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Tierschutz

Ist dem Oberlaitscher Wolf kein langes Leben beschieden?

Sie stehen unter strengem Schutz - aber wenn Wölfe menschlichen Siedlungen zu nahe kommen, droht ihnen Ungemach.
Gerät der in Oberlaitsch gesichtete Wolf bald ins Visier? Jedenfalls könnte ihm Ungemach drohen, sollte er sich öfter in der Nähe von Menschen blicken lassen. In Sachsen wurde für einen solchen "Problemwolf" bei Görlitz eine offizielle Abschussfreigabe erteilt - Schutzstatus hin oder her.  Foto: Fotolia /Grafik: Micho Haller
 
Facebook-Nutzer June Caballo drückt es drastisch aus: "Der hat eh kein langes Leben. Irgendein Trottel schießt den bestimmt schnell ab!" Gemeint ist jener Wolf, der von mehreren Bürgern am Freitagmorgen im Harsdorfer Ortsteil Oberlaitsch gesichtet worden war. Gegen 8.30 Uhr lief das Exemplar der Gattung Canis lupus auf einem Weg zwischen den Koppeln der "High Willow Ranch" von Petra und Stephan Juergens und wurde dabei auch fotografiert (BR vom Montag).

Auch das Ehepaar äußerte schnell die Befürchtung, dass dem wilden Einwanderer womöglich der Garaus gemacht werden könnte - strenger Schutz hin oder her. Den regelt übrigens die "Berner Konvention", ein Übereinkommen zur Erhaltung der wild lebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume in Europa. 1985 trat sie auch in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Sie ergänzt völkerrechtlich das übergeordnete Washingtoner Artenschutz-Abkommen.


Streng geschützt

Der Wolf ist aufgrund seiner Einstufung in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU im Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt (Paragraf 7, Absatz 2, Nummern 13 und 14). Er darf demnach weder gestört noch gefangen, getötet oder als Ware gehandelt werden.
In den neuen Bundesländern, aber auch im Norden ist Isegrim, wie der Wolf in der Fabel heißt,



seit 20 Jahren wieder zu Gast. Seit einiger Zeit nun gilt Franken als "Wolferwartungsland". Vor allem Einzelgänger aus der deutsch-polnischen Grenzregion können jederzeit hier durchziehen. So ein Grenzgänger könnte der Wolf aus Oberlaitsch sein. Wölfe sind Langstreckenwanderer und legen auf der Suche nach einem eigenen Revier Hunderte Kilometer zurück.

Beim Landesamt für Umwelt (LfU) in Augsburg gehen immer wieder Nachrichten über belegte und angebliche Wolfssichtungen ein. Das LfU bewertet Hinweise auf den Wolf anhand sogenannter SCALP-Kriterien, die europaweit als Grundlage für das standardisierte Monitoring großer Beutegreifer (dazu zählen neben dem Wolf auch Bär und Luchs) angewendet werden. Sie teilen Meldungen nach Überprüfbarkeit ein und unterscheiden drei Stufen: Stufe C1 für eindeutige Belege auf zweifelsfreier genetischer Basis oder anhand eindeutiger Fotos; Stufe C2 für bestätigte Hinweise durch erfahrene Personen wie Jäger oder Wildhüter; Stufe C3 für Ereignisse, die nicht überprüfbar sind wie Beobachtungen oder angeblich vernommene Rufe. Aufgrund der Qualität des Fotos, das die Besitzerin der Pferdepension in Oberlaitsch vom ominösen Tier gemacht hat, stuft das LfU die Sichtung aus dem Kreis Kulmbach in letztere Kategorie ein. Nur bei gesicherten Nachweisen aber erfolgt eine Aufnahme ins genannte Wolfmonitoring.


Zwei Nachweise für Oberfranken

Nachgewiesene Tiere in Bayern sind derzeit jeweils ein Wolfspaar auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr sowie im Nationalpark Bayerischer Wald. Aus Oberfranken liegen für den Landkreis Wunsiedel zwei gesicherte Wolfsnachweise von 2011 vor sowie aktuell aus der Pegnitzau bei Michelfeld. Von einem Auftauchen in Siedlungen ist nichts bekannt.

