Mittwoch, 08. Februar 2017 10:50

Die Boarder vom Gehren-Park - Über die Snowboard-Szene im Landkreis Bayreuth

Auch wenn das Fichtelgebirge nicht die Alpen ist: In der Gegend gibt es viele gute Snowboarder. Die heißen Interessierte gerne in Bischofsgrün willkommen.
Kai Schüssel slidet über eine Röhre im Snowboard-Park am Gehren-Lift in Bischofsgrün.  Foto: Simon Markhof

von MARKUS KLEIN
Bischofsgrün - Das steile Treppengeländer bei den Kulmbacher Stadtwerken ist eingeschneit. Drei Grad Minus. Der eisige Wind weht den Snowboardern beim Schaufeln des "Kickers" (Fachwort für Sprungschanze) den Schnee ins Gesicht.

Kai Schüssel und Tobias Rieß fachsimpeln. "Das ist ganz schön dünn. Und aus Nickel, da verkantet man leicht. Eisen wäre besser", sagt Schüssel. Rieß stimmt zu: "Übel. Ich lasse dir gerne den Vortritt." Doch die Skepsis weicht der Neugier, und Rieß beginnt. Oben am Wegrand schnallt er sich das Board an, fährt den kurzen Steilhang hinunter und springt vom "Kicker" auf das Geländer. Dann dreht er seinen Oberkörper, geht in die Knie und drückt das Gewicht auf die Vorderseite seines Boards, so dass sich der hintere Teil vom Geländer abhebt. "Switch Nosepress" nennt sich der Trick. Das "Switch" bedeutet, dass er andersherum fährt, als er es normalerweise tut.


Bilder für die Sponsoren

Auch wenn es für den Laien recht beeindruckend aussah: Zufrieden ist Rieß nicht mit seinem ersten Versuch; aber zuversichtlich: "Das wird schon. Ich muss mich noch weiter reindrehen und früher aufs Geländer", ruft der 23 Jahre alte Bischofsgrüner in Richtung des Fotografen Simon Markhof.

Kai Schüssel macht danach einen "Tailpress", schlittert also nur mit dem hinteren Teil des Boards über das Rail. Beim Absprung vom "Obstacle" (Hindernis) dreht er sich noch um 180 Grad, bevor er landet.

§$%§$"%...Street...§"%$§" from Kai Shizzle on Vimeo.



Der Fotograf Markhof ist mitgekommen, weil die Boarder Bilder für ihre Sponsoren brauchen. Seit vier Jahren wird der 28 Jahre alte Bayreuther Kai Schüssel von bekannten Snowboardmarken wie "Nitro" und "Dragon" gesponsert. Im Austausch für Bilder, welche die Unternehmen auf ihren Webseiten posten, bekommt er jede Saison neue Bretter, Bindungen, Schuhe, Handschuhe und Brillen.

"Das Fichtelgebirge ist nicht das gleiche wie die Alpen. Das heißt aber nicht, dass es hier keine guten Leute gibt", sagt Markhof. Schüssel etwa ist schon rund 15 Jahre in der Snowboard-Szene im Landkreis Bayreuth unterwegs. Begonnen hat er am Geiersberg-Lift in Oberwarmensteinach. Dort bauten Snowboarder, unterstützt vom Kleidungsgeschäft "XTC" in Bayreuth, vor rund 15 Jahren einen Park mit Hindernissen wie "Rails", "Boxen" (Holzhindernisse, meist breiter als "Rails"), "Tubes" (Eisen-Röhren) und "Kicker". Mit der Zeit zog es die Szene weiter bis nach Bischofsgrün. Am dortigen Gehren-Lift errichteten sie einen professionelleren Park neben der Piste. Die meisten der "Obstacles" schweißt Max Fischer selbst zusammen. Er ist der Sohn der Skilift-Betreiber.


Sein wie man will

Beim Park-Aufbau, der ungefähr drei Tage dauert, hilft ihm der "harte Kern" von etwa 15 Boardern im Alter zwischen 15 und 30 Jahren. "Der Sport verbindet, da ist das Alter egal", kommentiert Schüssel. Auch der Kleidungsstil, der Beruf und welche Musik man hört, seien hier nicht wichtig. "Man kann sein, wie man will", sagt Rieß. Selbst beim Fahren: "Jeder geht an den selben Trick anders ran und entwickelt seinen eigenen Stil", erklärt Schüssel.

Die meisten kommen aus Bayreuth oder Bischofsgrün, aber auch Boarder aus Nürnberg und Amberg sind dabei. "So finden Leute zusammen, die sich sonst nie getroffen hätten", sagt Rieß. Auch er und Schüssel freundeten sich vor acht Jahren über den Sport an, trotz fünf Jahren Altersunterschied - was in der Jugend viel ausmacht. Seit vier Jahren gehen sie auch zusammen "Street fahren" - so nennt man das Boarden abseits der Piste.


