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Schule

Vergangenheit plötzlich ganz nah

Als Zweijährige kam Eva Franz 1942 erst ins KZ Auschwitz-Birkenau. Wie sie die schreckliche Zeit erlebte, erzählte sie den neunten Klassen des KZG.
Eva Franz möchte nicht, dass man sie auf Fotos erkennt. Nur von der Seite solle man sie fotografieren. Zu sehr hat sie Angst vor Übergriffen.  Foto: Veronika Schadeck
 
Es ist mucksmäuschenstill in der Mensa des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums (KZG). Die Schüler der neunten Klassen hören nicht nur aufmerksam zu, sie fühlen auch mit. Mit Eva Franz. Mehrmals muss die 76-Jährig ihre Rede unterbrechen, zu sehr werden Erinnerungen an diese grauenvolle Zeit wach.
Franz - geborene Christ - wurde im Jahre 1940 als Tochter eines Soldaten und einer Artistin in Fulda geboren. Sie war gerade einmal zwei Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihrer zehnjährigen Schwester ins Konzentrationslager (KZ) Auschwitz-Birkenau gebracht wurde.
Der "Zweite Weltkrieg" steht derzeit auf dem Lehrplan der neunten Klassen. Für die Geschichts-Lehrerin Verena Zeuß ein Grund, die Holocaust-Überlebende als Zeitzeugin zu gewinnen. Sie berichtete am Freitagvormittag in der Mensa des KZG über ihre Zeit im Vernichtungslager. Sie wurde dabei von Birgit Mair - Mitbegründerin des sozialwissenschaftlichen Instituts für Forschung, Bildung und Beratung aus Nürnberg - begleitet, die das Zeitzeugengespräch auch moderierte.
Sie bettete die Erzählungen von Eva Franz in den historischen Kontext ein und zeigte Bilder der Familie aus der Vorkriegszeit. In Auschwitz erhielt Franz ihre Häftlingsnummer "4167", die mit stark erhitzter Füllfeder eingestochen wurde. "Das tat fürchterlich weh", erinnert sie sich noch heute.
Im sogenannten "Zigeunerlager" in Auschwitz-Birkenau, wohin sie mit ihrer Familie gebracht wird, liegt die Todesstrafe bei 95 Prozent. Evas ältere Schwester stirbt vier Wochen nach der Einlieferung an Typhus.


Familie wird getrennt

Der Vater organisiert für die kleine Eva heimlich etwas zu essen, wird aber von der SS erwischt und auf dem berüchtigten "Bock" vor den Augen der zum Appell angetretenen Lagerinsassen ausgepeitscht, "bis die Haut davon hing". Er wird danach von seiner Familie getrennt und kommt ins KZ Mauthausen.
"Meine Mutter war total gebrochen", erzählt Franz, "aber für mich machte sie weiter." Ihre Mutter habe sie immer mit zur Arbeit genommen und an einen Platz gesetzt, von dem sie sich nicht wegbewegen durfte.
Von ihrer Baracke aus sah Eva Franz Feuer und Rauch, Tag und Nacht. Als sie ihre Mutter darauf ansprach, antwortete diese, dass dort Brot gebacken werde. Heute wisse sie natürlich, dass ihre Mutter sie angelogen hatte, um sie nicht angesichts der Verbrennungsöfen der Nazis zu ängstigen.
Später wurde Franz mit ihrer Mutter nach Ravensbrück gebracht. Dort lernten sie eine Frau kennen, die später eine wichtige Rolle ins Eva Franz' Leben spielen sollte. Gemeinsam mit dieser Frau wurden sie auf sehr unangenehme Weise mit Waggons ins KZ Bergen-Belsen befördert. Dort musste ihre Mutter sehr hart auf dem Straßenbau arbeiten. Auch hier nahm sie ihre Tochter mit.
Die Bedingungen in Bergen-Belsen waren schlecht, sie bekamen zu wenig zu essen und hatten aufgrund eines Wasserschadens kein Wasser mehr. "Dann fiel sie einfach um", sagt Franz. "Mama, mach' die Augen auf", habe sie geschrien. Sofort kamen Männer, die sie wegbrachten.
Die Bekannte aus Ravensbrück versuchte sie zu beruhigen: "Die Mama kommt gleich wieder." Sie kam nie mehr. Die Frau kümmerte sich um das kleine Mädchen bis zur Befreiung des KZ im April 1945.
Die Waisenkinder wurden von den Engländern alle in einem großen Saal gebracht. Von dort aus sollten sie nach Amerika geflogen und zur Adoption freigegeben werden. Die Frau, die Eva beschützt hatte, machte sich jedoch auf den Weg nach Fulda, um Eva Franz' Verwandte über ihr Schicksal zu informieren.


Angst vor Neonazis

Überglücklich war die Mittelfränkin, als sie ihren Vater wieder in die Arme schließen konnte. Ihr Vater heiratete wieder und Eva Franz schloss ihre "zweite Mutter" ins Herz. "Sie war eine tolle und liebenswürdige Frau." Mit zehn Jahren besuchte sie die erste Klasse. Mit 17 heiratete sie ihren Ehemann. Über ihr heutiges Leben will sie nicht viel sprechen, weil sie noch immer Angst hat. Die Schüler der vier neunten Klassen waren von der Lebensgeschichte erschüttert. Alle waren sich einig, dass eine solche Zeitzeugenerzählung ganz anders als ein normaler Geschichtsunterricht sei.
Die Moderatorin bat darum, keine Fotos zu machen, auf dem die alte Dame deutlich zu erkennen ist, da Eva Franz in der Nähe von Neonazis wohne und Angst vor Nachstellungen habe.
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