Das ist in Bundesländern wie Niedersachsen anders. Aufgrund von Rissen in Nutztierherden fordern Schäfer, den Schutzstatus zu lockern und Wölfe im Einzelfall abschießen zu dürfen. Herdenschutzmaßnahmen belasteten die Halter finanziell stark, Ausgleichszahlungen für getötete Tiere allein würden nicht weiterhelfen.

Andere Kritiker lässt die Nähe des Wildtiers zur Wohnbebauung erschaudern. Es gibt Bestrebungen, Isegrims Unantastbarkeit aufzuweichen. Dazu zählt nicht zuletzt die umstrittene, offiziell vom sächsischen Umweltministerium erteilte Abschussfreigabe für den "Problemwolf" namens Pumpak, der immer wieder durch die Vororte von Görlitz zog. Die "Jägerstiftung Mensch und Natur" um deren Geschäftsführer Marc Henrichmann begrüßt diesen Schritt der Behörden. "Wir Jäger betrachteten den Wolf als Bereicherung für die heimische Tierwelt, sollten allerdings einen Unterschied machen zwischen ,Freude' über die Rückkehr und ,Akzeptanz'." Denn: Wölfe, die offenkundig keine Scheu gegenüber dem Menschen zeigten, erschreckten ihn genauso "wie die Vorstellung, dass mein Kind beim Spielen plötzlich einem Wolf Auge in Auge gegenübersteht". Mittlerweile sagten Kindergärten in Gebieten mit Wolfssichtungen Walderlebnistage ab. "Ich befürchte, dass wir schon bald echte Bedrohungen von Menschen durch Wölfe erleben könnten."

Demgegenüber gibt das Kontaktbüro "Wölfe in Sachsen" in der Lausitz Entwarnung. "Der Mensch zählt nicht zur natürlichen Beute, doch viele befürchten, das könnte sich ändern, wenn die Tiere ausgehungert sind und keine Nahrung finden. Die Befürchtung ist unbegründet. Wildlebende Wölfe sind oft hungrig, ohne dass es zu Übergriffen auf Menschen kommt." Der Wolf werde im Welpenalter durch die Elterntiere auf sein Beutespektrum geprägt. "Der Mensch zählt nicht dazu."


Gefahrenquelle Straßenverkehr

Umgekehrt stellt der Mensch für den Wolf durchaus eine Gefahr dar - beispielsweise im Straßenverkehr. Kollisionen mit Autos und Lastwagen sind eine der Haupttodesursachen für Wölfe. Laut LfU wurde in den Jahren 2006 und 2016 in Bayern je ein überfahrenes Tier registriert.


Diskussion auf Facebook

Im Internet ist das Thema Wolf ebenfalls präsent. Facebook-Nutzerin Jennifer Schmidt schreibt, in Bayreuth (Eremitage) habe sie auch einen Wolf mehrfach heulen gehört. "Sie sind menschenscheu und haben es nicht verdient, erschossen zu werden, sie wollen auch nur leben."
Denis Boxem kommentiert: "Im Landkreis Coburg ist er herzlich willkommen, wenn er da auftauchen sollte. Da gibt's genug Wild, was er reißen kann. Wer weiß, wie oft Wölfe bei uns schon unerkannt durch sind. Ich hoffe, er hat noch ein langes Leben und kann Nachwuchs zeugen. Hoffentlich kommen nicht ein paar Blöde auf den Gedanken, Wölfe wieder zu schießen. Mich freut es, dass der Wolf langsam wieder in die Wälder zurückkehrt."
Nutzer Marc Heller schreibt zur Aufregung um den Wolf in Oberlaitsch: "Warum regt man sich da auf? Wenn es ein Wolf ist, ist es doch prima. Ich hoffe, dass ihn nicht irgendein Hirnloser abschießt. Das wäre dann ,aufregend'".
Einen Appell hat Christa Spindler parat: "Bitte lasst ihn leben und seid froh, dass man einen gesichtet hat. Nicht so ein Aufzug wie bei Bär Bruno."
Für Kathrin Pertz bedeutet die Berichterstattung, dass sie über eine eigene Wahrnehmung neu nachdenkt: "Ich hatte eine Wolfssichtung zwischen Trebgast und Himmelkron. Bisher dachte ich an einen Irrtum, aber wenn man das nun liest..."
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