Sonntag, 27. November 2016 12:32

Der "Exode" - Ein Kulmbacher und die traditionelle chinesische Medizin

Vom Leibarzt Mao Zedongs und an chinesischen Universitäten lernte Dietmar Kummer in den 70er-Jahren die TCM kennen. In Kulmbach betreibt er eine Praxis.
Hier sind die sogenannten Meridian-Punkte der traditionell chinesischen Akupunktur eingezeichnet. Symbolbild. Anja Vorndran.

von MARKUS KLEIN
Kulmbach - Dietmar Kummer nimmt mit seinem Buddha-Lächeln den Raum in Anspruch, den er eben erst betreten hat. Seine Haare sind grau, an den Spitzen noch ein wenig blond. Es wirkt, als würde die Sonne permanent auf sein Haupt scheinen. Er grüßt laut jeden Einzelnen, setzt sich breit, und streicht seine hellgelbe Krawatte mit einem Drachen darauf glatt. Was nicht nötig wäre, wird sie doch von einer goldenen Nadel mit rotem Button gehalten. Auffällige chinesische Symbolik auf unauffällig dunkelbraunem Hemd unter mittelauffälligem dunkelbraunem Trachten-Sakko.

Freundlich aber bestimmt fragt er, auf was er sich da einlasse. Ein Porträt, eine journalistische Übung. "Aha", bedächtiges Nicken. "Krieg ich denn die Texte?", fragt Kummer weiter, mit einem kleinen Hauch Sorge in der Stimme, erkennbar durch eine unregelmäßige Schwingung. Das Buddha-Lächeln ist fürs Erste weg. Der Ausdruck nun nicht unfreundlich, aber konzentriert: Die Stirnfalten werden etwas deutlicher, die Gesichtsmuskulatur leicht angespannt. Er ist bereit. Bereit für die Fragen der Nachwuchsreporter, bereit, ein Bild seiner Person zu erschaffen.

Dabei ist er erstaunlich offen: Seine Praxis profitiere vom Kontakt zu Journalisten, "und wer sagt, er braucht das nicht, lügt."


Der Chinese

Kummer ist Professor Doktor der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), Kulmbacher, Betreiber eine Praxis für ebenjene TCM und ist Vorstand einer Akademie, die Studienplätze in China für ebenjene TCM vermittelt. Dieses Studium kostet rund 4500 Euro pro Semester, zehn Jahre bis zum Doktor, also 90.000 Euro pro Doktor. "Geschäftlich ist er clever", sagt der Professor, im kurzen Personalpronomen "er" mal eben eine Milliarde Menschen zusammengefasst. Meistens sagt er "der Chinese", etwas länger, immerhin.

Kummers Sohn lebt in China, ist mit einer Chinesin verheiratet. Für ihn sei das nichts, "der Chinese", habe eine ganz andere Mentalität. Zum Beispiel kämen dort ständig die Verkäufer auf einen zu und unterböten sich mit Angeboten, er habe lieber seine Ruhe, da sei er typischer Franke.

Wieder: "Geschäftlich ist er clever". Allerdings scheint Kummer selbst auch geschäftlich clever zu sein. Damals, in den 70er-Jahren, da war er Mitte 20, als er noch im Außendienst eines Pharmaunternehmens arbeitete, wollte er chinesische Medikamente kaufen. "Ich hab nach nem Rheuma-Midde gfragt. Ich dacht, des wärd a Gschäfft!".
Kummer versteckt seinen fränkischen Dialekt nicht. Wozu auch, er liebe die Heimat, wohne gerne hier (in einer palastähnlichen Villa übrigens). "Der Chinese" - diesmal der mit den Medikamenten, nicht die unvorstellbar große Menschenmasse - der jedenfalls habe damals gegengefragt: "Welche Art Rheuma denn? Kaltes Rheuma, feuchtes Rheuma, warmes Rheuma?" Und da, so Kummer, habe in etwa seine Faszination für die TCM und ihre alternative Diagnostik und Methodik begonnen. In etwa deshalb, weil er sich schon seit seiner Kindheit mal mehr, mal weniger dafür interessiert habe.

