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Besonderes Gefängnis

"Elendige" auf der Plassenburg

Warum Mörder, Bettler, Landstreicher und liederliche Dirnen einst in einer Burg lebten.
 
H ubert Kolling steckt seinen Lockenkopf gern in alte Bücher und historische Schriften. Mit Leidenschaft stöbert der Sozialhistoriker aus Bad Staffelstein in den Archiven. Er fördert Zeugnisse menschlicher Schicksale und Entwicklungen zu Tage, die das Leben unserer Vorfahren bestimmt haben und zum Teil bis in unsere Zeit hineinwirken. In einer der eindrucksvollsten Festungen in Bayern, der Kulmbacher Plassenburg, lebten über 100 Jahre lang keine Schönen und Reichen, sondern der Abschaum der Gesellschaft. Von 1817 bis 1927 diente das Wahrzeichen der alten Markgrafenstadt als Gefängnis. Darüber hat Kolling ein Buch geschrieben. Es ist kein schnell zu lesender Krimi, sondern ein Werk, das mit kriminalistischer Sorgfalt recherchiert wurde und vom Leben echter Straftäter erzählt. Bis zu 700 Kleinkriminelle und Schwerverbrecher saßen gleichzeitig auf der Plassenburg ein.


Was hat Sie bei den Recherchen am meisten beeindruckt?
Hubert Kolling: Da gab es ganz viele spannende und auch kuriose Details. Zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass der überwiegende Teil der Gefangenen Singles waren, also Alleinstehende. Offenbar sind Verheiratete deutlich seltener straffällig geworden. Interessant ist auch die medizinische Versorgung der damaligen Zeit: Viele Insassen starben an Infektionskrankheiten; nicht selten brachten sie die todbringenden Keime schon mit in die Anstalt, weil sie eben aus prekären Milieus stammten. Kurios ist, dass man auf der Kulmbacher Krankenstation zu Therapiezwecken fünf Jahre lang Blutegel gezüchtet hat - anfangs offenbar mit großem Erfolg. In einem historischen Dokument heißt es stolz, man habe aktuell 300 Stück Blutegel im Vorrat... Naja, und dann sind da natürlich die Einzelschicksale, die einen auch heute noch berühren.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel der Fall Johann Georg Oettinger: Wegen schweren Raubes wurde er als 20-Jähriger zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er schaffte es, aus dem Zuchthaus Ebrach auszubrechen, wurde erwischt und auf die Plassenburg gebracht. Dort erwürgte er 1885 - damals war er Mitte 30 - einen Mitgefangenen, mit dem er in einer verbotenen sexuellen Beziehung stand. Anschließend versuchte er sich umzubringen, überlebte den Sturz aus elf Metern Höhe in den Zuchthaushof aber mit schweren Kopfverletzungen. Wegen Mordes wurde er zum Tode verurteilt, König Ludwig II. änderte das Urteil jedoch in eine lebenslange Zuchthausstrafe. Als Oettinger starb, hatte er 62 Jahre seines Lebens im Knast verbracht. Solche Einzelschicksale gehen einem lange nicht aus dem Kopf.

Wie haben denn die Kulmbacher Bürger damals auf ihre neuen "Mitbürger" reagiert, die hinter Gittern auf der Plassenburg saßen?
Es gab eine große Ambivalenz in Kulmbach: Auf der einen Seite wollte man natürlich möglichst wenig mit den Gefangenen zu tun haben. Auf der anderen Seite gab es aber auch eine wirtschaftliche Symbiose: Beamtenfamilien und Aufsichtspersonal zogen nach Kulmbach, wirtschaftliche Güter aus dem Umfeld - Nahrungsmittel, Einrichtungsgegenstände, Haushaltswaren - wurden für das Leben auf der Burg gebraucht. So waren zuerst das Zwangsarbeitshaus und später das Zuchthaus auch eine Einnahmequelle. Als die Strafanstalt 1928 aufgelöst wurde, war das ein herber Schlag für die Region.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet dieses Kapitel der Geschichte zu erforschen?
Oje... Na dann versuche ich mal, diese lange Geschichte kurz zu fassen. Anfang der 80er Jahre bin ich von Frankfurt zum Studium nach Marburg gewechselt und bekam Kontakt zur Geschichtswerkstatt-Bewegung. Deren Motto "Grabe, wo du stehst" - es gibt überall etwas zu entdecken - fand ich total interessant. Zum ersten Mal habe ich damals ein Staatsarchiv aufgesucht. Später wurden diese Archive quasi meine zweite Heimat. Weil in Marburg eine Tiefgarage gebaut werden sollte, wo früher ein Gefängnis stand, habe ich begonnen, die Geschichte dieses Gefängnisses zu erforschen. Das war wirklich spannend.

