, ne? (Senkt den Kopf). Halt so ganz doofe Sachen. Oder unter der Dusche morgens kommen manchmal ganz abstruse Sachen raus; die verschwinden und ich kann mich daran auch nicht erinnern, aber wenn auf der Bühne die Situation passt, dann sind die plötzlich wieder da.

Hast du Vorbilder?

Ich versuche, mir nicht irgendein Vorbild zu nehmen, sondern denke mir eher bei manchen: "Da kannst du dir eine Scheibe von abschneiden." Bei Clueso fand ich es zum Beispiel geil, dass die sich was aufgebaut haben, was in einer gesunden Geschwindigkeit wachsen und reifen konnte. Bei Paul McCartney mag ich die Arbeitsweise, die vielen Takes mit den Beatles. Die haben die ersten versaut, dann kam die Ansage von Paul McCartney "Nee, so muss das klingen" und dann gibt's einen neuen Take und so kamen die Schritt für Schritt langsam zum endgültigen Lied. Jamie Cullum habe ich sehr viel gehört. Alle sagen immer zu mir "Ey, du singst wie Jamie Cullum" und das ist wohl tatsächlich so. Wen ich auch gerne höre, ist Retrogott (Kölner Rapper). So dieses ganz undergroundige und auf alles scheißen; das finde ich cool. Der rappt lustige Sachen, aber am geilsten ist es, wenn man lacht, dann weiter zuhört und merkt, "da ist richtig was dahinter!"

Das habe ich auch mal bei einem Auftritt im Glashaus ausprobiert, weil ich mir denke: Jeder ist mal gut und mal schlecht drauf. Also habe ich einfach immer abwechselnd ein lustiges und ein ernstes Lied gemacht. Sollen die Leute doch selber schauen, wie sie damit klarkommen (lacht).

Und wie kam das an?

Die Leute sind dabei geblieben - jedenfalls die meisten, hoffe ich. Der Clerk (Bayreuther Drum and Base DJ) hat zumindest danach zu mir gesagt, er fand es cool, dass es so achterbahnmäßig war und man sich immer gefragt hat, was als nächstes passiert. Das macht Spaß, ist aber auf die Dauer anstrengend, auch für mich. Um was gut zu spielen, musst du das ja auch fühlen, also musst du selber mitgehen: Mal fröhlich, mal traurig. Deshalb mach ich das eigentlich lieber mit einer gewissen Entwicklung und mit Übergängen. Wenn das klappt, das Publikum dabei bleibt und man so richtig aufgeht, für so ein Gefühl macht man das im Grunde. Ich will einfach authentische Musik machen, alle Arten von Emotionen verarbeiten und das in Liedern verwursten - Ha! Das ist doch ein Satz, den man aufschreiben kann!

Live sehen und hören kann man Steffen Kraffts Solo-Programm das nächste Mal am 11. November im Lamperium.

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