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Gartenwochen

An jedem Ast eine andere Frucht

Bernhard Krauß hat ein ganz besonderes Hobby: Er veredelt Obstbäume und erntet viele Sorten von nur einem Baum.
Bernhard Krauß veredelt eine weitere Sorte auf seinen Zwetschgenbaum. Es ist schon die achte. Foto: Dagmar Besand
 
Zwei Obstbäume im Garten und davon 17 verschiedene Sorten Früchte ernten. Wie das möglich ist? Durch einen gärtnerischen Kunstgriff: die Veredelung! Bernhard Krauß aus Rugendorf hat diese Fertigkeit perfektioniert. In seinem Garten stehen die beiden Wunderbäume - Apfel und Zwetschge. Von jedem Ast baumelt ein Schildchen, das anzeigt, welche Frucht dort reifen wird.


Ideal: Nicht alles auf einmal


Die Veredelung ist das Hobby des gelernten Gärtnermeisters, der diese Methode des Obstanbaus ideal findet: "Ich brauche nicht kistenweise Obst von zig verschiedenen Bäumen. Soviel können wir doch gar nicht essen. So ernte ich fünf bis sechs Pfund von jeder Sorte - das reicht uns."

In der Summe ist das trotzdem eine Menge Obst, und dank der unterschiedlichen Reife- und Erntezeiten gibt es monatelang immer wieder andere leckere Früchtchen frisch vom Baum: Auf dem Apfelbaum, dessen Grundlage ein Wildling war, hat Bernhard Krauß neun Apfelsorten veredelt: Berowinka, Klarapfel, Delicius, Cox Orange, Gravensteiner, Roter Boskop, Jonathan, Danziger Kant und Gabi (benannt nach der Besitzerin des Baumes, von dem das Edelreis stammt).

Am Zwetschgenbaum wachsen gelbe und rote Renekloden, Bühler Zwetschgen, fränkische Hauszwetschgen, kleinfrüchtige und großfrüchtige Mirabellen und die Pflaume "Königin Viktoria".

"Ich hatte auch noch einen Birnbaum mit sieben Sorten, aber der ist leider ein Opfer des Birnenrosts geworden." Die gefürchtete Pilzerkrankung war nicht in den Griff zu bekommen.

Und wie geht das nun genau mit dem Veredeln? Bernhard Krauß demonstriert das an seinem Zwetschgenbaum, der mit einer achten Sorte bereichert wird.

Dafür benötigt er ein Edelreis seiner Wunschsorte. Der 56-Jährige hat eine stattliche Sammlung, aus der er ein geeignetes auswählt. Ein Edelreis ist ein mindestens bleistiftstarker und 30 Zentimeter langer Trieb aus dem vorherigen Sommer - vorzugsweise aus dem äußeren Kronenbereich.

"Die beste Zeit fürs Veredeln ist das Frühjahr, wenn sich die Rinde leicht von den Ästen lösen lässt."


Reiser schon im Winter schneiden


Die Edelreiser müssen allerdings schon im Winter geerntet werden - "in völliger Saftruhe im Dezember oder Januar bei frostfreiem Wetter". Gelagert werden sie in einem feuchten Keller: "Ein Felsenkeller wäre ideal, aber den haben natürlich die wenigsten", weiß Bernhard Krauß. Als Alternative empfiehlt er die Lagerung in einer Plastiktüte im Kühlschrank. Wichtig ist, dass die frischen Triebe nicht austrocknen.

Mit geübter Hand sägt der Experte einen Ast des Zwetschgenbaums ab, an dessen Stelle künftig zwei neue Äste mit neuer Sorte wachsen sollen. Mit einem scharfen Messer schneidet er hinter einem Auge das Edelreis schräg an. "Es muss ein sauberer, glatter Schnitt sein." Dann löst Bernhard Krauß behutsam das Cambium an der Veredelungsstelle - die grüne und saftige Wachstumsschicht mit der Rinde, und schiebt das vorbereitete Reis unter die Rinde.

Damit das Ganze Halt bekommt, wickelt er Bast um die Veredelungsstelle und verknotet ihn fest. Der letzte Schritt ist das Abschmieren der Schnittstellen mit Baumwachs, damit alle Wunden verschlossen werden.
Ob's geklappt hat, sieht man nach etwa einer Woche: "Wenn die Knospen größer werden, dann ist alles gut zusammengewachsen. Die Erfolgsquote des 56-Jährigen ist beachtlich: "In 95 Prozent aller Fälle funktioniert das problemlos." Seine zusätzliche Zwetschgensorte wird er schon im nächsten Jahr genießen können: Zwetschgen tragen am einjährigen Holz, Äpfel erst am zweijährigen.
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