Wie entstand Ihr Interesse für die Plassenburg?
Vor zehn Jahren gab's ein Symposium über die Plassenburg, bei dem ich einen Vortag halten sollte. Um diesem Tiefe zu geben, habe ich recherchiert und mich immer intensiver in die Geschichte reingekniet. Das Manuskript ist immer größer geworden. Das war der Beginn des Buches! Grundsätzlich haben ja sehr viele Burgen und Schlösser in ganz Deutschland irgendwann ihre historische Bedeutung verloren und wurden umgenutzt: zum Beispiel für den Strafvollzug. In den Schloss- und Burgführern fand und findet sich über diese Zeit immer nur der stereotype Satz: "Im 19. Jahrhundert diente das Schloss als Strafanstalt." Das fand ich schade. Klar gibt es Themen, mit denen man sich besser brüsten kann. Aber historisch gesehen, ist dies eine einschneidende Zeit gewesen. Es lohnt sich, mehr darüber zu wissen.

Das Buch ist ausdrucksstark bebildert. Woher haben Sie all die historischen Aufnahmen und Aufzeichnungen - vom Foto eines ehemaligen Schlafsaals bis hin zur Zeichnung einer Aufseher-Wohnung?
Ich habe sie aus vielen Quellen zusammengetragen: zum Beispiel aus dem Staatsarchiv Bamberg, dem Hauptstaatsarchiv München, aus Kirchenarchiven und dem Stadtarchiv Kulmbach mit seiner Sammlung über die Plassenburg. Es sind Baupläne erhalten und viele Original-Schriften, durch die man sich "kämpfen" kann. Eine große Hilfe war mir auch der Kastellan der Plassenburg, Harald Stark.

War es schwer, für das sehr spezielle Thema einen Verlag zu finden?
Ja, sehr schwer - es handelt sich eben um ein Randthema der Gesellschaft. Umso mehr freue ich mich, dass Heinz Späthling bereit war, den Band in sein Programm aufzunehmen. Kommerzielles Interesse steht da nicht im Vordergrund. Ich habe kein Honorar bekommen, sondern sehe meine Arbeit als Beitrag zur Heimatforschung.

Sie haben jedes Kapitel des Buches mit einem Zitat überschrieben. Ein Beitrag über die Gefangenen heißt zum Beispiel "Bettler, Landstreicher, liederliche Dirnen", das Kapitel über die Beleuchtung und Feuersicherheit nennt sich "Nicht selten das Laster der Onanie getrieben". Das klingt schon fast romanartig, dabei handelt es sich doch um ein Sachbuch...
Ja, aber ein Sachbuch muss ja nicht langweilig sein. Zum Beispiel hatte das Problem mit der Onanie tatsächlich mit der fehlenden Beleuchtung auf der Burg zu tun. Auch der Buchtitel selbst ist ja ein Zitat - Jakob Wassermann hat in einer Novelle über die Plassenburg geschrieben: "Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen und Feldherren mit Dienst-Ross, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute, arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt wurden, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe, Bösewichte, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends... "


INFO:

Hubert Kolling, Jahrgang 1960, ist promovierter Diplom-Politologe & -Pädagoge. Er arbeitet als Dozent am Bildungszentrum Bad Staffelstein, einer Einrichtung des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Sein großes Interesse gilt der Erforschung sozialhistorischer Zusammenhänge in der Region. Gern leistet er Forschungsarbeit an Primärquellen, die in Archiven ruhen. Kolling lebt mit seiner Familie in Bad Staffelstein.

Zum Buch: Das fest gebundene, 371 Seiten umfassende Werk "Ein Behälter des Elends - die Plassenburg als Strafanstalt 1817 - 1927" (Erstauflage 300 Exemplare) ist im Verlag Heinz Späthling in Weißenstadt erschienen. Es ist für 18,90 Euro überall im Buchhandel erhältlich, ISBN 978-3-943668-25-
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