Da erstrahlt es wieder, das Buddha-Lächeln. Und plötzlich glaubt man ihm, dass er beides ist: kaltkalkulierender Geschäftsmann sowie neugieriger Heiler und Menschenfreund.

Jedenfalls bat Kummer, in den 70ern, bei der chinesischen Botschaft um Einreiseerlaubnis. Zwei Jahre später durfte er dann in Mao Zedongs China einreisen. Das taten (und durften) nicht viele Europäer damals. Entsprechend fiel er stark auf und wurde er stets von einem Mitglied der kommunistischen Partei begleitet; bis ins Hotelzimmer, weswegen er keine Chinesin hätte "kennenlernen" können, so Kümmer mit spitzbübischem Grinsen (der Mundwinkel zieht sich auf der linken Seite etwas nach oben). "Ich woar da der Exode", sagt er.


Der Zungenzauberer

Das Positive am "Exoden-Dasein" war, dass er schnell in Kontakt mit den wichtigsten Ärzten des Landes kam. Unter anderem dem Hausarzt Maos, "ein Spezialist für Impotenz", erzählt er, wieder mit spitzbübischem Lächeln. Auch seine später in Kulmbach eröffnete Praxis wurde damals durch diese alternative Medizin für alternde oder schüchterne Männer bekannt.

Mit der Verbreitung von Viagra in den 90ern wurde der Geschäftszweig unwichtiger, mittlerweile behandle er in diesem TCM-Bereich hauptsächlich unfruchtbare Frauen. Desweiteren eine endlos wirkende Liste an Schmerzzuständen, neurologischen Krankheiten, Atemwegserkrankungen, Herz- und Kreislaufstörungen sowie Magen- und Darmkrankheiten. Ob TCM denn immer helfe, fragt eine Reporterin. "Ich bedauere, wenn es nicht hilft, aber nein", antwortet Kummer offenherzig und er sieht auch besorgt dabei aus, mit der gerunzelten Stirn. Etwas mehr als die Hälfte der Menschen, die in seine Praxis kämen, könne er helfen. Er kenne auch die Grenzen seines Wissens, verweise Patienten an Ärzte der "Schulmedizin", wenn er nicht mehr weiterhelfen könne. Ob "daran glauben" helfe? "Natürlich. Das ist immer wichtig, das hilft selbst dem Chirurgen", meint Kummer. Er selbst scheint an den christlichen Gott zu glauben. Jedenfalls erwähnt er den "Herrgott" einmal, der es letztlich in der Hand habe, wie lange ein Mensch lebe. "Wenn der Herrgott mich zurückschickt, kann ich auch nichts machen", sagt er da über die Grenzen der TCM, während er kurz an die Decke blickt und die Hände weit auseinander hält wie ein Prediger.

Dann wieder vom Prediger zurück zum grinsenden Buddha, als er an zwei Reportern eine Zungendiagnose vollführt. Seine Hände und die leicht seitliche Haltung, offen hin zum Publikum, präsentieren die Zunge, zeigen auf kleine rote Bläschen, als würde er auf einem Home-Shopping-Kanal einen Gemüseschneider anpreisen. Er fragt, ob die Reporterin ihre Periode habe. "Nein", antwortet die. Kummer zeigt ein klein wenig verspielte Enttäuschung, wie bei Loriots "Ohh!" nach dem "Nein! Doch!". Er lässt sich aber nicht beirren, sondern fährt mit der Erklärung fort, dass die Bläschen auf angestautes Blut hinwiesen.

Nach weiteren Ausführungen setzt er sich wieder, sichtlich zufrieden. Die große Villa, in der er mit seiner Frau wohnt, kommt zur Sprache: Ob sich der Betrieb einer TCM-Praxis denn so gut auszahle? "Natürlich", sagt er, jetzt wieder stirnrunzelnder Geschäftsmann. Damals zumindest. Außerdem habe es zehn Jahre gedauert, bis sich die Praxis rechnete. "Gott sei Dank war ich auf Geld nicht angewiesen", sagt er noch. Warum, sagt er nicht. Von der Zeit vor seinem 30. Lebensjahr ist nichts bekannt (wie bei Jesus). Geschäftsmänner reden eben nicht über Geld. Zauberer und "Exoden" verraten ihre Tricks nicht.