Kreativ ausleben

Am "Street fahren" gefalle den beiden, dass man seine Kreativität ausleben könne. Lernen müsse man die Bewegungsabläufe aber vorher im Park, sagt Schüssel. "Außerdem sind mehr Leute da, die Tipps geben können", sagt Rieß. Auf neue Ideen komme man auch eher in der Gemeinschaft. "Wir haben keine Konkurrenz untereinander, sondern unterstützen uns gegenseitig", sagt Schüssel. Selbst bei Wettkämpfen freue man sich mit einem Fahrer, der besser war.
Ob Park, Street oder Wettkampf: "Ich finde es einfach geil, mit Leuten draußen zu sein und Sport zu machen", sagt Rieß. "Das wird leider immer seltener, gerade in meiner Generation. Die Meisten treffen sich nur noch online."


Jeder ist willkommen

Die Boarder vom Gehren-Park würden sich freuen, wenn mehr Leute aus dem Landkreis den Spaß am Snowboarden entdeckten. "Man braucht höchstens eine halbe Stunde von Bayreuth aus. Dafür sind wir echt wenige", sagt Schüssel. "Bei uns kann jeder einfach mal vorbeikommen", sagt Rieß. Auch zu den regelmäßigen Veranstaltungen. Etwa zum Grillen, wenn die Saison zu Ende geht, der letzte Schnee liegt und die Frühlingssonne schon so stark ist, dass die Boarder im T-Shirt fahren und zwischendurch vom Grill essen.

Eine heile Welt also? Nicht ganz. Bei Rieß' fünftem Versuch am Rail in Kulmbach ist er zu schnell. Rasant rutscht er nach unten, am letzten Pfosten des Geländers bleibt er mit dem Board hängen. Sein Oberkörper wird Kopf voraus Richtung Boden geschleudert. Er kommt mit der Brust auf. Man hört die Luft aus seinem Oberkörper entweichen, wie einen leichten Windzug. Er schreit. Kai Schüssel rennt mit den klobigen Snow-Boots die Treppe hinunter und beruhigt Rieß: "Das ist nur der Schock. Da hat sich was zusammengestaucht. Bleib' noch kurz liegen!" Nach ein paar Minuten hilft er ihm auf. Schüssel und Markhof bieten an, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Doch Rieß winkt ab. Er spüre noch einen leichten Druck in der Brust, ansonsten gehe es ihm gut.

Wie bei jedem Sport kann es beim Snowboarden zu Verletzungen kommen; laut Studien aber nicht häufiger als etwa beim Fußball. Damit hat auch Schüssel schon eine Erfahrung gemacht: Bei einem ungünstigen Sturz schob sich sein Unterarnmknochen durch den Ellenbogen. Monatelang konnte er seine Hand nicht bewegen. Nun fahre er viel vorsichtiger als früher. "Das Wichtigste ist, aufmerksam zu sein", sagt er heute.

Den "Spot" (geeigneten Ort zum Snowboarden) in Kulmbach entdeckte Schüssel übrigens auf der Fahrt zu einem Termin. "Man sieht was und denkt: Das könnte gehen. Man muss aber vorsichtig testen, ob alles so läuft wie in der Vorstellung", sagt er.





Veranstaltungshinweis: Die "Schneeman-Railjam" in Bischofsgrün



Wer den Profis auf den "Rails" und "Kickern" zusehen will, hat am kommenden Wochenende die Gelegenheit dazu: Am 25. und 26. Februar findet der "Schneemann-Railjam" in Bischofsgrün statt.

Ein "Railjam" ist ein Wettbewerb für Snowboarder und Freeskier. An den aufgebauten "Obstacles" führen die Sportler ihre Tricks vor. Die werden dann von einer Jury bewertet. Die Veranstaltung wird moderiert und von Musik begleitet. Nach dem Event gibt es eine Party mit DJs aus der Region.

Der Railjam findet seit 2014 am Wochenende vor Rosenmontag statt, an dem wiederum das Schneemannfest in Bischofsgrün gefeiert wird. Dort stand in den vergangenen Jahren Deutschlands größter Naturschneemann. So kamen die Veranstalter auf den Namen "Schneemann-Railjam".

Schon im ersten Jahr, als es kaum schneite, war die Veranstaltung laut den Bischofsgrüner Veranstaltern von "Snow Sports Entertainment" ein Erfolg. Sie verwendeten letzte Schneereste vom "Ochsenkopf", um den Wettkampf zu ermöglichen.

Da der Railjam mitten im Ort stattfindet, muss eine künstliche Piste geschaffen werden. Dazu verwenden die Veranstalter ein Schwerlastgerüst, auf dem Balken und Platten montiert sind, die den Schnee tragen. 2014 startete der Railjam mit einer Höhe von vier Metern, einer Breite von sechs und einer Länge von 18 Metern. 2015 vergrößerte sich der Bau auf neun, sechs und knapp 30 Meter. Durch einen Umzug im Jahr 2016 hatten die Veranstalter mehr Platz für die Maschinen. Deshalb wurde der Railjam erneut vergrößert (9/12/30 Meter). Neben Holz und Eisen benötigen die Veranstalter rund 40 Tonnen Schnee für die Aktion. Der Schneemann-Railjam in Bischofsgrün finanziert sich ausschließlich durch Sponsoren.

Man kann natürlich auch mitfahren. Anmelden können sich Wintersportfreunde unter: info@snow-sports-entertainment.de (mit Namen, Alter, Snowboard oder Freeski, Wohnort).